Wasta: Korruption und Sozialkapital, zwei ungleiche Brüder
- Simon Kiwek

- 9. Feb.
- 12 Min. Lesezeit
Jordaniens unsichtbares Netz der Gefälligkeiten prägt das Land bis heute. Kann Jordanien diese jahrhundertelange Kultur der Klientelwirtschaft überwinden?

Korruption und fehlende Integrität lassen wie überall auf der Welt auch in Jordanien den gesellschaftlichen Zusammenhalt erodieren. Die Qualität öffentlicher Dienstleistungen nimmt ab und untergräbt das Vertrauen in die Regierung, die Administration und den Staat als Ganzes. Der Zugang zu den richtigen Personen vergrößert die Ungleichheit – bei jenen, die ausgeschlossen werden, verfestigt sich zugleich die Armut.
Informelle Netzwerke können aber auch stabilisieren. Sie fördern Beziehungen und Loyalität weit über direkte Bekanntschaften hinaus. In Krisenzeiten fördern sie den Zusammenhalt und erleichtern den Informationsfluss und damit die Resilienz von Unternehmen.
In der arabischen Welt nennt sich dieses auf persönlichen Beziehungen und gegenseitigen Gefälligkeiten basierende System Wasta. Obwohl Jordaniens Antikorruptionsbemühungen international gelobt werden, ist Wasta weiterhin fest im Alltag verankert. Um von dieser Kultur loszukommen, braucht das Land die Kraft der gesamten Gesellschaft.
Wasta: Arabiens System aus Klientelnetzwerken
Wasta ist über Generationen gewachsen und fungiert als informelles System des Gebens und Nehmens. Menschen nutzen ihre Beziehungen, um Ziele, Bedürfnisse oder einfach nur - legitime - Rechte zu erreichen.
Vor allem der öffentliche Sektor ist anfällig: Lange Wartezeiten, fehlende Rechenschaftspflichten und Transparenz öffnen Spielräume für Bevorzugung. Wer gute Beziehungen hat, profitiert von schnellerem Zugang zu Dienstleistungen oder besseren Jobchancen. In Unternehmen sichert Wasta Beförderungen und Schutz.
Wasta ist damit eine traditionelle Form des Nepotismus. Einzelne erzielen Vorteile auf Kosten anderer, was Misstrauen schürt. Entsprechend negativ ist Wasta mit Korruption konnotiert - und dennoch weit verbreitet - von Ministerien über Universitäten bis zum Gesundheitsbereich. Gelegenheit für Missbrauch gibt es genug: Der öffentliche Sektor beschäftigt immerhin 40 Prozent der Jordanier.
Interventionen in Auswahlprozesse sind noch immer weit verbreitet. Dabei lehnen 81 Prozent der Jordanier diese Kultur ab. Viele sehen darin das größte Problem für die Integrität ihres Landes – und einen der Hauptgründe für die ökonomischen Herausforderungen des Landes.
Korruption oder Kultur?
Menschen leiten ihre Standards und Verhalten oft von übergeordneten Werten ab. Sie orientieren sich in ihrem Handeln an ihrer Wahrnehmung, welches Verhalten innerhalb ihres sozialen Kontextes akzeptiert wird. Damit ist die Bewertung von Korruption und Nepotismus stark vom kulturellen Kontext abhängig, da Gesellschaften die Regeln ihres Zusammenlebens unterschiedlich definieren.
Menschen bauen Beziehungen auf und investieren in sie, um sich Zugang zu Dingen zu verschaffen, die ihnen wichtig sind: zu Informationen, Anerkennung in der Gruppe oder Zugang zu jenen mit ähnlichen Interessen und berufliche Chancen.
Ein Gefallen führt zum Anspruch auf einen Gegengefallen - sehr oft, indem man Macht in Anspruch nimmt, die das Gegenüber erst durch die neue Position erhält, in die man ihr verholfen hat. Auf diese Weise verweben sich viele Kulturen zu einem komplexen Geflecht aus Ansprüchen und Verbindlichkeiten informeller Natur - die Sozialwissenschaften sprechen von Sozialkapital.
Gerade in der kollektivistischen arabischen Welt, die persönliche Beziehungen und Verpflichtungen des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft betont, investieren Menschen selbstverständlich in soziale Netzwerke. Wasta ist daher in den kulturellen Kontext, deren Normen und familiäre Netzwerke eingebettet und tief mit der arabischen Kultur verwoben.
Auch Unternehmen und Bürokratien werden tiefgreifend von der vorherrschenden Kultur und der Gesellschaft ihrer Heimat beeinflusst.

Jordanien: Arabiens integrer Musterschüler
So wie Sozialkapital und dessen Nutzen, ist auch Korruption nur schwer in Zahlen zu fassen. Beide beruhen auf zwischenmenschlichen Beziehungen. Entsprechend abstrakt bleibt deren statistische Erfassung. Es existieren jedoch zwei gebräuchliche Messgrößen, um Korruption in greifbare Zahlen zu fassen.
Die von Transparency International erhobene Wahrnehmung von Korruption.
Sowie Statistiken über tatsächlich geleistete Bestechungen und eingeforderte Gefallen.
Mit 46 Punkten lag Jordanien 2023 zwar klar hinter vielen Industriestaaten, aber deutlich vor zahlreichen arabischen Nachbarstaaten mit großer Bevölkerung. Die gefühlte Korruption im Land unterscheidet sich jedoch stark von der erlebten Realität: 2021 gaben nur vier Prozent der Jordanier an, Bestechungen bezahlt zu haben - gegenüber sechs Prozent der EU-Bürger. 96 Prozent der Jordanier zahlten im betreffenden Jahr keine Bestechung, in der EU waren es nur 90 Prozent.
Jordanier nehmen Korruption also stärker wahr, als sie ihr tatsächlich begegnen. Das Land verfügt über eine lange Tradition der Verfolgung von Korruption, die internationale Institutionen hervorheben. Ironischerweise können sichtbare Antikorruptionskampagnen die Wahrnehmung von Korruption weiter erhöhen - manchmal mehr als tatsächliche Bestechungsfälle
Wenn Bürger ihre Verwaltung als besonders korrupt empfinden, entsteht eine Kultur des Misstrauens. Warum sollte sich jemand ethischen Standards unterwerfen, wenn in seiner Wahrnehmung ohnehin alle ihre Beziehungen einsetzen, um im Leben voranzukommen? Gilt Korruption als allgegenwärtig, fördert dies erst recht eine Kultur der Bestechung.
Eine Kommunikation, die sich zu einseitig auf Korruption konzentriert, kann so zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Unethisches Verhalten ist nämlich ansteckend, wenn die Wahrnehmung entsteht, dass es ohnehin überall präsent ist.

Korruption und Sozialkapital: Zwei ungleiche Brüder
Die negativen Folgen enger Beziehungen auf Fairness und Chancengleichheit sind gut dokumentiert. Dagegen fehlen systematische Belege für die positiven Effekte solcher Netzwerke - trotz ihrer enormen Verbreitung auf der ganzen Welt.
Beim Aufbau gemeinsamen Sozialkapitals entwickeln Menschen gemeinsame Werte und „mentale Modelle“: gemeinsame Vorstellungen, wie eine Gemeinschaft funktionieren soll und ihre Mitglieder miteinander umgehen.
Daraus entsteht eine Art informeller Gesellschaftsvertrag. Er ermutigt Menschen, einander spontan und auf persönlicher Ebene zu helfen - ohne staatliche Interventionen oder Belohnungsanreize. Das Sozialkapital von Wasta basiert ausschließlich auf individuellen Investitionen in Beziehungen. Es stützt Vertrauen, gemeinsame Normen und Solidarität zwischen den Beteiligten.
Sozialkapital kann sich sogar auf Menschen übertragen, die sich nicht persönlich kennen - etwa über gemeinsame Bekannte oder Familien. Vertrauen und Reputation wandern über Netzwerke hinweg. So entstehen Zusammenhalt, Kooperation und Austausch, die der gesamten Gemeinschaft zugutekommen.
Ein simpler ökonomischer Austausch greift dabei zu kurz: Sozialkapital lässt informelle Netzwerke aufblühen. Dort sind Menschen bemüht, ihre Loyalität und Vertrauenswürdigkeit aktiv zu demonstrieren, um Gesichts- und Reputationsverlust zu vermeiden. Die Mitglieder profitieren von Kontakten und Unterstützung. Gleichzeitig produzieren und reproduzieren sie soziale Güter, die allen Beteiligten zugutekommen.
Vertrauen in die Integrität eines Netzwerkes
Diese Netzwerke werfen allerdings Fragen zu Fairness und Gerechtigkeit auf. Wenn Rechte und Pflichten unausgesprochen bleiben, keine klaren Regeln existieren und der Zeitpunkt für Gegenleistungen unklar ist, steigt die Unsicherheit. Man schottet sich gegenüber Außenseitern ab. Wo endet also Sozialkapital, und wo beginnt korruptes Verhalten?
Wenn Vorteile im Netzwerk nicht auf Leistung, Qualifikation oder Fairness beruhen, sondern auf Klientelismus, leidet das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft. Doch Vertrauen ist der Motor einer funktionierenden Gemeinschaft.
Es beschreibt den Glauben, dass eine andere Person im Einklang mit den eigenen Erwartungen an positives Verhalten handelt. Die Wahrnehmung von Korruption zerstört diesen Glauben. Darum wird sie oft mit Euphemismen verniedlicht, um problematische Praktiken zu rationalisieren und zu tolerieren.
Dabei stimmen fast alle darin überein, dass Korruption schädlich ist. Warum beteiligen sich dennoch so viele an informellen Netzwerken?
Der Grund liegt wenig überraschend in handfesten Vorteilen: informelle Kooperation hilft, Karrieren voranzutreiben. Menschen erhalten Zugang zu Ressourcen, Informationen, Preisen, Ausschreibungen und Verträgen. Persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz stärken das gegenseitige Vertrauen. Das schafft Anerkennung, emotionale Unterstützung, Identität und psychisches Wohlbefinden - und nicht zuletzt langfristige ökonomische Sicherheit.

Vertrauen als Kitt für den Unternehmenserfolg
Dieses Vertrauen bildet die Grundlage für erfolgreiche Zusammenarbeit von Mitarbeitern in Unternehmen. Es erleichtert den Austausch von Wissen und fördert Kooperation aus gegenseitigem Nutzen. Größeres Vertrauen und Zusammenhalt steigern auch die Loyalität gegenüber dem Unternehmen, das direkt profitiert.
Mitarbeiter bringen so ihre Fähigkeiten und Talente aus eigenem Antrieb ein, sie teilen ihr persönliches Wissen und pflegen Kontakte, statt auf eigene Rechnung oder sogar gegen die Interessen des Unternehmens zu arbeiten. Sie fühlen die intrinsische Motivation, die Ziele einer größeren Gemeinschaft über die eigenen zu stellen. Das Management spart so Kosten für Kontrolle und Überwachung.
Unternehmen profitieren so direkt von den Bindungen zwischen Mitarbeitern. Ihr Sozialkapital ermöglicht Solidarität, Koordination und Kooperation, die auf Vertrauen beruhen. Auch in westlichen Firmen gilt Mitarbeiterbindung längst als zentrale Aufgabe der Personalpolitik, weil sie entscheidend ist für langfristigen Erfolg.
Wasta prägt also auch in Jordanien Entscheidungen zu Recruiting, Beförderungen und Besetzung von Schlüsselpositionen. Es beeinflusst die Organisationskultur und den ungeschriebenen Vertrag zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten - Loyalität beruht auf Gegenseitigkeit. Mitarbeiter fühlen sich der Organisatin gegenüber verpflichtet, wenn die Organisation auch zu ihnen steht.
In Jordanien ist Wasta als Fundament sozialen Kapitals noch tiefer verankert als klassische Loyalität.
Wie „Korruption“ das Überleben in einer rauen Umwelt ermöglicht
Sozialkapital hat daher einen wenig greifbaren, aber bedeutenden Einfluss auf das Engagement der Mitarbeiter und damit Effizienz und Output eines Unternehmens. Organisationen mit starkem Sozialkapital haben besseren Zugang zu strategischen Ressourcen und Informationen. Loyale Mitarbeiter entfalten ihre Fähigkeiten schneller und teilen ihr Wissen an langwierigen formellen und bürokratischen Prozessen vorbei.
Dies erhöht die Effizienz und Transaktionskosten sinken. Eingespielte Teams nutzen ihre Synergien, entwickeln Innovationen, reduzieren Risiken und passen sich schneller neuen Rahmenbedingungen an.
Gerade in der arabischen Welt ist das Leben von Umbrüchen geprägt: Rohstoffpreise schwanken, Lebenshaltungskosten steigen, Konflikte und Unruhen belasten die Region. Während große Konzerne mit starren Strukturen hinterherhinken, können kleine Unternehmen mit starken Netzwerken schneller auf Krisen antworten.
Wasta hält Jordanien zurück, seine Potenziale zu heben
Diese Flexibilität stabilisiert eine Volkswirtschaft in Krisenzeiten, hindert ein Land jedoch, sein volles ökonomisches Potenzial auszuschöpfen. Mit 25 Prozent mussten Jordanier 2019 zwar deutlich weniger Wasta einsetzen als andere Araber. Der Unternehmenssektor bleibt jedoch anfällig für Günstlingswirtschaft und Korruption.
Investoren mit gutem Wasta können Verfahren beschleunigen, exklusiv auf Informationen und öffentlichen Leistungen zugreifen oder sogar die Gesetzgebung in ihrem Sinne beeinflussen. Energie und Schaffenskraft fließen dann in die Pflege von Beziehungen, statt in die Entwicklung wettbewerbsfähiger Produkte und Dienstleistungen.
Die jordanische Regierung hat diesen Zielkonflikt erkannt und betont in ihrer Integritäts- und Antikorruptionsstrategie Transparenz und Rechenschaftspflicht. Der jordanische Staat beruft sich auf Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Integrität und Meritokratie. Die zentrale Frage bleibt: Wie übersetzt man diese Prinzipien in den Alltag, damit sie mehr sind als politische Slogans?

Der Staat muss vorangehen, damit Unternehmen folgen können
Ein Klima der Integrität entsteht nicht von allein, sondern durch ständige Anstrengung soziale Normen zu etablieren: Wenn Mitglieder eines Netzwerks unethisch handeln und keine Konsequenzen erfahren, verbreitet sich dieses Verhalten. Werden Regelverstöße immer wieder toleriert, entfernt sich eine Gesellschaft graduell von ihren eigenen Werten.
Solche Entwicklungen erfassen nicht nur politische Institutionen, sondern auch Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft - eine gefährliche Rutsche in eine Gesellschaft der Unehrlichkeit und des Misstrauens, ein Muster, das viele arabische Länder kennen, in denen Loyalitäten oft unklar sind.
Jede Ebene der Gesellschaft trägt daher Verantwortung für Vertrauensbildung. Bürger, Organisationen und Unternehmen sollten an der Entwicklung von Regeln und deren Umsetzung beteiligt sein. Es braucht sichtbare Vorbilder in staatlichen Institutionen: Gutes Verhalten muss erkennbar sein, damit sich andere daran messen können. Fehlverhalten muss konsequent sanktioniert werden.
Auch staatsnahe Akteure wie Universitäten, Think-Tanks, Sicherheitsbehörden und staatliche Unternehmen spielen eine aktive Rolle bei der Förderung von Transparenz und Rechenschaftspflicht. Sie üben soziale Kontrolle aus und agieren in Bereichen, die direkt die Lebensqualität der Bürger betreffen.
Um ihrer Rolle als ethischer Kompass gerecht zu werden, müssten diese Institutionen selbst Vorreiter einer Integritätskultur sein. In vielen jordanischen Organisationen fehlen jedoch noch klare Richtlinien.

Jordanien: Eine Oase arabischer Integrität?
Jordan hat sein Personalmanagement modernisiert, doch die Umsetzung bestehender Gesetze bleibt lückenhaft. Viele Stellen werden ohne klare Jobkriterien vergeben, häufig an den formellen Verfahren vorbei. Diese Praxis führt zu Überbesetzung im öffentlichen Sektor: Es entstehen Posten für Freunde und Verwandte, oder Menschen besetzen Funktionen, für die sie nicht ausreichend qualifiziert sind. Auf lokaler Ebene und in weniger hohen Positionen ist dieses Muster besonders ausgeprägt.
Jordanien muss seine Kultur der Integrität und Offenheit also sehr tief in der Gesellschaft verankern - bis ins entlegenste Dorf. Auf allen Hierarchieebenen brauch es eine Organisationskultur, die den Betroffenen offenes Sprechen ermöglicht. Postenbesetzungen und Beförderungen sollten sich an Leistung und Fähigkeiten orientieren, nicht an Bevorzugung.
Dazu braucht es klare Prinzipien, nach denen Amtsträger ihre Pflichten erfüllen: Sie müssen das öffentliche Interesse über persönliche Vorteile stellen können. Vertrauen ist dabei ein kritisches Element - nach vielen bewaffneten Konflikten prägt jedoch tief verwurzeltes Misstrauen viele Teile der Region. Doch gerade deshalb sticht Jordanien hier so positiv heraus, wenn es seinen Reformweg fortsetzt.
Private Unternehmen müssen an Bord
Nicht nur der Staat, auch der private Sektor kann die Integrität einer Gesellschaft untergraben - etwa durch Steuerhinterziehung, Bestechung bei öffentlichen Aufträgen oder illegale Parteienfinanzierung. Solche Praktiken beschädigen die Legitimität der Regierung und das Vertrauen in die Fairness der Spielregeln. Zudem schreckt Korruption Handel und ausländische Investitionen ab.
Zugleich können Unternehmen jeder Größe zur Kultur der Integrität beitragen: Kleine und mittlere Firmen benötigen angemessene Standards, die sich nicht überfordern, aber klare Leitplanken setzen. Wirtschaftsverbände können helfen, gemeinsame Werte zu definieren und zu verbreiten. So kann ein integrer Privatsektor zum Motor des Wandels werden.
Eine Geschäftswelt mit starker Integritätskultur schafft mehr Planungssicherheit und senkt Kosten. Unternehmen in Jordanien können ihre höheren Standards nutzen, um sich besonders im arabischen Raum positiv zu profilieren. Dafür braucht es ein breites gesellschaftliches Momentum. Am Ende profitieren auch Unternehmen selbst von einem Umfeld, in dem Integrität sich lohnt.
Teilhabe aller an Jordaniens Integrität
Den bisher gewonnen Respekt der jordanischen Gesellschaft gilt es zu kultivieren, denn Vertrauen und Integrität verstärken einander. Jordaniens Anstrengungen beruhen auf drei Säulen: politische, ökonomische und soziale Reformen. König Abdulla II betonte, dass alle Bürger den Weg zu mehr Integrität mittragen müssen:
“…Die Bürger sind wichtige Partner, wenn es darum geht, positive Veränderungen voranzutreiben und davon zu profitieren. Wir müssen alle gemeinsam gegen diejenigen vorgehen, die den Status quo aufrechterhalten wollen, um ihre persönlichen Interessen zu schützen oder aus Angst, ihre Komfortzone zu verlassen und die notwendigen Anstrengungen und Opfer zum Wohle aller zu bringen.”
Bildung allein reicht nicht aus, um ein gemeinsames Verständnis von Integrität zu schaffen. Jordanien entwickelte einen in der arabischen Welt einzigartigen Ansatz, bei dem vielfältige Mitglieder der Gesellschaft in Konsultationen einbezogen werden. Ziel ist es, Werte, Prinzipien und Normen gemeinsam zu definieren - und dabei bewusst auf zu negative Begriffe wie „Korruption“ zu verzichten.
Soziale Netze zwischen Rettungsanker und Risiko
Enge persönliche Beziehungen können in instabilen Zeiten wie ein stabilisierender Rettungsanker wirken. Fehlen jedoch gemeinsame Normen und klare Werte, schlagen sie schnell in Nepotismus um und vergiften das Vertrauen in der gesamten Gesellschaft.
Deshalb tragen alle Verantwortung, ethische Normen und gesellschaftliche Werte in ihren täglichen Interaktionen zu respektieren. Ein integrer Staatssektor erhöht die Bereitschaft von Unternehmen, Steuern zu zahlen, und von Bürgern, Korruption zu melden. Zugleich ermöglicht ein integrer Unternehmenssektor, die vollen Potenziale auszuschöpfen.
Jordanien gilt hierbei zwar als Leuchtturm Arabiens, doch viele Institutionen schaffen es noch nicht, die Teilhabe von Frauen und die Interessen der Jugend ausreichend zu berücksichtigen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch - gerade junge Menschen mit höherer Bildung haben oft schlechtere Perspektiven als weniger Qualifizierte. Das bremst Wohlstand und ist ein fruchtbarer Boden für organisierte Kriminalität oder gar Terrorismus und schwächt Jordaniens Fähigkeit, Sicherheit zu gewährleisten.
Gleichzeitig hat das Königreich mit kontinuierlichen Reformen das Fundament für eine Transformation gelegt: weg von reiner Bekämpfung von Korruption, hin zu einem proaktiven, gesamtgesellschaftlichen Ansatz, der eine Kultur der Integrität aufbaut. Ziel ist es, systematisch institutionelle Schwächen zu beseitigen und Risiken zu identifizieren, die Korruption überhaupt erst ermöglichen.
Dieser Ansatz stärkt die Bindung der Bürger an den Staat und damit das Vertrauen in die Institutionen. Vertrauen ist der Kern einer effektiven Beziehung zwischen Regierung und Bevölkerung. Zahlreiche Stakeholder bekräftigten ihr Vertrauen in die jordanische Regierung gegenüber der OECD.
Angesichts der tiefen Verwurzelung von Wasta in der Gesellschaft bleibt die Selbstreinigung aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Weil Menschen ihr Verhalten am sozialen Umfeld orientieren, liegt der Schlüssel zu einer Kultur der Integrität auf allen Ebenen der Gesellschaft - vom Dorf über Unternehmen bis hin zu Spitzeninstitutionen.
Die jordanischen Bürger honorieren die Reformen: 55 Prozent halten den Umgang ihrer Regierung mit Korruption für gut - in anderen arabischen Ländern sagen dies nur 28 Prozent.

Jordaniens lange Tradition der Integrität
Seit den 1980er Jahren verfolgt Jordanien einen langfristigen Reformkurs. Das Königshaus erkannte früh, dass Korruption die Modernisierung des öffentlichen Sektors, die wirtschaftliche Entwicklung und damit den Wohlstand des Landes einhergingen. Daraus entstand eine inzwischen über 30-jährige Reformtradition.
2005 ratifizierte Jordanien als erstes arabisches Land die UN-Konvention gegen Korruption. 2006 folgte die Gründung einer Antikorruptionskommission, 2008 und 2013 wurden nationale Antikorruptionsstrategien verabschiedet. 2013 entstand ein Verhaltenskodex für den öffentlichen Dienst, 2014 wurden Whistleblower gesetzlich besser geschützt. 2022 verschickte die Regierung über zwei Millionen SMS, um auf die negativen Folgen von Nepotismus und Korruption aufmerksam zu machen.
Weiterlesen
al-Twal, A., Alawamleh, M., & Jarrar, D. (2024). An Investigation of the Role of Wasta Social Capital in Enhancing Employee Loyalty and Innovation in Organizations. Journal of Innovation and Entrepreneurship Vol.: 13, No. 12, 1-13.
OECD. (2024). OECD Integrity Review of Jordan. Paris: OECD.
Transparency International. (2025). Corruption Perception Index. Von https://www.transparency.org/en/cpi/2024 abgerufen





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