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Wenn Geld die Heimat ersetzt: Remittances als Rückgrat der Entwicklung

  • Simon Kiwek
  • 17. Apr. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Jan.

Der stille Motor des Globalen Südens: Längst sind die Überweisungen von Migranten wichtiger wie Entwicklungshilfe und Auslandsinvestitionen zusammen. Sie sichern Familien und stützen Staaten. 



Wer an große Geldströme aus dem globalen Norden in Länder mit niedrigen oder mittleren Einkommen denkt, hat of Staatliche Entwicklungshilfe im Kopf. Oder internationale Investoren, die die billigen Arbeitskräfte vor Ort für einfache Arbeitsschritte nutzen. Dabei stellen Rücküberweisungen von Migranten in ihre Heimatländer (Remittances) längst die wichtigste Finanzierungsquelle viler Länder des globalen Südens dar. 


Im Jahr 2023 beliefen sich diese Überweisungen auf 656 Milliarden  US-Dollar – mehr als Entwicklungshilfe (256 Milliarden US-Dollar) und ausländische Direktinvestitionen (382 Milliarden) zusammen. 2025 könnten sie auf etwa 690 Milliarden Dollar steigen. 

Eine Milliarde Menschen sind jedes Jahr an diesen Geldflüssen beteiligt – ob als Sender oder Empfänger. 


Figure 1 Bisherige Entwicklung von Remittances im Vergleich zu Auslandsdirektinvestitionen und Entwicklungshilfe



Globalisierung und die damit einhergehende Möglichkeit, auszuwandern, machten Rücküberweisungen zu einer der wichtigsten Quellen von Finanzierung für zahlreiche Länder. Während Entwicklungshilfe eher langsam steigt, waren lange Zeit Auslandsinvestitionen der große Wohlstandsttreiber in Entwicklungsländern. Ab 2008 folgte im Nachgang günstiger Zinsen noch einmal ein Höhepunkt der Auslandsinvestitionen, doch seit 2013 sind diese konstant im Sinken begriffen. Dafür schoben sich die Rücküberweisungen der Diaspora des globalen Südens immer mehr nach vorne in der Kapitalbilanz einzelner Länder. Quelle: [2]


Indien, Mexiko, Tonga: Wo Remittances die Gesellschaft tragen


Mit 120 Milliarden US-Dollar ist Indien das Land mit den höchsten Rücküberweisungen. Dahinter folgen Mexiko mit 66 Milliarden, China mit 50 Milliarden und die Philippinen mit 39 Milliarden. In die kriegsgebeutelte Ukraine gelangen auf diese weise 15 Milliarden Dollar. 

Dabei ist Tonga das am stärksten abhängige Land: Überweisungen machen dort 41 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Tadschikistan, der Lianon und Samoa folgen mit Quoten zwischen 28 und 39 Prozent. 


Dabei könnte es sich nur um die Spitze des Eisberges handeln. In Nigeria etwa erfolgen circa 50 Prozent aller Rücküberweisungen über informelle Netzwerke, wie Hawala. Diese sind schneller, günstiger und weniger bürokratisch. Und sie bieten auch bessere Wechselkurse. Ein Bericht der Europäischen Kommission schätzt, dass zwischen 35 und 75 Prozent der offiziellen Summen nicht erfasst werden, weil sie auf informellen Wegen transferiert werden. [1]

Blockchain-Technologien könnte diesen Trend noch verstärken, da sie informelle Zahlungen sicher, anonym und grenzüberschreitend ermöglichen. 


Remittances: Ein Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten


In normalen Zeiten sichern Rücküberweisungen den Lebensunterhalt vieler Familien. Das Geld fließt in Lebensmittel, medizinische Versorgung. Es wird in Immobilien investiert und in die Schulbildung der Kinder vor Ort.  

Rund 40 Prozent gehen in ländliche Regionen, wo staatliche Angebote öffentlicher Diensleistungen oft schwach ausgeprägt sind. Dort machen Remittances oftmals den entscheidenden Unterschied zwischen Armut und einem würdevollen Leben. In Krisenzeiten – etwa bei Dürren, Ernteausfällen oder wirtschaftlichen Schocks – sind Remittances oft die erste und wichtigste Hilfe. So zum Beispiel als die COVID-Pandemie die Weltwirtschaft zum Stillstand brachte.



Wenn das Geld abhängig macht


Dabei haben die Geldflüsse auch ihre Schattenseiten. Manche Familien gewöhnen sich zu sehr an das regelmäßige Einkommen aus dem Ausland – und verlieren den Anreiz, selbst produktiv zu sein und zu arbeiten. 

Häufig wird das Geld für Konsum statt Investitionen in die Zukunft verwendet. Bleiben die Überweisungen – etwa aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Unglücksfällen - aus dem Ausland aus, gerät die Existenz inns Wanken. 

Dazu kommen hohe Transferkosten: Im Schnitt fallen für eine Überweisung von 200 US-Dollar über 6 Prozent Gebühren an – doppelt so viel wie von der UN empfohlen. 


Migration: Chancen, Risiken und Motive


Die Motive für Migration sind ebenso vielfältig wie die Migranten selbst. Sie suchen höhere Löhne oder fliehen vor politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit. 


Aus Ländern wie China, Indien oder den Phlippinen steigt der Anteil gut qualifizierter Arbeitskräfte: IT-Experten, Ingenieure und Pflegekräfte. Doch die meisten MIgranten arbeiten in einfachen Jobs – auf Baustellen, in der Landwirtschaft oder als Haushaltshilfen. 


Viele Regierungen fördern die Migration aktiv, um die hohe Arbeitslosigkeit – insbesondere unter der Jugend - zu senken. Doch der Preis ist hoch: Migranten leben oft unter prekären Bedingungen, erfahren Diskriminierung und haben keinen legalen Zugang zu sozialen Diensten.


Remittances als Stabilisator ganzer Länder


Was auf die einzelne Familie zutrifft, stimmt auch für ganze Staaten, wenn zahlreiche ihrer Bürger im Ausland leben und arbeiten. In vielen Ländern stützen Remittances ganze Volkswirtschaften – sie mildern Verteilungskonflikte und verhindern soziale Unruhen in oftmals fragilen Staaten. 

Zugleich verbessern sie auch die Zahlungsbilanz, bringen Devisenreserven ins Land und schützen vor Währungskrisen. Wenig überraschend sind viele Staaten nicht besonders kooperativ, wenn die reichen Industrieländer die Migranten wieder bei ihnen abladen wollen. 


Doch auch im Großen besteht die Gefahr, die “bequemen” Geldflüsse als Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Staaten verschieben Regierungen Reformen, weil die Remittances kurzfristig Probleme überdecken. Manche Länder leiden auch unter einem Brain Drain, wenn viele gut ausgebildete Bürger ihr Glück im Ausland suchen, fehlen diese als Fachkräfte und Innovatoren in der Heimat – so verzögert sich die Entwicklung des Landes oder hält es sogar in einer Armutsfalle. 


Figure 2 Migranten in Saudi-Arabien



Migranten warten bei einem Geldüberweisungsdienst darauf, Geld in ihre Heimat zu schicken. Riad, Saudi-Arabien. (Quelle: Crystal Eye Media/shutterstock, 2018)


COVID als Stresstest für globale Remittances


Zu Beginn der COVID-19-Pandemie befürcheteten viele Experten einen massiven Einbruch an Rücküberweisungen, weil viele Millionen Migranten ihre Jobs verloren. Ihre Branchen waren die am meisten betroffenen. 

Tatsächlich zeigte sich 2020 auch ein Einbruch. Doch nach einem Schreckmoment erwiesen sich die Geldströme als erstaunlich robust. Bereits 2021 stiegen diese wieder um 8,3 Prozent. Der Grund waren staatliche Hilfspakete in Industrieländern – und die starke Solidaritätg innerhalb der Migrantenfamilien. 


Besonders der US-Arbeitsmarkt erwies sich als robust. Dies stützte die Rücküberweisungen nach Lateinamerika und Südasien. Allerdings schwächte sich das Wachstum bereits 2022 wieder ab – blieb jedoch im positiven Bereich. Die hohen Preise für Energie und Lebensmittel nach der russischen Invasion der Ukraine belasteten die Situation.


Zum einen litten die Migranten, oft in Jobs mit niedrigen Löhnen, litten selbst unter der Teuerung und dem Verlust ihrer Kaufkraft aufgrund der Reallohnverluste in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder UK. 

Die hohe Inflation in den Industrieländern ließ auch die Kaufkraft der Empfänger sinken. Das Geld reicht plötzlich nicht mehr für die grundlegende Versorgung mit Brennstoff, Heizen und Nahrung. In Ägypten, einem Empfängerland mit einer großen Diaspora, sorgten Währungskrisen zusätzlich für Rückgänge. Zentralasiaitsche Länder mit vielen MIgranten in Russland spürten den Verfall des Rubels: Ihre Überweisungen verloren massiv an Wert – nach Kirgistan um ein Drittel, nach Tadschikistan um ein Fünftel. 


Migration hält an


Laut Weltbank leben derzeit etwa 252 Millionen wirtschaftliche Migranten in einem anderen Land als ihrem Geburtsland. Hinzu kommen rund 38 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende – der Großteil aus Syrien, Venezuela, der Ukraine und Afghanistan. 760 Millionen Menschen migrieren innerhalb ihres eigenen Landes – zumeist in die Ballungszentrum, wo man sich besser bezahlte Jobs verspricht (wobei diese Schätzungen aus 2009 stammen). 


53 Millionen befinden sich in den USA, gefolgt von Deutschland mit 18 Millionen, Saudi-Arabien und Russland mit jeweils cicra 13 Millionen. Die wichtigsten Herkunftsländer sind Indien mit 18,7 Millionen Emigranten, die Ukraine mit fast 12 Millionen sowie China, Mexiko und Venezuela mit jeweils über 9 Millionen. 



Remittances bleiben ein Rückgrat der Weltwirtschaft


Mit dem anhaltenden Zuzug in die Industriestaaten bleiben Rücküberweisungen ein zentraler Faktor für den Wohlstand vieler Länder des globalen Südens. Sie sichern Investitionen, Konsum, Bildung und soziale Stabilität – bergen aber auch das Risiko wachsender sozialer Spannungen. Sowohl in den Zielländern aufgrund eines aufkommenden Gefühls der Überfremdung. Aber auch in den Herkunftsländern: jene, die keine Verwandten in den Westen schicken können, bleiben zurück. Die Ungleichheit im Land wächst. 


Die COVID-Pandemie zeigte, wie stark und resilient diese Geldflüsse sind. Gleichzeitig bringt die technologische Entwicklung – etwa durch günstigere digitale Überweisungsdienste – neue Chancen.


Strengere Migrationsgesetze in Industriestaaten könnten jedoch neue Hürden aufbauen.


Letztlich liegt es an den Herkunftsländern selbst, diese Geldflüsse klug und nachhaltig zu nutzen – damit ihre Bürger langfristig aus eigener Kraft Krisen bewältigen können, ohne dauerhaft auf Geld aus dem Ausland angewiesen zu sein.


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