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Tierische Kapitalisten: Gorillas und ihre Wertanlagen

  • Simon Kiwek
  • 8. Jan. 2025
  • 10 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Jan.

Gorillas mit Wallets überwinden die Tragik der Allmende: Mittels Machine Learning und Blockchain testet ein lokales Unternehmen, wie eine lokale Wirtschaft Ökosysteme schützen kann.



Am Rande des zentralafrikanischen Virunga-Massivs steht ein kleiner Bauer vor einem Dilemma. Nach Jahren intensiver Nutzung ist sein Maniokfeld ausgelaugt, die Ernten werden geringer. Doch ist es die einzige Einnahmequelle, mit der er seine Familie ernähren kann. Direkt neben seinem Feld liegt ein jahrhundertealter Regenwald, unberührt und voller Leben. Doch in einem Land ohne relevante staatliche Kontrolle und ohne Grundbuch gibt es für den Bauern keine Barriere: Er dringt weiter in den Wald vor. Bald holzt er ihn ab, um sein Feld zu erweitern und so die Existenz seiner Familie zu sichern. 


Für den verarmten Subsistenzbauern, der um sein tägliches Überleben kämpft, hat der Regenwald auf den ersten Blick wenig Wert. Tiere werden gejagt, um Nahrung zu sichern, und das Holz dient als Brennstoff für den Ofen. Die Vielfalt und das reiche Leben des Urwalds scheinen im Überfluss vorhanden. Die Logik des Bauern ist dabei keine Ausnahme: Mit dem Bevölkerungswachstum in den ärmsten Regionen der Welt schreitet auch der Raubbau an den lokalen Ökosystemen unaufhaltsam voran und bringt die darin lebende Biodiversität an den Rand des Kollapses. Steter Tropfen höhlt den Stein. Schlimmer noch, der Bauer selbst steht vor einem Dilemma: Plündert er den Regenwald nicht, wird es jemand anderer tun und dessen Schätze sind für ihn und seine Familie verloren. Warum sollte er also nicht selbst zugreifen? Ein Phänomen, das unter Ökonomen als die Tragik der Allmende bekannt ist. 


Die Tragödie der Allmende



Abgeholzte Wälder, überfischte Meere, abgegraste Weiden, Wilderei, ausgetrocknete Wasserquellen, ausgelaugte Ackerflächen: Die Tragödie der Allmende hat viele Gesichter. Menschen nutzen gemeinsame Ressourcen über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Das Dilemma: Wenn der Einzelne nicht so viel wie möglich aus der Ressource herausholt, kann er nicht sicher sein, dass es ein anderer nicht doch tut. Dieses Verhalten ist kurzfristig rational, langfristig aber zerstörerisch. Am Ende verlieren alle. Neue Technologien könnten dieses Dilemma entschärfen: Sie sorgen für mehr Transparenz und Überwachung und können sogar Anreize für nachhaltigeres Verhalten setzen. (Quelle: Arthur Simoes/Shuttertstock)


Gorillas als Kapital


Unsere Geschichte führt uns nicht zufällig in das Virunga-Massiv. Hier schrieb Dian Fossey Geschichte, als sie die hier lebenden Berggorillas erforschte und zugleich Wilderei bekämpfte - ein Einsatz, den sie schließlich mit ihrem Leben bezahlte.  Denn der Anreiz, Gorillas zu jagen, ist enorm: Zoos bezahlen viel Geld für Gorilla-Babys, und in Teilen Asiens erzielen Körperteile der Tiere aufgrund okkulter medizinischer Bräuche Spitzenpreise. Für deren Erhalt wurde jedoch lange Zeit niemand belohnt. Während lokale Gemeinschaften Jagd auf die Tiere machten, erkannten die Regierungen im Dreiländereck Ruanda-Uganda-Demokratische Republik Kongo (DRC) den Wert der Gorillas als Touristenattraktion. Safari-Touristen aus aller Welt zahlen bis zu 1.500 US-Dollar pro Person für die Chance, Gorillas in freier Wildbahn zu sehen. Im Jahr 2022 erwirtschaftete allein Ruanda rund 82 Millionen US-Dollar durch den Gorilla-Tourismus. 


Dennoch blieb Wilderei vor Ort ein Problem. Für viele lokale Gemeinschaften bedeutet Biodiversität keinen Wert. Was für Touristen aus den Safari-Lodges ein faszinierender Anblick ist, ist für die Menschen vor Ort eine tägliche Herausforderung. Wildtiere zerstören Felder, die die Lebensgrundlage der Bauern bilden. Zudem stehen Nutztiere wie Ziegen und Rinder in direkter Konkurrenz zu den Schutzbemühungen. In vielen Fällen, wie bei Löwen und Tigern, stellen sie sogar eine Bedrohung für Leib und Leben dar.


Die Nationalparkverwaltungen, oft von ausländischen Regierungen und zahlungskräftigen NGOs finanziert, greifen zu drakonischen Maßnahmen, um die Wilderei und die Notwehrmaßnahmen der lokalen Bevölkerung zu unterbinden. Diese Maßnahmen gehen bis hin zur Vertreibung der einheimischen Völker von ihrem angestammten Land und dem Ausschluss vom Zugang zu wichtigen Ressourcen. Die Menschenrechtsorganisation Survival International spricht in manchen Fällen gar von einem grünen Genozid.


Nationalparks in Afrika kommen oft in Konflikt mit Menschenrechten



Die französische Regierung stellte 2023 ihre Finanzierung für den Kahuzi-Biega-Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo ein. Der Grund: schwere Menschenrechtsverletzungen. Ein Bericht der Minority Rights Group dokumentierte Gewalt durch Parkwächter gegen das indigene Volk der Batwa. Laut Survival International soll es zu erschütternden Verbrechen gekommen sein: Verbrennung von Kindern bei lebendigem Leib, Gruppenvergewaltigungen, Mord und Folter. Trotz dieser Berichte setzt die deutsche Regierung ihre Unterstützung des Parks fort. Den hohen Preis für den Naturschutz bezahlen die Batwa. Sie werden aus ihrem angestammten Lebensraum und ihrer Lebensweise im Einklang mit der Natur vertrieben. Viele von ihnen landen in städtischen Slums, werden Opfer von Verbrechen und haben kaum Perspektiven. (Quelle: Survival International, 2023)  


Die Regierungen in Kigali und Kampala haben dagegen erkannt, dass der Schutz der Gorillas nur möglich ist, wenn lokale Gemeinschaften von den Einnahmen profitieren. Zwischen fünf und dreißig Prozent beträgt deren Anteil. Doch pro Kopf handelt es sich dabei immer noch um geringe Summen, und die Verteilung innerhalb der Gemeinden bleibt oft willkürlich und ungerecht.  


Eine Brücke zwischen Kapitalismus und Naturschutz 


Doch führt auch diese schlichte Beteiligung der Gemeinden nicht zu einem Anreiz für die Bewohner, Teil ihrer natürlichen Umgebung zu sein und diese nachhaltig zu bewirtschaften. Dabei gibt es mit den von der UNESCO initiierten Biosphärenreservaten längst erfolgreiche Modelle. Es braucht Strukturen, die Menschen vor Ort dazu motivieren, die Artenvielfalt ihrer Region zu erhalten. Ein Ansatz könnte eine ökonomische Partnerschaft zwischen Parkverwaltung und lokalen Gemeinschaften sein. Beispielsweise könnte die Höhe der Einnahmen aus dem Tourismus an den Zustand der Biodiversität vor Ort gekoppelt werden. Wächst die Population geschützter Arten nachweislich, steigen auch die Einnahmen der Gemeinden. 


Der Vorteil: Die Menschen vor Ort kennen ihre Gemeinschaften. Sie wissen oft, wer hinter der Wilderei steckt, sind Behörden und Polizei gegenüber jedoch misstrauisch und haben keinen Anreiz mit diesen zu kooperieren. Mit diesem wirtschaftlichen Anreiz können sie Regelverstöße schneller und effektiver ahnden als staatliche Akteure. Zudem erweisen sich ehemalige Wilderer häufig als die begabtesten Ranger. Sie kennen das Verhalten der Tiere, ihren Tagesrhythmus und Bewegungsmuster. Durch gezielte Integration dieses Wissens und durch finanzielle Anreize könnten Naturschutz und lokale Entwicklung Hand in Hand gehen. 


Laikipia



In Rumuruti, Kenia, versucht sich eine von der Dürre geschwächte Kuh unter den Augen ihres Samburu-Hirten wieder aufzurichten. Die Szene ist ein Sinnbild für die wachsenden Konflikte zwischen Mensch und Natur in Ostafrika. Einerseits durch die Naturschutzbemühungen und den Safaritourismus sowie die ständig wachsenden Herden, andererseits durch die schrumpfenden Wasserressourcen aufgrund der anhaltenden Dürre. Auf der Suche nach überlebenswichtigen Wasserlöchern und Weiden dringen Nomadenvölker wie die Pokot, Samburu oder Turkana immer tiefer in die weitläufigen Schutzgebiete zumeist europäischer Besitzer. Diese Grenzüberschreitungen schüren Spannungen, die nicht selten in Gewalt enden. Besonders prominent dabei ist die Geschichte um Kuki Gallmann. Die bekannte Naturschützerin und Autorin wurde mehrfach Ziel von Angriffen. Ihre Luxus-Safari-Lodge in Laikipia wurde niedergebrannt, ein anderes Mal erlitt sie einen Bauchschuss, der sie schwer verletzte. Auch hier stellt sich die Frage, wie sich Naturschutz und die wirtschaftlichen Interessen lokaler Gemeinschaften bei schwindenden Ressourcen verbinden lassen. (Quelle: Crisis Group/ Nicolas Delaunay, 2022)


Interspecies Money verbindet


Jonathan Ledgard, Futurist und Unternehmer, sieht in der Marktwirtschaft ein fundamentales Problem: Sie versagt darin, der Natur einen angemessenen Wert beizumessen. Als Technologie-Enthusiast verhalf er bereits dem Drohnentransport in Afrika zum Durchbruch, und nun glaubt er, dass neue digitale Technologien dieses Marktversagen beheben und dabei helfen könnten, die Tragödie der Allmende zu überwinden. Ausgerechnet Hochtechnologie soll die Natur und ihre indigenen Völker retten. 


In seinem revolutionären Konzept werden Tiere nicht länger nur als Ressourcen betrachtet und deren Wert auf die Verwertung ihrer Körperteile reduziert, sondern sie würden aktive Akteure in einem Wirtschaftssystem, in dem sie bisher unsichtbar waren. Jeder Gorilla, Elefant und sogar Korallenriffe und Kolonien von Mikroorganismen erhalten dabei einen digitalen Zwilling - eine virtuelle Repräsentation, die mit einer digitalen Geldbörse - einer Wallet - ausgestattet ist. Diese Wallet wird mit einem Geldbetrag befüllt, der es diesen Lebewesen ermöglicht sowohl mit Menschen als auch untereinander zu handeln. Die Höhe des Geldbetrages spiegelt wiederum den kulturellen und wirtschaftlichen Wert des Geschöpfes wider, den die Gesellschaft diesem beimisst. So ist der Gott Ganesha in der hinduistischen Kultur halb Elefant und halb Mensch, womit der Elefant in der Indischen Kultur einen anderen Stellenwert besitzt als in Europa.  


Offensichtlich können Tiere jedoch keine Transaktionen selbst ausführen. Hier kommen neueste Überwachungstechnologien ins Spiel: Satelliten, Wildtierkameras, Drohnen, Mikrofone und Sensoren sammeln Daten über das Verhalten der Tiere. Eine Blockchain automatisiert die Verifikation der Transaktionen und verwaltet die Datenströme sicher vor Manipulationen und unabhängig von äußere Einflüsse, was mit menschlicher Arbeitskraft nicht mehr zu bewältigen wäre. Eine Künstliche Intelligenz wertet diese Daten aus und interpretiert deren Verhaltensmuster, um daraus Präferenzen und Bedürfnisse abzuleiten. Daraus leitet die KI schließlich ab, welche Dienstleistungen ein Tier zum gegebenen Zeitpunkt benötigt. 


Ledgard beschreibt eine Herde Giraffen, die in der Nähe eines abgelegenen Dorfes grast. Die Bewohner erhalten per App eine Benachrichtigung über die Anwesenheit der Tiere. Die Giraffen könnten diese schließlich über ihre Wallets dafür bezahlen, Wasserlöcher instand zu halten oder sie beim Zugang zum Wasser gegenüber dem eigenen Vieh zu privilegieren. Sie könnten auch für Schutz vor Wilderern oder medizinische Hilfe bezahlen. Gorillas könnten Dorfgemeinschaften dafür kompensieren, den Regenwald nicht in Ackerland umzuwandeln und Wölfe Bauern für gerissenes Vieh entschädigen. In allen Szenarien verdienen die lokalen Gemeinschaften ein Einkommen, indem sie den Erhalt der Artenvielfalt fördern. 


Interspecies Money eröffnet auch einen neuen Markt für Daten. Einheimische könnten Geld aus den tierischen Wallets verdienen, indem sie für die KI Informationen sammeln: Tiere zählen, Wildtiergeräusche aufzeichnen, oder bedrohte Arten zu dokumentieren. Diese Daten wären essenziell, um die Bedürfnisse der Tiere zu verstehen und ihre Wallets entsprechend zu verwalten. 



Geldkreislauf von interspecies Money



Der visionäre Geldfluss von Interspecies Money: So könnten Smartparks der Zukunft funktionieren. Mittels digitaler Technologien und automatisierter Finanzsysteme könnten Naturschutzparks der Zukunft effizienter und gerechter für alle werden. Tiere und Ökosysteme würden durch digitale Zwillinge und deren virtuelle Wallets direkt in das Wirtschaftssystem eingebunden. Mit den Einnahmen aus Tourismus, Spenden oder CO2-Zertifikaten könnten Smartparks nicht nur Schutzmaßnahmen finanzieren, sondern auch die lokale Bevölkerung integrieren. Für das Entfernen von Wildererfallen oder die Instandhaltung von Wasserstellen können die Bewohner direkt an der Artenvielfalt partizipieren. Dies könnte die Finanzierung von Naturschutz transparenter machen und die Biodiversität langfristig erhalten. Tiere würden über ihre Wallets direkt dafür bezahlen und damit auch soziale Konflikte entschärfen sowie neue Einkommensquellen für arme ländliche Gemeinden schaffen. (Quelle: jaspersponk.nl)


Finanzierung 


Zur Finanzierung seines Projektes schlägt Ledgard die Gründung einer Bank for Other Species (BoS - eine Bank für andere Spezies) vor. Diese Institution würde sich - ähnlich wie die Weltbank für die Armutsbekämpfung - ausschließlich dem Schutz der biologischen Vielfalt widmen. Angesichts des weltweiten Aufstieges digitaler Währungen wäre die Idee von tierischen Wallets technisch durchaus umsetzbar. Doch bleibt die Frage: Wer füllt diese tierischen Wallets letztendlich mit Geld?


Regierungen haben sich weltweit dem Schutz der Biodiversität verpflichtet. Aber die großen Beträge fließen vor allem in die reichen Industrieländer. Die artenreichsten Gebiete befinden sich hingegen im globalen Süden, häufig in ärmlichen Regionen rund um den Äquator. Damit müssen dringend zusätzliche Mittel mobilisiert werden. Ledgard denkt dabei an multilaterale Organisationen, private Spender und Philanthropen, sowie Touristen und lokale Gemeinschaften als direkte Verwalter der Artenvielfalt.


Trotz ambitionierter Ziele bleibt die Realität ernüchternd. Biodiversität ist zu ihrem Erhalt darauf angewiesen, dass die Menschen ihre Schatullen öffnen. Doch wie in Zoos, ist auch bei Interspecies Money absehbar, dass die Publikumslieblinge die größten Finanzmittel erhalten. Arten mit geringerem Niedlichkeitsfaktor hätten es schwer. Schlechte Karten also für den Blob-Fisch, dem lediglich die Ugly Animal Preservation Society Aufmerksamkeit widmet. Doch reicht dies, um die gefährdeten Ökosysteme in ihrer Gesamtheit zu bewahren? Die Welt gibt derzeit jedes Jahr mehr Geld für Haustierfutter aus als für den Schutz wilder Arten. 


Kein Geld für den Blob-Fisch?



2024 wurde der Blob-Fisch zum hässlichsten Tier der Welt gewählt. Tiere wie er ziehen in der Regel sehr wenig Finanzierung für seinen Erhalt an. Mit Interspecies Money würde auch er einen fairen Anteil für seinen Beitrag am Erhalt seines Ökosystems erhalten.  


Eine Börse innerhalb der Tierwelt


Gorillas sind nicht nur eindrucksvolle Tiere. Sie sind auch zentrale Akteure ihres Ökosystems. In den Virungas tragen sie maßgeblich zur Widerstandsfähigkeit ihrer Umwelt bei. Indem sie die Samen der Früchte, die sie fressen, verbreiten, fördern sie das Wachstum neuer Pflanzen und die Regeneration des Waldes als Ganzes. Dieser liefert Holz, Nahrung und andere Ressourcen, die auch lokalen Gemeinden zugutekommen. Ihre Bewegungen stabilisieren den Waldboden und verhindern so Erosion - ein wichtiger Beitrag, um Ernteverluste zu vermeiden. 


Dies leisten Ökosysteme weltweit: Sie bieten Schatten, Obdach, Schutz vor Sturmfluten und speichern Wasser. Fledermäuse und Vögel fressen Schädlinge, Geier entsorgen Aas, bevor Keime Krankheiten verbreiten können. Reptilien liefern chemische Stoffe, die von der Pharma- und Kosmetikindustrie genutzt werden. Schlangengift ist beispielsweise die Grundlage für schmerzlindernde Medikamente. Ingenieure lernen von der Natur - ob durch das Schwarmverhalten von Vögeln oder die aerodynamischen Eigenschaften von deren Flugbewegungen. Agrarunternehmen zapfen die genetischen Eigenschaften von Wildpflanzen an, um ihre Saatgüter widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen. Die Natur ist so etwas wie ein lebendiges Archiv der Evolution - und der Kapitalismus schöpft daraus stetig Nutzen.  


J.M. Ledgard, Erfinder von Interspecies Money



Ledgard blickt auf eine beeindruckende und vielseitige Karriere zurück. Als Journalist berichtete er für den Economist aus Asien, Lateinamerika, Europa und Afrika. Oft war er als Kriegsberichterstatter unterwegs, doch er berichtete auch zu ökonomischen Themen. Daneben schrieb er mehrere Romane, wie Giraffe oder Submergence, die später verfilmt wurden. Zuletzt widmete er sich der Einführung fortschrittlicher Technologien in Afrika. Als Gründer des Drohnenunternehmens Zipline etablierte er ein flächendeckendes Drohnennetzwerk in Ruanda, das heute weltweit als Standard gilt. Dieses System revolutionierte die Lieferketten im Gesundheitssektor und bringt lebensrettende Medikamente auch in abgelegene Regionen. Mit seinem Interspecies Money-Konzept verfolgt Ledgard nun eine weitere Vision: ein Finanzsystem, das Tiere und Ökosysteme direkt in die globale Wirtschaft integriert und dabei Technologie, Naturschutz und Innovation verbindet. (Quelle: wikicommons)


Einzig, werden Tiere und Pflanzen für ihre Leistungen nicht wertgeschätzt - geschweige denn entlohnt. Ledgard schätzt den wirtschaftlichen Gegenwert der Bestäubung durch Insekten und Vögel auf 400 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Sein Interspecies Money würde es Tieren ermöglichen, diese Leistungen zu monetarisieren. Tiere, die aktiv zum Erhalt ihrer Umwelt beitragen, würden Zahlungen auf ihre digitalen Wallets erhalten. Selbst die unscheinbarsten Lebensformen - von Bäumen bis zu Mikroorganismen - könnten damit in das Wirtschaftssystem eingebunden werden.  


Sogar Tiere wie Moskitos, die wir als lästig empfinden, hätten in diesem System einen Wert: Sie dienen als Nahrung für Jungfische. Diese würden für ihren Dienst als Nahrungsquelle entlohnt werden. Damit wird der ökonomische Wert aller Lebewesen in der Nahrungskette anerkannt und der Schutz der Natur zu einem integralen Bestandteil unseres Wirtschaftssystems. 


Ein Schritt näher an der Utopie


Im August 2024 konnte Ledgard seine Ideen in einem ersten Pilotprojekt umsetzen. Eine Familie von Berggorillas im Volcanoes-Nationalpark erhielt ihre eigene digitale Identität und Wallet. Mithilfe von Hochpräzisionskameras werden die Bewegungen der Tiere durch den Urwald verfolgt, ein Gesichtserkennungsprogramm lernte, zwischen 41 Individuen zu unterscheiden und Algorithmen, die auf Machine Learning basieren, analysieren die Verhaltensmuster und identifizieren Bedürfnisse in Echtzeit. Die App Tehanun agiert als Vermittler zwischen den Gorillas und der lokalen Gemeinschaft. Ähnlich wie bei Plattformen wie Uber oder Airbnb können Einheimische Aufgaben übernehmen und werden dafür direkt aus den Gorilla-Wallets bezahlt. Erste Transaktionen fanden bereits statt: Die Gorillas bezahlten die Bewohner für das Entfernen von Wildererfallen. 


Dieser Ansatz schafft eine lokale Gig-Economy, selbst in den abgelegenen Regionen der Erde. 

Besonders Länder mit hoher Biodiversität zählen oft zu den ärmsten und leiden unter horrender Jugendarbeitslosigkeit. Dort ist die Subsistenzlandwirtschaft sowie die Ausweitung der Ackerflächen oft die einzige Option, um zu überleben. Junge Menschen vor Ort, die oft keine andere wirtschaftliche Perspektive haben, können so Geld verdienen. Mit Interspecies Money ließen sich die Entwicklungen vor Ort umkehren. Immerhin ist die Erweiterung von Ackerland im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, die größte Ursache für den weltweiten Biodiversitätsverlust. Es käme zu einem regelmäßigen Finanzfluss aus den reichen Industrieländern in die artenreichen Regionen des globalen Südens. Die Menschen dort würden davon profitieren, Tiere und Ökosysteme nicht mehr nur zu tolerieren, sondern diese aktiv zu schützen und zu pflegen. 


Längst leben wir im sechsten großen Massensterben der Geschichte der Erde. Seit 1970 hat sich die Anzahl wildlebender Tiere halbiert. Die Biomasse aller Hühner übersteigt diejenige aller wildlebenden Vögel, während die Masse der Menschen mit ihren Nutztieren ist 25-mal größer ist als die der Wildtiere. Nutztiere haben die Wildnis ersetzt. Neue Technologien vermögen nicht nur die Kluft im Verständnis zwischen Mensch und Tier zu überbrücken, sondern sie könnten gar helfen, das jahrhundertealte Dilemma der Tragödie der Allmende zu überwinden. 

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