Vom Kaukasus bis Zentralasien: Warum Millionen nach Russland migrieren
- Simon Kiwek
- 17. Apr. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.
Russland bleibt trotz globaler Isolation ein Magnet für Millionen Arbeitsmigranten – und prägt damit Wirtschaft und Gesellschaft in ganz Eurasien. Aber die Abhängigkeiten lösen sich.

Trotz internationaler Isolation nach der Invasion der Ukraine bleibt Russland eines der wichtigsten Ziele für Arbeitsmigranten weltweit. Auch 35 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion zieht das Land weiterhin Menschen aus dem Kaukasus, Zentralasien und ehemaligen osteuropäischen Sowjetrepubliken an. Die Schicksale dieser Länder sind seit Jahrhunderten eng miteinander verflochten. Russland fungiert noch immer als Schutzmacht, Investor und kultureller Hegemon.
Die Rücküberweisungen der Arbeitsmigranten aus Russland sind für viele Menschen in Ländern wie Usbekistan, Armenien oder Tadschikistan lebenswichtig. Doch auch dort ist die Welt im Wandel, und die Suche nach neuen Migrationsrouten beginnt.
Russland: Anziehungspunkt für Millionen Migranten
Russland steht nach den USA, Deutschland und Saudi-Arabien weltweit an vierter Stelle als Zielland für internationale Migration. 2023 lebten laut Schätzungen rund 10,5 Millionen Migranten in Russland. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen, da viele Menschen ohne offizielle Papiere oder Registrierung einreisen. Die langen, schwer kontrollierbaren Grenzen erleichtern die Migration zusätzlich.
Beispiel Tadschikistan: 2023 lebten offiziell rund 1,3 Millionen Tadschiken in Russland. In den letzten zwei Jahren erhielten weitere 200.000 die russische Staatsbürgerschaft. Aus Usbekistan kamen mindestens 630.000 Menschen. Schätzungen gehen jedoch von bis zu 4 bis 8 Millionen Usbeken aus, wenn man auch die illegal im Land lebenden Personen einbezieht. Hinzu kommen etwa 328.000 Kirgisen. Moldawien, das sprachlich auch mit Rumänien und Italien verbunden ist, hatte bis 2020 rund 300.000 Migranten in Russland – ein Fünftel aller moldauischen Auswanderer.[1]
Die gewaltigen, annähernd ungesicherten Grenzen Zentralasiens begünstigen Migration nach Russland

Vom sowjetischen Binnenmarkt zum Migrationsmagneten
Schon zu Sowjetzeiten arbeiteten viele Menschen aus Zentralasien und dem Kaukasus in russischen Industriezentren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion blieb Russland eine der wenigen Republiken mit nennenswerter Industrieproduktion und höheren Löhnen.
Die Rolle Russlands als Zielland für Migranten ist daher historisch gewachsen. Die gemeinsame Sprache und fehlende Visapflichten erleichtern die Migration bis heute. Besonders für saisonale und gering qualifizierte Arbeitskräfte ist der Weg nach Russland attraktiv.
Rücküberweisungen als Lebensader für die Herkunftsländer
Arbeitsmigranten senden jedes Jahr Milliarden Dollar in ihre Heimatländer. Diese Rücküberweisungen sind für viele Volkswirtschaften in Russlands Nachbarschaft die wichtigste externe Finanzquelle – noch vor ausländischen Direktinvestitionen oder Entwicklungshilfe.
In den zentralasiatischen Republiken machen Rücküberweisungen aus Russland oft bis zu 80 Prozent aller Auslandsüberweisungen aus. Sie tragen zwischen 15 und 39 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und sind somit ein entscheidender Hebel für Konsum, Investitionen und Armutsbekämpfung.
Land | Remittances (Mrd. USD) | Anteil am BIP (%) | Anteil aus Russland (%) |
Tadschikistan | 3,6 | 39 | >80 |
Kirgisistan | 2,5 | 22 | 94 |
Usbekistan | 13,9 | 15 | 78 |
Armenia | 1,45* | 6* | 69 |
Moldova | 2,01* | 12,2* | |
Georgia | 4,2* | 13,3* | 37 |
Azerbaidjan | 1,91* | 2,6* | 63 |
Quelle: (Flore, 2018), (Bank, 2025)
Zentralasien und Südkaukasus: Eine kleine Sowjetunion
Die Länder Zentralasiens sind besonders abhängig von Migration nach Russland. Die Lohnunterschiede sind groß: Selbst nach der Rubelabwertung 2022 lag das Durchschnittseinkommen in Usbekistan nur bei 42 Prozent des russischen Niveaus, in Tadschikistan sogar bei 20 Prozent. Die meisten Migranten arbeiten in Bau, Landwirtschaft, Dienstleistungen und Transport – oft ohne Arbeitsvertrag oder soziale Absicherung.
Auch aus Georgien, Armenien und Aserbaidschan zieht es viele Menschen nach Russland. In Armenien und Aserbaidschan sind Rücküberweisungen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, insbesondere in Krisenzeiten. Hier zeigt sich jedoch eine Wende: Georgien orientiert sich zunehmend nach Westen, Aserbaidschan Richtung Türkei. Armenien, lange ein treuer Verbündeter Russlands, sucht verstärkt Unterstützung bei seiner Diaspora in Frankreich und den USA nachdem sich der Kreml als immer unzuverlässiger herausgestellt hat.
Tadschikische Einwanderer befreien Moskaus Straßen vom Schnee

Osteuropa und die Ukraine: Neue Wege und Herausforderungen
Viele osteuropäische Länder suchen alternative Migrationswege. Moldawier nutzen ihre Sprachverwandtschaft mit Rumänen, Italienern und Spaniern. Weißrussen sehen kaum die Notwendigkeit aus wirtschaftlichen Gründen auszuwandern.
Die Situation für Ukrainer ist besonders komplex: 2015 lebten rund sechs Millionen Ukrainer in Russland. Die Ukraine war wirtschaftlich schlechter aus der Transformationsphase hervorgegangen als Russland. Der Migrationskorridor von in der Ukraine Geborenen, die in Russland leben, ist nach Mexikanern in den USA und Syrern in der Türkei mit vier Millionen Menschen der drittgrößte der Welt.
Nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass flohen viele Ostukrainer nach Russland. Heute leben laut UN etwa 1,3 Millionen ukrainische Flüchtlinge in Russland – mehr als in Deutschland.
Nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass flohen viele Ostukrainer nach Russland. Heute leben laut UN etwa 1,3 Millionen ukrainische Flüchtlinge in Russland – mehr als in Deutschland.
Remittances in die Ukraine
Die Ukraine hatte schon immer eine Auswanderungsgeschichte: geschätzt 20 Millionen Ukrainer und deren Nachfahren leben heute verstreut um die Welt. Mit der großangelegten Invasion Russlands mobilisierte diese Diaspora gewaltige Beträge, um ihre Heimat zu unterstützen – ob mit zivilen Hilfsgütern oder mit Waffen oder mit Know-how. Ukrainische Communities schlossen sich weltweit zu Netzwerken zusammen, um ihren Landsleuten zu Hause beizustehen. Digitale Dienste machten dies leichter als jemals zuvor.
Dennoch gingen die direkten Rücküberweisungen an Familienmitglieder stark zurück oder haben sich sogar umgekehrt: Viele im Ausland lebende Ukrainer nahmen ihre Verwandten nun direkt bei sich auf, anstatt Geld zu schicken. Doch schickten ukrainische Männer, die nicht ausreisen durften, ihren Sold oder Einkommen an ihre in die EU geflüchtete Familien. Zudem hat die ukrainische Nationalbank die Statistik geändert: Seit 2023 gelten Flüchtlinge nicht mehr als Non-residents, ihre Zahlungen werden nicht mehr als Remittances klassifiziert.

Ukrainekrieg hat Folgen für alle Migranten
Der Krieg führte auch zu indirekten Folgen für andere Arbeitsmigranten in Russland. 2023 verlor der Rubel gegenüber dem US-Dollar massiv an Wert. Jeder überwiesene Rubel verlor fast 40 Prozent seiner Kaufkraft im Ausland. Das führte zu verstärkter Migration: 72 Prozent mehr Usbeken kamen nach Russland im Vergleich zum Vorjahr.
Rücküberweisungen sanken insgesamt um zehn Prozent. Westliche Sanktionen und Finanzrestriktionen erschweren Geldtransfers. Viele Banken in den Herkunftsländern akzeptieren aus Angst vor Sanktionen keine Überweisungen aus Russland mehr. Ein wachsender Anteil wird über informelle Kanäle abgewickelt, was die Kosten und Risiken erhöht. Zählten die Überweisungen zwischen den GUS-Staaten früher zu den günstigsten, zählen sie heute zu den teuersten.
Der Terroranschlag in der Crocus-Hall in Moskau durch mutmaßlich tadschikische IS-Anhänger führte zu einer massiven Verfolgungswelle und Deportationen durch die russischen Behörden. Zugleich wächst auch die Skepsis innerhalb der russischen Bevölkerung gegenüber der Zuwanderung aus den islamischen Staaten.

Quelle: (Bank, 2025)
Bleibt Russland das Zentrum für Arbeitsmigration?
Doch eröffnet auch die Digitalisierung den jungen Menschen aus Zentralasien neue Möglichkeiten, Arbeiten in anderen Ländern zu finden. Die Regierungen erkennen selbst die Risiken der einseitigen Abhängigkeit von Russland. Usbekistan sucht daher gezielt Kooperationen mit Deutschland und Südkorea.
Russland leidet inzwischen unter einem massiven Arbeitskräftemangel – nicht nur auf den Feldern, dem verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor, sondern sogar in der Rüstungsindustrie. Viele nehmen die gewaltigen Prämien der Behörden in Anspruch, um in die Ukraine in den Krieg zu ziehen – und fehlen am Arbeitsmarkt. Viele gut ausgebildete Russen sind zudem ausgewandert, um der Mobilisierung durch den Krieg zu entgehen. Man schätzt den Arbeitskräftemangel inzwischen auf fast fünf Millionen Menschen.
Auch Russland profitiert von Rücküberweisungen. 2023 erhilet das Land selbst 5,8 Milliarden US-Dollar aus dem Ausland. Oft sind es tschetschenische Communities im Ausland, die ihren Verwandten in der verarmten nordkaukasischen Republik unter die Arme greifen.
Die Entwicklungen der Remittances ist ein Seismograph für die wirtschaftliche und politische Lage in der Region. Die Möglichkeiten, in Russland Geld für die Heimat zu verdienen, dürfte unter den aktuellen Entwicklungen in den nächsten Jahren weiter abnehmen – ist man nicht bereit an die Front zu ziehen.
Junge Menschen aus Zentralasien werden zunehmend andere Wege und Ziele suchen – und damit auch kulturelle Beziehungen zu neuen Zielländern aufbauen. Russland droht, weiter an Einfluss zu verlieren. Doch auch Russland orientiert sich inzwischen neu: In Afrika wurden Anwerbeprogramme gestartet, um junge Frauen nach Russland zu bringen.





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