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Ein Reisebüro für Treibhausgase: Wer bezahlt für die Treibhausgase

  • Simon Kiwek
  • 23. Nov. 2024
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Jan.

Der internationale Handel verursacht 20 % der weltweiten CO₂-Emissionen. Doch wer zahlt den Preis? Konsumenten in Industrieländern oder Produzenten in Schwellenländern? Wie gerechte Lösungen die Debatte um Klimazölle und CO₂-Verantwortung entschärfen könnten.



Die COP-29-Konferenz im aserbaidschanischen Baku ist beendet. Mit Ach und Krach haben die Vertreter aller UN-Nationen schließlich trotz zahlreicher Differenzen eine Einigung erzielt. Für viel Kritik sorgte die Abhaltung der Konferenz in einem Land, das sein Einkommen in erster Linie mit dem Export fossiler Energie erwirtschaftet. Oft kommt dieser Vorwurf aus der westlichen Zivilgesellschaft – ohne darauf hinzuweisen, dass dieses Öl und Gas schließlich im Westen verbrannt werden.


Wie so oft sorgt die Zuweisung der Verantwortung – und damit der Kosten – für Streit. Längst haben Länder wie Indien oder China allein aufgrund ihrer schieren Bevölkerungsgröße die Europäer und Amerikaner beim Ausstoß von Treibhausgasen überholt. Doch in einer globalisierten Weltwirtschaft, in der immer mehr Arbeitsschritte von der reichen in die sich entwickelnde Welt ausgelagert werden, ist die Zuordnung des CO₂-Ausstoßes einer Fabrik längst keine rein lokale Frage mehr. Mit zunehmendem internationalem Handel erhält diese Frage eine zusätzliche globale Dimension.


CO2 auf Reisen: Die globalen Lieferketten und ihr unsichtbarer Preis


Seit den 1990er-Jahren entwickeln sich viele Schwellenländer, allen voran China, zunehmend zur Werkstatt der Welt. Produkte reisen oft Tausende von Kilometern um die Welt, bevor sie schließlich an ihrem Bestimmungsort beim Konsumenten ankommen. Kaum ein Produkt im Handel westlicher Länder kommt noch ohne direkte oder indirekte Arbeitsschritte oder Ersatzteile „Made in China“ aus.


Wer letztlich die Verantwortung für die dabei entstandenen Treibhausgase trägt, die unsere gemeinsame Atmosphäre aufheizen, ist eine Frage der Perspektive: Ist es der europäische Konsument, der dieses Produkt am Ende kauft, oder die chinesische Fabrik, die es mit schmutziger Kohle gefertigt und überhaupt erst in den Handel gebracht hat? Traditionell werden die dabei entstandenen Treibhausgase dem Land zugeschlagen, in dem sie entstehen. Der Druck zur Anpassung und die Kosten für Investitionen, um diese Treibhausgase einzusparen, liegen dadurch bei der Fabrik in China oder Indonesien.


Dieser Ansatz verzerrt die Klimabilanz ärmerer Staaten erheblich, da sie in den globalen Wertschöpfungsketten die schmutzigen Tätigkeiten übernehmen. Exporte von CO₂ entfallen vor allem auf Mineralien, Chemikalien, Metalle, Öl sowie auf Produkte und deren Vorleistungen, die durch Strom und Transport bereitgestellt werden. Währenddessen entstehen im Westen vor allem saubere Office- und Dienstleistungsjobs. Der Konsument in den westlichen Ländern wäre so fein raus, wenn es um die Verantwortung geht – doch dagegen regt sich zunehmend Widerstand.


Eine Handelsbilanz für Treibhausgase 


Eine Bilanz der Importe und Exporte von Treibhausgasen wäre für Europa und die USA tiefrot: ein dickes Minus. Studien aus den 2010er-Jahren zeigen, dass China mit jedem exportierten Dollar etwa 2,18 Kilogramm Kohlendioxid-Emissionen verursacht, während in jedem importierten Dollar der USA 0,77 Kilogramm CO₂ stecken. Doch ein simples Gegenrechnen der Handelsströme und der darin enthaltenen Treibhausgase greift zu kurz. Es würde die tieferliegenden Mechanismen des CO₂ im internationalen Handel verzerren und zu falschen politischen Maßnahmen führen – etwa dazu, die Grenzen zu schließen und auf autarke Produktion zu setzen.



Die Daten zeigen, dass 2004 ein Großteil des CO₂-Transfers von China in die USA – konkret 161 Megatonnen – auf das amerikanische Handelsdefizit zurückzuführen war. Dies wird in der Abbildung als blauer Balken dargestellt. Bereits damals war China der unangefochtene Weltmeister im Warenexport – vor allem in Bezug auf Quantität, weniger auf den reinen Wert der Güter. Containerschiff um Containerschiff erreicht die amerikanischen Häfen, während leere Container den Rückweg nach Asien antreten. In Westeuropa, das den USA wirtschaftlich ähnlich ist, spielt die negative Handelsbilanz eine geringere Rolle. Hier dominieren andere Faktoren.


Auch der Energiemix zweier Länder spielt eine entscheidende Rolle. Zwei identische Fabriken können die gleichen Produkte herstellen, doch die Emissionen unterscheiden sich stark: In Frankreich stammt der Strom beispielsweise überwiegend aus Atomkraft, während in China Kohle dominiert. Das französische Produkt ist dadurch wesentlich klimaschonender. Wenn beide Länder die gleiche Menge dieser Produkte handeln, exportiert China netto dennoch die höheren Emissionen, während Frankreich diese importiert. Dieser Aspekt wird im gelben Balken dargestellt.


Einer der wichtigsten Faktoren ist die Energieintensität eines Landes. In jedem Dollar Wertschöpfung eines Landes steckt ein bestimmter Energieanteil. Reiche Länder, die ihr Einkommen überwiegend durch Bürotätigkeiten und Dienstleistungen erwirtschaften, verbrauchen naturgemäß weniger Energie als solche, die mit großen Maschinenparks materielle Güter für die Welt produzieren – wie China. Selbst in der Produktion sind die meisten europäischen Länder in puncto Energieeffizienz den Chinesen deutlich überlegen. Die Herstellung eines Computers unterscheidet sich beim Energieverbrauch in China und Irland kaum, aber in Irland lohnt sich die Produktion nur für höherpreisige Computer. In jedem Dollar eines irischen Computers steckt daher insgesamt weniger Energie. Diese Unterschiede zeigt der orange Balken.


Ein weiterer Faktor ist die Spezialisierung eines Landes. China hat sich innerhalb der globalen Arbeitsteilung darauf spezialisiert, treibhausgasintensive Güter herzustellen. Diese werden dort produziert, weil sie durch den kohlelastigen Energiemix in China günstiger hergestellt werden können. Westeuropäische Unternehmen hingegen müssen hohe Energieabgaben zahlen, während ihre Länder Energie oft teuer importieren. Chinesische Fabriken erhalten Aufträge genau deshalb, weil sie kostengünstiger CO₂ in die Luft blasen können. Dieser Mechanismus wird durch den grauen Balken veranschaulicht.


Was uns der CO2-Handel zwischen den großen Industrieländern offenbart


Der Vergleich der Handelsbeziehungen zwischen den großen Industrieländern offenbart, wie wichtig es ist, die Ursachen von Treibhausgasemissionen differenziert zu betrachten. Die USA importieren sowohl Güter als auch CO2 netto aus Japan und der Europäischen Union, betrachten wir rein die Handelsbilanzdefizite. Dieses Bild wandelt sich, sobald man die dahinterliegenden Ursachen mit einbezieht.


Die USA produzieren mit einem viel CO₂-intensiveren Energiemix aus fossilen Brennstoffen. Gleichzeitig steckt in jedem erwirtschafteten amerikanischen Dollar auch mehr Energie als in vergleichbaren Nationen. Ähnlich wie China haben sich die USA darauf spezialisiert, CO₂-intensive Güter für den Handel mit den anderen Industrieländern herzustellen – ein Wettbewerbsvorteil durch den Zugriff auf günstige heimische fossile Energien. Japan und die EU importieren diese Waren fleißig, die damit verbundenen Emissionen werden den jedoch Amerikanern zugerechnet. Japaner und Europäer waren also Nettoimporteure von Treibhausgasen aus den USA, obwohl sie diese gerne für ihren verschwenderischen Lebensstil schelten.


Man könnte sich ein Szenario vorstellen, in dem die Europäer und Amerikaner ihre Handelsbeziehungen komplett einstellen und ausschließlich auf heimische Produktion setzen. Dies würde bedeuten, die USA würden weniger klimaschädliche Exportgüter produzieren, auf die sie aktuell spezialisiert sind. Doch umgekehrt müssten die Europäer ihre eigene Produktion ausweiten, um diese Importe zu ersetzen. Das Ergebnis? Die Treibhausgasemissionen Europas würden steigen – um etwa 29 Megatonnen, wie der graue Balken im Handel mit den USA zeigt. Europa würde also „schmutziger“ werden.


Ist geteiltes Leid halbes Leid? 

 

Unter dieser Betrachtung ist es gar nicht so einfach, die Europäer vollständig aus der Verantwortung für Amerikas CO₂-Emissionen zu nehmen. In jeder Million exportierter Dollar der Europäer stecken etwa 78 Tonnen CO₂, verglichen mit 284 Tonnen in US-Exporten. In China sind es sogar 889 Tonnen. Ein konsumentenbasierter Ansatz würde die Kunden der beiden westlichen Blöcke dazu verpflichten, die höheren Preise für jede Tonne Treibhausgas zu zahlen, etwa in Form von CO₂-Steuern. In einem produktionsbasierten Ansatz müssten hingegen die chinesischen Exporteure diese Kosten allein tragen. In China handelt es sich immerhin um 1.350 exportierte Megatonnen CO₂, obwohl 354 Megatonnen davon in die Europäische Union und 327 Megatonnen in die USA gehen.



China allein stünde vor enormen Herausforderungen, die Kosten für CO₂ zu tragen, falls Emissionen einen Preis erhielten, etwa durch Zertifikate. Im Gegensatz dazu wären die Abnehmer in den USA und Europa fein raus. Forscher aus China schlagen daher ein Modell der geteilten Verantwortung vor. Diese Verantwortung sollte entlang der Treibhausgasintensität des Energiemixes bemessen werden, der in die Produktion der gehandelten Güter einfließt. Der Produzent würde für den Teil der Treibhausgase zahlen, der durch seinen ineffizienteren oder schmutzigeren Energiemix oder einen höheren Energieeinsatz entsteht. Die Kosten würden dabei die Differenz zum Energiemix im Empfängerland betragen – so, als wäre das Gut im Empfängerland hergestellt worden.


Würde diese Art der Kostenteilung angewendet, müsste China immer noch einen Großteil der Kosten tragen – etwa 32 % der weltweit gehandelten 5,1 Gigatonnen CO₂. Dies liegt vor allem an dessen kohleintensiven Produktion. Auf die Europäer und die USA entfielen jeweils etwa 11 bis 13 %. Auch wenn deren Exporte relativ CO₂-schonend sind, exportieren sie dennoch in erheblichen Mengen.


CO2-Handel entscheidend


Mit 5,1 Gigatonnen machten die international gehandelten Emissionen im Jahr 2011 immerhin 20 Prozent der globalen Emissionen aus der weltweiten Produktion aus. Dieser Handel fand überwiegend zwischen den USA, der EU, China, Japan und Südkorea statt. Internationale Wertschöpfungsketten sind inzwischen so komplex, dass der individuelle Konsument darauf nur wenig Einfluss hat. In Anbetracht der globalen Handelsströme und der lokal eingesetzten Energie in den einzelnen Ländern greifen Appelle an die individuelle Verantwortung somit viel zu kurz. Zudem ermöglicht die Spezialisierung im globalen Handel vielen Menschen in ärmeren Ländern den Weg aus der Armutsfalle – wie könnte man ihnen diese Chance verwehren?


Mit COVID-19, dem Handelskrieg zwischen den USA und China sowie den Sanktionen gegen Russland sind die oben genannten Zahlen überholt. Gleichzeitig wurde Chinas Energiemix durch die

rasante Installation erneuerbarer Energien sauberer. Die USA als auch Europa haben zuletzt auf starke protektionistische Maßnahmen zurückgegriffen, um sich stärker vom globalen Handel abzukoppeln. Die Europäer setzen auf Klimazölle, um dem sogenannten Kohlenstoff-Leck (Carbon Leakage) entgegenzuwirken. Diese Zölle sollen durch Abgaben an der Grenze die höheren Energiepreise für europäische Produzenten ausgleichen. Dennoch hat sich der internationale Handel in vielen Fällen lediglich verlagert – etwa in Länder wie Vietnam oder Indonesien. 


Der Klimawandel bleibt somit ein globales Problem, das sich nicht auf lokaler Ebene lösen lässt. Der internationale Handel fügt dieser Problematik eine weitere globale Dimension hinzu. Eine durchdachte Kostenteilung könnte Debatten entschärfen, die nicht nur das Klima, sondern auch die Gemüter erhitzen.


Weiterlesen: 


Jakob, M., & Marschinski, R. (2013). Interpreting trade-related CO2 emission transfers. Nature Climate Change, Vol. 3, pp. 19-23.

Zhu, Y., Shi, Y., Wu, J., Wu, L., & Xiong, W. (2018). Exploring the Characteristics of CO2 Emissions Embodied in International Trade and the Fair Share of Responsibility. Ecological Economics, Vol. 146, pp. 574-587.


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