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Die Erholung der Weltwirtschaft mit Ecken und Kanten

  • Simon Kiwek
  • 24. Sept. 2024
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Jan.

Die OECD verbessert die Aussichten für die Weltwirtschaft. Trotz anhaltender globaler Unsicherheiten entwickeln sich die Schwellenländer zur Lokomotive. 



Mit ihrem halbjährlichen Economic Outlook Interim Report legte die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im September eine umfassende Bewertung der globalen Wirtschaft. Diese Organisation aus vornehmlich Industrie- und Schwellenländern nimmt dabei mittels Indikatoren zur wirtschaftlichen Aktivität aktuelle Trends, Risiken und Prognosen in den Blick. Dabei blickt sie durchaus optimistisch in die Zukunft, die Welt lässt nämlich die akuten Auswirkungen der Pandemie, inflationäre Schocks und geopolitische Spannungen hinter sich. Die Weltwirtschaft insgesamt stellte sich als widerstandfähiger als gedacht heraus. 


Die OECD konnte ihre Zahlen im Vergleich zum Februar 2024 sogar noch anheben. Dachte man damals noch die Weltwirtschaft würde 2024 um 3 Prozent wachsen, geht man nun von 3,2 Prozent aus. Auch die Inflation nähert sich schneller ihren Zielwerten an, als gedacht. Nächstes Jahr soll sie bei 3,3 Prozent liegen, anstatt bei 3,8 wie noch im Februar gedacht. Damit erreichen vier von fünf OECD-Ländern annähernd ihre Inflationsziele nach den wilden Preisrallyes der vergangenen Jahre. Die Eurozone und insbesondere ihre stärkste Volkswirtschaft Deutschland, stagniert mit 0,7 Prozent. Dagegen schneiden die USA besser als erwartet ab. 


Am meisten treiben die Schwellenländer Asiens die Weltwirtschaft voran. Insbesondere Indien wird zur Lokomotive, aber auch das bevölkerungsreiche Indonesien leistet einen großen Beitrag. Vor allem Russland schneidet trotz Kriegswirtschaft mit 3,7 Prozent besser ab, als noch im Februar erwartet, als man dem in der Ukraine kriegführenden Land noch 1,8 Prozent vorhersagte - doch sollte das starke Wirtschaftswachstum nächstes Jahr nachlassen. Selbst das angeschlagene China konnte sich noch einmal von 4,7 auf 4,9 Prozent verbessern. 


Ein widerstandsfähiger Weltmarkt passt sich den Preisschocks an


Das globale Wirtschaftswachstum zeigte sich 2024 für die OECD überraschend robust. Viele der düsteren Prognosen aus den vergangenen Jahren er Pandemie und globalen Schocks, die die Preise auf den Weltmärkten durcheinandergefegt hatten, haben sich nicht bewahrheitet. Trotz anhaltender geopolitischer Spannungen, wie dem Krieg in der Ukraine und den Konflikten im Nahen Osten, ist die globale Wirtschaftsleistung kontinuierlich gewachsen. Die Inflation, die die ganze Welt 2022 und 2023 getroffen hat, beginnt sich wieder auf ihren Zielwerten einzupendeln. Die Energiepreise sinken wieder und auch bei globalen Lieferketten ist Entspannung in Sicht. Die großen Wirtschaftsräume der Welt brachten die galoppierende Teuerung mittels hoher Zinsen in den Griff, da sie die Nachfrage drosselten.


Die OECD erwartet ein Wachstum der Weltwirtschaft von knapp über drei Prozent sowohl 2024 als auch 2025. Wenngleich es sich um eine langsame Erholung der vergangenen Krisen handelt, so verläuft sie insgesamt stabil. Dies ist laut OECD auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Reales Lohnwachstum der privaten Haushalte stärken den Konsum, wobei die Kaufkraft in vielen Ländern noch nicht auf das Niveau vor der Pandemie zurückgekehrt ist. Insbesondere bleibt die Teuerung im Dienstleistungssektor hoch. 


Der globale Handel nimmt stetig zu, wogegen die Versandkosten hoch bleiben. Die Exportaufträge sinken ab, was auf eine schlechtere Lage in der Zukunft schließen lässt. Dennoch erholen sich die globalen Handelsvolumina sowohl bei Gütern als auch bei Dienstleistungen, insbesondere wichtige Schwellenmärkte wie Brasilien, China und Indien schneiden hierbei unerwartet stark ab. 


Die Rolle der Entwicklungsländer und Schwellenländer


Schwellen- und Entwicklungsländer spielten eine entscheidende Rolle dabei, die Weltwirtschaft aufrechtzuerhalten. Angesicht der zahlreichen Eruptionen, die ihre Schockwellen rund um den Globus schickten, bewiesen sie, dass sie in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit entwickelt hatten. Länder mit großen Bevölkerungen wie Indien, Indonesien und Brasilien trieben das Wachstum an. Ihre immense Inlandsnachfrage, steigende Einkommen und stabile Inflationsraten stützten den Rest der Weltwirtschaft.


Indien: Eine aufstrebende Weltmacht


Der derzeit herausragendste Akteur unter den Schwellenländern ist Indien. Mit voraussichtlich 6,7% Wachstum im Jahr 2024 und weiteren 6,8% im Jahr 2025 profitiert die größte Demokratie der Welt von einer wachsenden Mittelschicht und einer jungen Erwerbsbevölkerung. Indiens Aufschwung wird von deren privatem Konsum getragen. Staatliche Maßnahmen unterstützen die Bürger zusätzlich, indem sie Einkommen und Beschäftigungsmöglichkeiten, insbesondere in den ländlichen Gebieten, verbessern. Das Land profitiert von weitreichenden Strukturreformen, die das Geschäftsklima verbessern, Innovationen fördern und ausländische Direktinvestitionen anziehen. 

Das Engagement für technologischen Fortschritt ist ein Schlüsselfaktor für Indiens Wachstum. Man investiert stark in digitale Infrastruktur, um Branchen von der Landwirtschaft bis hin zum Finanzwesen zu transformieren. Die staatliche Förderung der Digitalisierung der Wirtschaft verschaffte Millionen von Bürgern erstmalig Zugang zu Finanzdienstleistungen. Dies kurbelt sowohl privaten Konsum an, wie auch das Unternehmertum vor Ort. Zudem entwickelt sich Indien rasch zu einem Zentrum für Technologie-Startups und IT-Dienstleistungen, Städte wie Bengaluru und Hyderabad stehen dabei an vorderster Front. 


Die Schattenseiten des starken Wachstums fordern dennoch ihren Tribut: Ungleichheit, weiterbestehende Infrastrukturdefizite und eine Belastung der ökologischen Grundlagen der indischen Bevölkerung. Als Demokratie hat eine gerechte Verteilung des größer werdenden Kuchens eine Toppriorität. Indien wird zunehmend anfällig für die Konsequenzen des Klimawandels: Dürren, Überschwemmungen und andere unberechenbaren Naturkatastrophen bedrohen Infrastruktur und den Agrarsektor. 


Brasilien: Wachsende Binnennachfrage


Auch Brasiliens Wirtschaft schneidet besser ab als erwartet mit 2,9 Prozent im Jahr 2024 und 2,6 Prozent 2025. Wie in Indien wird Brasiliens Wachstum durch die starke Inlandsnachfrage gestützt. Hier schlägt vor allem der Dienstleistungssektor zu Buche. Die Bevölkerung profitiert von höheren Staatsausgaben, die den globalen Unsicherheiten entgegenwirkten. Brasilien profitiert von einer großen und diversifizierten Wirtschaft. Ein dynamischer Dienstleistungssektor bietet vom Tourismus über IT, Bildung bis hin zu Logistik und Transport zahlreichen Brasilianern ein stabiles Auskommen in krisengeschüttelten Zeiten. Ebenso wie eine vitale Industrie vom der Automobilproduktion bis hin zu Chemie und Lebensmittelverarbeitung.


Der starke Agrarsektor, der Sojabohnen, Kaffee und Rindfleisch exportiert, stützte trotz stark schwankender Rohstoffpreise die wirtschaftliche Erholung. 

Brasilien kämpft jedoch mit Herausforderungen, vor allem wegen seiner im historischen Vergleich hohen Inflationsrate. Aufgrund einer Abwertung des Real fällt diese mit 4,4 Prozent im Jahr 2024 höher aus als erwartet und bleibt auch nächstes Jahr noch erhöht. Ebenso wird Brasiliens hohe Staatsverschuldung zu einem Problem. Bisher hat das Land bei Reformen zu Renten, Steuererhebungen und öffentlichen Ausgaben nur langsame Fortschritte gemacht. Brasilien könnte ohne stärkere Haushaltsdisziplin Schwierigkeiten haben, sein langfristiges Wachstum aufrechtzuerhalten. Von ebenso entscheidender Bedeutung wird die Liberalisierung von Märkten sein, um das Geschäftsklima zu verbessern. 


Indonesien: Stabiles Wachstum trotz globaler Unsicherheiten


Obwohl mit 275 Millionen Einwohnern die größte Volkswirtschaft Südostasiens, nimmt Indonesien kaum Raum in den Medien ein. Mehr noch, wo das Land stabile Wachstumsraten von 5,1 Prozent 2024 und 5,2 Prozent 2025 vorweisen kann. Auch Indonesien wird vom Binnenkonsum einer wachsenden Mittelschicht und steigenden Einkommen getragen. Das Land hat eine strategische Lage zwischen Indischem und Pazifischem Ozean und ist reich an natürlichen Ressourcen, was Indonesien zum wichtigen Akteur im globalen Handel von Energie, Bergbau und Landwirtschaft macht. 


Die Indonesier machten bedeutende Fortschritte insbesondere bei Transport- und Energieinfrastruktur, was ihre zahlreichen Inseln zu einem attraktiven Investitionsstandort machte. Das Engagement der Regierung im Bereich der Infrastruktur zeigt sich schon daran, dass man mit Nusantara eine gänzlich neue Hauptstadt plant, um Jakarta zu entlasten und eine ausgewogenere regionale Entwicklung zu fördern. 


Damit gleicht Indonesiens Perspektive derjenigen Indiens. Doch wird man auch von anderen Risiken herausgefordert. Die Abhängigkeit von Rohstoffexporten macht die indonesische Wirtschaft anfällig für globale Finanzmarktschwankungen. Trotz dieser Exporte leidet man unter einem Leistungsbilanzdefizit und ist von externer Finanzierung abhängig, was den Inselstaat für Kapitalabflüsse anfällig macht während wirtschaftlich unsicherer Zeiten. Und auch in Indonesien kämpft man aufgrund der rasanten Entwicklung mit ökologischen Herausforderungen wie Abholzung der Regenwälder und Umweltverschmutzung, die die Nachhaltigkeit des wirtschaftlichen Erfolges bedrohen. 


China: Die Herausforderungen eines verlangsamten Wachstums


China war lange Zeit der Wachstumsstar unter den Schwellenländern und hat sich zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt vorgearbeitet. Zwar wächst das Land weiter, aber mit 4,9 Prozent im Jahr 2024 deutlich langsamer als man es bisher gewohnt war. 2025 soll sich das Wachstum noch einmal auf 4,5 Prozent verlangsamen. Das ist neu für die erfolgsverwöhnten Chinesen. Wie auch andere Länder befindet sich die chinesische Wirtschaft in einem Übergangsprozess, neben Digitalisierung und Ökologisierung muss man sich in China jedoch zusätzlich noch wegentwickeln von einer zu starken Abhängigkeit der Exportindustrie und Auslandsinvestitionen hin zu einer Wirtschaft, die sich mehr auf den Binnenkonsum der eigenen Bevölkerung und der Ausweitung des Dienstleistungssektors stützt. 


Ein Schlüsselfaktor für Chinas stockenden Wirtschaftsmotor sind die anhaltenden Korrekturen auf dem Immobiliensektor, der jahrelang ein wichtiger Treiber der wirtschaftlichen Aktivität war. Der Abschwung auf dem Immobilienmarkt und die verhaltene Nachfrage der chinesischen Bürger belastet das chinesische Wachstum. Auch langfristig belastet das Land eine alternde Bevölkerung, anhaltende Umweltzerstörung durch die Industrie und nun auch eine steigende Schuldenlast. Mit einer Reihe von Maßnahmen wie staatlicher Unterstützungsmaßnahmen und einer lockeren Geldpolitik versuchen die Verantwortlichen das Wachstum auf dem aktuellen Niveau zu stabilisieren. 

Nichtsdestotrotz bleibt China ein zentraler Akteur der globalen Wirtschaft. Die Industrieproduktion des Landes expandiert weiter und das Exportgewerbe zeigt eine starke Leistung. China macht längst von sich heraus, und ohne auf ausländisches Knowhow angewiesen zu sein, bedeutende Fortschritte in Hochtechnologiesektoren wie künstlicher Intelligenz, erneuerbaren Energien und Elektrofahrzeugen. 


Mexiko und Argentinien: Kampf mit inneren Herausforderungen


Doch gibt es auch einige Schwellenländer, die weiterhin unter den vergangenen Krisen leiden und deren Erholung noch auf sich warten lässt. Mexiko und Argentinien etwa. Auch in Mexiko sind die Ursachen dafür in der Binnennachfrage der Bevölkerung zu suchen - jedoch unter anderen Vorzeichen. Im Gegensatz zu China, Indien und Indonesien schrumpft diese nämlich. Mit 1,4 Prozent 2024 und 1,2 Prozent 2025 fällt das Land aus dem Rahmen. Die Inflation bleibt hoch und der Dienstleistungssektor verliert mehr und mehr an Schwung.


Noch schwieriger ist die Lage in Argentinien, wo der umstrittene Präsident Javier Milei weitreichende Reformen angestoßen hat, nachdem das Land unter einer Rekordinflation gelitten hatte. 2024 wird diese immer noch auf über 147 Prozent geschätzt, während das Land weiterhin mit Währungsabwertungen, hoher Verschuldung und politischer Instabilität zu kämpfen hat. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft daher sogar um vier Prozent. Erst nächstes Jahr soll sich dieser Trend umkehren. Die Regierung Mileis steht vor der gewaltigen Herausforderung, die Wirtschaft zu stabilisieren, die Inflation zu senken und das Vertrauen von Investoren wiederherzustellen. 


Was die Weltwirtschaft noch zum Entgleisen bringen könnte


Die OECD hebt jedoch mehrere Risiken hervor, die ihre positive Prognose für die Weltwirtschaft gefährden könnten. Anhaltende geopolitische Spannungen, beginnend beim anhaltenden Krieg in der Ukraine, Instabilität im Nahen Osten zwischen Israel und seinen Nachbarn bringen erhebliche Risiken für den globalen Handel und die Investitionssicherheit in weiten Teilen der Welt. Zwischen China und den USA schwelt ein Handelskonflikt, der die globalen Lieferketten nachhaltig stören könnte und Importpreise von faktisch allem in die Höhe treiben könnte. 

Die gute Nachricht der OECD: die positive Entwicklung der Schwellenländer ist zum großen Teil auf den steigenden Wohlstand einer wachsenden Mittelschicht zurückzuführen, deren Möglichkeiten zu konsumieren steigen. Doch verdichten sich die Anzeichen, dass sich die Arbeitsmärkte schneller als erwartet abkühlen. In vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften wie den USA und der Eurozone ist dies bereits der Fall, die Schwellenländer könnten folgen. Mit sinkendem Lohnwachstum und höherer Arbeitslosigkeit würde dies den Konsum empfindlich dämpfen und somit das Wirtschaftswachstum schwächen - immerhin die Stütze aller besprochenen Länder. 


Und auch die Finanzmärkte schwanken stark in alle Richtungen. Diese Volatilität könnte Störungen auf den Finanzmärkten auslösen und die Erwartungen eines nachhaltigen Absinkens der Inflation erschüttern könnten. Dies könnte insbesondere in Schwellenländern starke Verwerfungen auslösen. Sowohl fortgeschrittene als auch aufstrebende Volkswirtschaften haben in den vergangenen Jahren hohe Schuldenstände angehäuft, die in naher Zukunft das Risiko für finanzielle Instabilität und Schuldenkrisen erhöhen könnten. 

Die OECD betont dennoch die Notwendigkeit vorsichtiger, aber entschlossener politischer Maßnahmen, um die unsichere globale Lage zu meistern. Die nachlassende Inflation gibt den Zentralbanken Raum, die Zinsen wieder zu senken und so Investitionen anzukurbeln. Sie sollten allerdings sorgfältig getimt sein, um sicherzustellen, dass die Inflation nicht wieder aufflammt. Geldpolitik sollte daher unbedingt auf Daten gestützt sein und nicht politischen Wünschen folgen. Umgekehrt sollten Regierungen aus dem Krisenmodus kommen und ihre Staatsausgaben wieder unter Kontrolle bekommen. 

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