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Märkte und Moral: Lehrmeister auf vier Pfoten

  • Simon Kiwek
  • 15. Apr. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Jan.

Millionen Labormäuse sind für die Wissenschaft unverzichtbar. Doch bezahlen auch sie den Preis für den Fortschritt. 




Im Jahr 2012 enthüllten Forscher in der russischen Stadt Nowosibirsk zum 55. Jahrestag der Gründung des Instituts für Zytologie und Genetik ein Denkmal: Eine 70 Zentimeter hohe Statue einer Maus im Laborkittel und mit Brille, die an einer DNA-Helix strickt. Dieses Denkmal würdigt das Opfer all jener Labormäuse, die den menschlichen Fortschritt ermöglicht haben.


Kleine Tiere, große Wirkung


Mäuse dienen seit über 100 Jahren als zentrale Helfer der medizinischen Forschung. Sie ähneln uns Menschen stark: rund 98 Prozent ihrer Gene stimmen mit den unseren überein. Mäuse wachsen schnell, lassen sich leicht halten und vermehren sich rasch. Dadurch sind sie ideale Versuchsmodelle der menschlichen Natur. Forscher züchteten Hunderte verschiedener Mäusestämme, die gezielt für Diabetes, Krebs oder Alzheimer anfällig sind. So helfen sie, die Rätsel menschlicher Gesundheit und Krankheiten zu entschlüsseln.


Russland gedenkt den Opfern der Labormaus



Gemäß dem Schöpfer Andrey Kharkevich symbolisiert die Statue das Bild einer Labormaus mit einem Wissenschaftler, die verbunden sind und dabei der selben Sache dienen. (Quelle: Institute of Cytology & Genetics, oJ)


Die Forschung an Tieren führt auch zu neuen Therapien, die Menschen länger gesund und arbeitsfähig erhalten. Dies senkt die Kosten für Pflege und Krankheit. Allein die Haltung einer Labormaus kostet jährlich rund 80 bis 100 Dollar. Trotz dieser geringen Investitionskosten wurde deren volkswirtschaftlicher Gewinn für die Menschheit nie berechnet.


Mäuse als Schlüssel zur Krankheitsforschung


Ein Beispiel: Wissenschaftler entdeckten, dass der Verlust bestimmter Nervenzellen das geistige Altern beschleunigt. Sie fanden ein Gen, das diesen Prozess aufhalten kann. Solche Erkenntnisse sind besonders wertvoll. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter, und Demenz entwickelt sich zunehmend zur Volkskrankheit.


Abbildung 2 Mäusebunker in Berlin



Düster, doch dem Zweck entsprechend gestaltet: Die Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin der Freien Universität Berlin. Im Volksmund „Mäusebunker“ genannt, führten Forscher dort bis 2020 Tierexperimente durch. (Quelle: Mo Photography Berlin/shutterstock, 2021) 


Allerdings stößt die Maus als Laborobjekt auch an Grenzen. Nicht alles lässt sich auf den Menschen übertragen. In einer Studie versagten 150 Medikamente, obwohl sie im Tierversuch gegen schwere Entzündungen geholfen hatten. Viele Mittel, die Mäusen das Leben retten, scheitern später in klinischen Studien.

Mäuse tragen auch zur Ausbildung junger Wissenschaftler bei. Viele Tiere, die sich nicht für Experimente eignen, nutzen Forscher für Trainingszwecke – etwa, um Operationen zu üben. So lernt der Nachwuchs, verantwortungsvoll mit Leben umzugehen.


Märkte und Moral: Ethische Entscheidungen und das Prinzip Hoffnung

Dabei helfen Labormäuse nicht nur, Medikamente und Kosmetika (ein Milliardenmarkt) zu testen. Sie liefern auch Erkenntnisse über unsere eigene Natur. In einem Experiment durften Probanden zwischen Geld oder dem Leben einer Maus wählen. Fast die Hälfte entschied sich für 10 Euro – und gegen das Leben der Maus.


Experimente mit Mäusen und Ratten verraten noch mehr über uns: In den 1950er-Jahren zeigte der Psychologe Curt Richter, wie stark Hoffnung und Erwartung wirken können. Er setzte die Tiere in ein Wasserbecken ohne Ausweg. Nach wenigen Minuten gaben sie auf und ertranken. Doch kurz vor deren Erschöpfung rettete Richter einige Tiere, trocknete sie und legte sie erneut ins Wasser. Die Ergebnisse waren erstaunlich: Diese Ratten schwammen bis zu 60 Stunden weiter – viel länger als jene, die nie gerettet wurden. Mäuse halfen uns zu verstehen, wie Hoffnung als Katalysator dienen kann, um beim Menschen ungeahnte Kräfte zu mobilisieren. Jenen, denen sie wiederholt genommen wurde, gaben schneller auf.


Wie menschenähnlich sind Ratten?


Der amerikanische Forscher John Calhoun errichtete in seinem Labor das sogenannte „Mäuseparadies“, um soziale Dynamiken zu untersuchen. Acht Mäuse lebten dort zunächst in perfektem Komfort: unbegrenzte Nahrung, ideale Temperatur, medizinische Versorgung und regelmäßige Reinigung. Sie vermehrten sich unkontrolliert – alle 55 Tage verdoppelte sich ihre Zahl. Ab einer gewissen Bevölkerungsdichte zeigte sich ein selbstzerstörerisches und abweichendes Verhalten: Es bildeten sich Klassen und soziale Gruppen, während Außenseiter – meist jüngere Mäuse – schikaniert wurden. Die Weibchen bekamen keine Jungen mehr und lebten als Einsiedlerinnen. Die Männchen konkurrierten nicht länger um sie und zogen sich aus jeder Herausforderung zurück.

Mag jeder seine eigenen Schlüsse über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ziehen.


Mäuseparadies 1970



(Bildquelle: Okamoto/wikicommons, 1970)


Balanceakt für die Zukunft


Das Opfer der Labormäuse verlängerte unser Leben, half, Krankheiten zu bekämpfen, und erweiterte unser Wissen über uns selbst und unsere Gesellschaft. Doch je klarer ihre Ähnlichkeit zu uns wird, desto größer die moralische Herausforderung, sie für unsere Forschung zu quälen. Wie viel Leid der Tiere ist vertretbar, um den menschlichen Fortschritt zu sichern? Die Statue in Russland erinnert uns an die Verantwortung, die diese Experimente mit sich bringen.



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