top of page
geoeconomic forum-01.png

Warum Instabilität Migranten produziert – und Migranten Instabilität.

  • Autorenbild: Simon Kiwek
    Simon Kiwek
  • 29. März
  • 11 Min. Lesezeit

Warum die Welt Migration noch immer falsch versteht: Migranten drehen Wahlen. Migranten finanzieren Krieg. Migranten beenden Kriege.

(Bildquelle: Shutterstock AI Generator, 2024)
(Bildquelle: Shutterstock AI Generator, 2024)

Migration im 21. Jahrhundert

Migration kann Einstellungen, soziale Normen, Weltanschauungen und damit die politische Ausrichtung von Menschen verändern. Sie ist eine transformative Erfahrung – und diese Transformation übertragen Migranten auf ihre Herkunftsgemeinden. Auch auf Menschen, die ihr Dorf niemals verlassen haben.

Globalisierung, Echtzeit-Kommunikation, Digitalisierung, günstige Reisemöglichkeiten bedeuten heute längst keine völlige Entfremdung von der Heimat mehr. Migranten behalten so ihre politische Stimme im Heimatland – und prägen dieses mit.

Das Glück in der Ferne

Politische Stabilität ist essenziell für Wachstum und Entwicklung – sowohl für Länder als auch für Bürger. Die meisten Herkunftsländer von Migranten können dies nicht leisten. Schlechte sozioökonomische Bedingungen und fehlende Investitionsmöglichkeiten veranlassen Menschen, ihre Koffer zu packen.

Schlechte Zahlungsmoral und schwache Rechtsdurchsetzung prägen viele Herkunftsländer. Das schürt eine fundamentale Unsicherheit: Wer garantiert, dass man die Früchte seiner Investitionen jemals erntet? Viele zweifeln, ob sie ihr Potenzial heben und ausschöpfen können.

Doch noch schwerer wiegt politische Instabilität: Konflikte entlang ethnischer, religiöser oder politischer Linien, soziale Spannungen bis hin zu Terrorismus und organisierter Kriminalität vergiften das gesellschaftliche Klima. Ein zu starker Griff des Sicherheitsapparats, Willkür, Korruption und sogar Enteignungen tun ihr Übriges.

Willkommen zu Hause: Rückkehr aus der Krise

Albanische Auswanderer traf die Krise gleich zweimal. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes Anfang der 1990er Jahre wurde Griechenland zur attraktiven Destination. Etwa 600.000 Albaner – rund 40 Prozent aller albanischen Auswanderer und 20 Prozent der albanischen Gesamtbevölkerung – lebten dort, als Griechenland ab 2008 zunächst von der Globalen Finanzkrise und ab 2010 von der Eurokrise erschüttert wurden.

Griechenlands Arbeitslosigkeit kletterte auf knapp 27 Prozent - jene der dort lebenden Albaner sogar auf 40. Infolge dieses Schocks kehrten rund 134.000 Albaner im erwerbsfähigen Alter in ihre Heimat zurück. Auf einen Schlag wuchs die Zahl der Erwerbstätigen um fünf Prozent. Diese plötzliche Rückkehrbewegung sendete Schockwellen durch den albanischen Arbeitsmarkt - und traf auch jene, die ihr Land nie verlassen hatten.

Die meisten Heimkehrer zog es zurück in ihre Heimatgemeinden. Sie brachten nicht nur ihre Ersparnisse mit – angespart aus Jobs mit etwa fünfmal höheren Löhnen als in Albanien. Sie hatten sich in Griechenland auch wertvolles Know-how angeeignet: höhere technische Standards, einen fortschrittlicheren Management- und Organisationsstil und vor allem Erfahrung mit Exportpraktiken.

Interessant dabei: Selbst bei gleichem Ausbildungsniveau unterschieden sich die Kompetenzen fundamental – Rückkehrer verfügten häufiger über handwerkliche Ausbildung, Daheimgebliebene eher über Universitätsabschlüsse. Dieses Know-how wussten die Heimkehrer in Albanien einzusetzen.

Albania Fried Chicken mitten in der albanischen Hauptstadt Tirana: Wer weiß, woher der Besitzer seine Vision nahm? (Bildquelle: eigene, 2013)
Albania Fried Chicken mitten in der albanischen Hauptstadt Tirana: Wer weiß, woher der Besitzer seine Vision nahm? (Bildquelle: eigene, 2013)

Albanische Heimkehrer schaffen Arbeitsplätze

Heimkehrer engagierten sich überproportional als Selbstständige, Unternehmer und Manager - vor allem im landwirtschaftlichen Sektor, besonders beim Anbau und Export von Zitrusfrüchten und Glashausprodukten.

Gut qualifizierte Daheimgebliebene spürten kaum etwas von dieser Konkurrenz – dafür ergänzten sich Heimkehrer und Geringqualifizierte hervorragend. Sie konkurrierten nicht um dieselben Jobs, sondern schufen neue – für sich selbst und für andere. Heimkehrer beschäftigten weitaus häufiger andere Menschen als Nicht-Migranten.

Mit jedem Prozentpunkt an Heimkehrern in der Bevölkerung stieg die Beschäftigung Geringqualifizierter um 1,4 Prozent – und auch ihre Löhne zogen an. Insgesamt gelang es der Kombination aus höherer Beschäftigung und besseren Löhnen, den Einbruch der Rücküberweisungen aus Griechenland – immerhin 1,6 Prozent der albanischen Wirtschaftsleistung – annähernd zu kompensieren.  

Gleichzeitig erwies sich der Wissenstransfer aus Griechenland als wichtiger Motor für Innovation: Albaniens Subsistenzlandwirtschaft wandelte sich zu einer kommerziellen Landwirtschaft mit höheren Erträgen – und die albanischen Exporte stiegen. [1]

Ähnliche Muster zeigen sich auch anderswo: Chinesische Heimkehrer in ländliche Dörfer sowie ehemalige jugoslawische und türkische Migranten aus Deutschland investierten deutlich mehr in Farmequipment als Nicht-Migranten.

Albanische Rückkehrer sind besonders überrepräsentiert in Handwerksberufen und landwirtschaftliche Fachkräfte sowie im Management. Zugleich sind sie stark unterrepräsentiert bei einfachen Tätigkeiten, als Techniker und Büroangestellte und sonstige Fachkräfte – insbesondere, wo Universitätsabschlüsse gebraucht werden. ( [1], eigene Darstellung)
Albanische Rückkehrer sind besonders überrepräsentiert in Handwerksberufen und landwirtschaftliche Fachkräfte sowie im Management. Zugleich sind sie stark unterrepräsentiert bei einfachen Tätigkeiten, als Techniker und Büroangestellte und sonstige Fachkräfte – insbesondere, wo Universitätsabschlüsse gebraucht werden. ( [1], eigene Darstellung)

Moldawien: Krise treibt die Auswanderung

Eine besondere Rückkoppelung mit der Heimat ist die von Ideen und Vorstellungen darüber, wie eine Gesellschaft funktionieren soll – dank des Internets in Echtzeit. Die Moldauische Republik liefert dafür ein eindrückliches Beispiel.

Heute liegt das Land direkt an der Ostgrenze der Europäischen Union – als Beitrittskandidat, der sich auf den Weg nach Europa gemacht hat. Doch lange war Moldawien der südwestlichste Ausläufer der Sowjetunion. Selbst nach deren Zerfall und der moldawischen Unabhängigkeit blieb die Bevölkerung isoliert: Kontakt zur Außenwelt – durch Migration, Reisen, Medien oder Bücher – gab es kaum.

Das Land pflegte seine kommunistischen Traditionen und schottete sich weiter ab. Die Medien blieben staatlich dominiert und verbreiteten antikapitalistische und antiwestliche Propaganda. Externe Einflüsse drangen nicht durch. 

Dies änderte sich erst, als die russische Wirtschaft 1998 in die Finanzkrise schlitterte. Moldawien traf es sogar noch härter als Russland selbst – die Wirtschaftsleistung brach um über 32 Prozent ein. Zuvor spielte Migration für die meisten Moldawier keine Rolle. Doch die wirtschaftlichen Turbulenzen trieben bis 2009 rund 300.000 der damals rund 4 Millionen Einwohner ins Ausland.

Ost und West: Zwischen den Welten

Als Binnenland standen den Auswanderern zwei Migrationskorridore offen: 60 Prozent zog es nach Russland, die übrigen 40 Prozent wanderten nach Europa. Den Ausschlag gab meist das soziale Netzwerk – wer bereits Bekannte in einem Land hatte, die ihn mit Informationen und Unterstützung versorgen konnten, folgte ihnen. Das schuf eine Pfadabhängigkeit, die weitere Auswanderer aus derselben Gemeinde nach sich zog.

So gingen ethnische Russen eher nach Russland, türkischsprachige Gagausier in die Türkei und rumänischsprachige Moldawier – dank europäischer Pässe – nach Europa, wo Rumänen bereits Netzwerke aufgebaut hatten.

Der Weg in den Westen war teurer – Visa-Restriktionen machten die Migration kostspielig, womit sie nur wohlhabenden Haushalten offenstand. Die Migranten waren jünger, besser ausgebildet und überwiegend weiblich – natürliche Oppositionelle der Kommunisten.

Noch 1998 lebten in Italien gerade einmal 15 Moldawier – 2004 waren es bereits 40.000. Ähnlich rasant wuchs die moldawische Diaspora in Griechenland, Portugal und Spanien.

Die Herkunftsgemeinden unterschieden sich dagegen kaum. Die meisten sind landwirtschaftlich geprägt, ohne urbane Zentren. 

Auswanderung beeinflusst Wahlergebnisse

Die schwere Wirtschaftskrise öffnete 2001 den Kommunisten erneut die Tür zur Macht. Nach dem Ende ihres Verbots und ihrer Rehabilitation gewannen sie mit einem Erdrutschsieg – Sowjet-Nostalgie erfasste das Land: Die Partei versprach eine starke Hand und den Lebensstandard von einst, wandte sich Chişinău erneut Moskau zu. 

Doch die Emigrationswelle nach Westeuropa führte bereits wenige Jahre später zum Umschwung. Migranten wurden mit der Lage zu Hause unzufriedener mit den Lebensumständen zu Hause. Ihr Vertrauen in die Regierung und staatliche Medien schwand – sie beurteilten staatliche Eingriffe zunehmend kritisch.

Viele Auswanderer begannen, ihre Verwandten daheim als unaufgeklärt und uninformiert zu empfinden – vor allem in den armen, ländlichen Regionen. Sie erklärten ihren Familien und Freunden, wie Westeuropa „funktionierte“: Sie vermittelten eine Vision von Europa und moderner Gesellschaft – ausgeschmückt mit positiv aufgeladenen Konzepten vom wirtschaftlichen Aufschwung, Unternehmertum.

2009 holten die Kommunisten an den Auslandsurnen gerade noch 12 Prozent der Stimmen – gegenüber 46 Prozent im Jahr 2005.

Als sich die Kommunisten 2009 mit der liberalen Vier-Parteien-Allianz für die Europäische Integration in einer Pattsituation festfuhren, schalteten sich vor allem Migranten im Westen ein. Sie zweifelten an der Legitimität der Wahl und feuerten ihre Familien und Freunde daheim an, erst recht gegen die Kommunisten zu stimmen.

Sie warnten, nicht auf Wahlgeschenke der Kommunisten wie Wodka oder Kartoffeln hereinzufallen. Korruption wurde für sie zum zentralen Anliegen – das Leben in Westeuropa hatte sie gegenüber Bestechung und Vetternwirtschaft viel intoleranter gemacht. Sie ermutigten die Daheimgebliebenen, keine Bestechungen mehr zu zahlen und stattdessen Parteien mit einer klaren Anti-Korruptionsagenda zu wählen. Das reichte, um die Wahl zu drehen. Ohne diesen Auswanderer-Effekt hätten 2009 erneut die Kommunisten gewonnen.

Die liberale Allianz machte Moldawien zum Reformmusterschüler: Sie verbesserte Unternehmensfreundlichkeit, Pressefreiheit, Investitionsklima und institutionelle Qualität – Moldawiens Demokratieindex legte in mehreren Dimensionen zu.

Moldawien und Transnistrien zwischen den Blöcken: Das rechte Moldau-Ufer hat sich längst für den Weg nach Westen entschieden – im industrialisierten Transnistrien hingegen hält man Moskau die Treue. Alle Regierungsgebäude dort tragen neben der transnistrischen Fahne – die noch immer Hammer und Sichel zeigt – auch die russische. Wer die innermoldawische Grenze überquert, sieht das genaue Gegenteil: Amtsgebäude schmückt die blaue EU-Fahne, ein NATO-Informationscenter hat seine Tore geöffnet – der Beitritt soll sichtbar werden, bevor er vollzogen ist. (Bildquelle: eigene, 2026)
Moldawien und Transnistrien zwischen den Blöcken: Das rechte Moldau-Ufer hat sich längst für den Weg nach Westen entschieden – im industrialisierten Transnistrien hingegen hält man Moskau die Treue. Alle Regierungsgebäude dort tragen neben der transnistrischen Fahne – die noch immer Hammer und Sichel zeigt – auch die russische. Wer die innermoldawische Grenze überquert, sieht das genaue Gegenteil: Amtsgebäude schmückt die blaue EU-Fahne, ein NATO-Informationscenter hat seine Tore geöffnet – der Beitritt soll sichtbar werden, bevor er vollzogen ist. (Bildquelle: eigene, 2026)

Transmissionskanäle in die Heimat

Sowohl die Auswanderer in Russland als auch jene in Europa hielten engen Kontakt mit der Heimat: 90 Prozent meldeten sich mindestens einmal monatlich bei ihrer Familie, zwei Drittel sogar mindestens einmal pro Woche – hauptsächlich über das Telefon.

Mit dem Anstieg heimkehrender Telefonanrufe aus dem Westen sank kontinuierlich der Anteil der Wähler für die kommunistische Partei. Jeder Prozentpunkt mehr an Auswanderern in Westeuropa senkte den kommunistischen Wähleranteil innerhalb einer Gemeinde um 0,6 Prozentpunkte.

Auswanderer in voll ausgeprägten Demokratien wie Deutschland drückten den Wähleranteil sogar um 1,3 Prozentpunkte. Auswanderer in weniger gefestigten Demokratien wie Italien oder Rumänien hingegen machten kaum einen Unterschied – ebenso wenig wie jene in Russland.

Ein wichtiger Gegentest entkräftet die Hypothese monetärer Einflussnahme: Die Rücküberweisungen aus allen Ländern waren ähnlich. Der Auswanderer-Effekt lässt sich also nicht auf strategische Beeinflussung oder monetäre Anreize zurückführen – etwa auf das Interesse, die europäische Integration oder Visaerleichterungen voranzutreiben.

Der „Auswanderer-Effekt“ entspringt dem genuinen, eigenen Wunsch nach liberaler Demokratie. Und er beschränkt sich nicht nur auf einzelne Haushalte – er wirkt darüber hinaus auf Gemeindeebene.

Auf kommunaler Ebene setzte dieses Muster bereits früher ein: Ab 2006 entwickelten sich Gemeinden mit unterschiedlichen Migrationsmustern politisch in verschiedene Richtungen. Die Wahrscheinlichkeit eines kommunistischen Bürgermeisters sank um zwei Prozentpunkte für jeden Prozentpunkt mehr Auswanderer im Westen. [2]

Neue Kommunikationstechnologien hielten Migranten – ob in Russland oder Westeuropa – mit ihrer Heimat verbunden und ermöglichten ihnen politischen Einfluss. Mit dem massiven Anstieg internationaler Anrufe ab 2006 begann Moldawiens politische Landschaft zu kippen. Doch nur Migranten in Westeuropa brachten ihre Bekannten dazu, für liberale, pro-europäische Parteien zu stimmen. ( [2], eigene Darstellung)
Neue Kommunikationstechnologien hielten Migranten – ob in Russland oder Westeuropa – mit ihrer Heimat verbunden und ermöglichten ihnen politischen Einfluss. Mit dem massiven Anstieg internationaler Anrufe ab 2006 begann Moldawiens politische Landschaft zu kippen. Doch nur Migranten in Westeuropa brachten ihre Bekannten dazu, für liberale, pro-europäische Parteien zu stimmen. ( [2], eigene Darstellung)

Offen und liberal, aber arm?

Liberale Länder lassen ihre Bürger eher ziehen. Langfristig verbessert Auswanderung die Qualität politischer Institutionen in der Heimat. Wie in Moldawien gilt dieser Effekt auch anderswo ausschließlich für Auswanderer in reiche Länder – etwa, wenn im Ausland ausgebildete Eliten zurückkehren.

Eine große Diaspora im Ausland diszipliniert heimische Regierungen. Ab einer kritischen Masse können Migranten in ihren Gastländern politisch aktiv werden – sie wählen, demonstrieren und lobbyieren.

Der zwischenmenschliche Kontakt macht die Bürger der Gastländer empathischer und empfänglicher für solche Anliegen. Das kann das Gastland dazu bewegen, im Herkunftsland zu intervenieren – durch Kürzungen von Entwicklungshilfe, Sanktionen oder im Extremfall militärische Maßnahmen.

Der Effekt ist nicht marginal: Je nach Index bedeutet eine zehnprozentige Steigerung der Migrationsrate langfristig eine Verbesserung der institutionellen Qualität um 16 bis 24 Prozentpunkte – kurzfristig um fünf Prozentpunkte.

Besonders stark zeigte sich der Effekt in Indizes, die reale Freiheiten im Alltag der Bürger messen – stärker als in jenen, die nur die rechtliche Lage erfassen. Und er ist umso größer, je ärmer ein Land ist und je schwächer seine Institutionen ursprünglich waren. [3] [4]

Hohe Auswanderungsraten korrelieren stark mit hohen Demokratiewerten. Insbesondere dort, wo Bürger die größeren Freiheiten praktisch sofort merken, wirtschaftliche und politische Rechte beispielsweise. Die Diaspora wirkt sich also auch in unterschiedliche Arten auf die Liberalisierung in der Heimat aus. ( [3], eigene Darstellung)
Hohe Auswanderungsraten korrelieren stark mit hohen Demokratiewerten. Insbesondere dort, wo Bürger die größeren Freiheiten praktisch sofort merken, wirtschaftliche und politische Rechte beispielsweise. Die Diaspora wirkt sich also auch in unterschiedliche Arten auf die Liberalisierung in der Heimat aus. ( [3], eigene Darstellung)

Ein Teufelskreis: Auswanderung und Instabilität

Wer gut ausgebildet ist, hat bessere Chancen als der Durchschnitt – und die Globalisierung spielt ihnen dabei in die Hände: Stipendien an Universitäten und Forschungseinrichtungen stehen offen, multinationale Firmen ermöglichen Transfers in ihre Auslandsfilialen.

Instabile Rahmenbedingungen treiben deshalb vor allem die hellsten Köpfe ins Ausland. Dieser „Brain Drain“ hat drastische Konsequenzen: Know-how und wichtige Steuerzahler wandern ab. Da Humankapital der Haupttreiber wirtschaftlicher Entwicklung ist, wird das Land für Auslandsinvestitionen unattraktiver – Forschung, Entwicklung und Innovation leiden, und damit die gesamte Wirtschaft.

Bereits instabile Staaten verlieren so weitere Kapazitäten, ihre Bevölkerung mit Dienstleistungen und einem zuverlässigen Investitionsklima zu versorgen. Fehlen die Finanzmittel, öffentlich Bedienstete zu entlohnen, werden diese empfänglicher für Korruption. Infrastruktur verfällt, die Sicherheitslage verschlechtert sich – Stabilität, Rechtssicherheit und Frieden geraten unter Druck.

Die Situation spitzt sich zu: Dem Land gelingt es immer weniger, seine eigenen Talente zu halten – der Teufelskreis dreht sich weiter.

Migranten entscheiden über Krieg und Frieden

Migration verschiebt die Machtverhältnisse im Land. Zuvor marginalisierte Ethnien und andere soziale Gruppen wandern überproportional aus – und suchen ihr Glück in der Ferne.

Das schwächt die eigene Gruppe quantitativ zu Hause. Doch Rücküberweisungen verschaffen ihr finanzielle Feuerkraft, öffnen neue Netzwerke und Geschäftsmöglichkeiten. Diese wachsende ökonomische Macht bedroht die Machtbasis der alteingesessenen politischen und wirtschaftlichen Eliten – die daraufhin zurückschlagen. Die Diaspora erhöht daraufhin ihre Unterstützung.

Es entsteht eine Spirale aus immer härteren Maßnahmen, die sich schließlich in physischer Gewalt entladen kann. Ein Beispiel dafür ist der Bürgerkrieg in Sri Lanka.

Zwischen 1983 und 2009 standen sich Tamilen und die dominanten Singhalesen erbittert gegenüber. Die weltweit verstreute tamilische Diaspora finanzierte massiv die Liberation Tigers of Tamil Eelam – die Tamilischen Tiger rüsteten sich zu einer schlagkräftigen Armee hoch.

Das zog den Konflikt massiv in die Länge, während tamilische Migranten im Ausland um Sympathien und Unterstützung für ihre Sache warben. Die Anschläge vom 11. September 2001 weckten das Misstrauen gegenüber den Finanzströmen der tamilischen Diaspora – was schließlich zu einer friedlichen Lösung und einer Machtteilung im Staat beitrug.

Auch im vermeintlich fortschrittlichen Europa trieb die irische Community in den USA Geld in die Heimat – und ermöglichte so den Kampf der paramilitärischen IRA gegen die britische Verwaltung. Erst als sich das Selbstbild der irischen Migranten wandelte – von ärmlichen Flüchtlingen zu einer integrierten, wohlhabenden Community mit staatstragendem Auftreten – entstand Druck auf die IRA, der Gewalt abzuschwören.

Die Diaspora ermöglichte es den Tamil Tigers Sri Lankas sich zu finanzieren. Etwa mit solchen improvisierten gepanzerten Bulldozern während der ersten Schlacht am Elefanten-Pass 1991 mit Tausenden von Kämpfern. (Bildquelle: wikicommons/Antano, 2012)
Die Diaspora ermöglichte es den Tamil Tigers Sri Lankas sich zu finanzieren. Etwa mit solchen improvisierten gepanzerten Bulldozern während der ersten Schlacht am Elefanten-Pass 1991 mit Tausenden von Kämpfern. (Bildquelle: wikicommons/Antano, 2012)

Internationale Konflikte durch Migration

Der friedensstiftende Effekt von internationalem Handel ist gut erforscht. Die Wirkung von Migration ist weniger klar -doch Belege mehren sich, dass sie Beziehungen zwischen Ländern belasten und mitunter sogar Kriege auslösen kann.

Zum Beispiel als sich zwischen 1990 und 2000 große Flüchtlingsströme von Haiti in die Dominikanische Republik und von Nicaragua nach Costa Rica aufmachten. Dort belasteten sie die Infrastruktur und die Gesellschaft so sehr, dass sie die Neuankömmlinge nicht mehr absorbieren konnten.

Mit der Migration von Zentralamerika nach Mexiko und in die USA ging auch ein Anstieg der Gewaltkriminalität und organisierten Kriminalität einher. Dies trug stark zu Spannungen zwischen den beteiligten Ländern bei.

Das Anwachsen einer ethnischen Gruppe verschiebt die Machtverhältnisse im Gastland – und kann es destabilisieren: Das Gastland infiziert sich gewissermaßen mit der Instabilität des Herkunftslandes.

Das gilt besonders für starke Migrationsströme innerhalb des globalen Südens – mehr noch als bei Migration von Süd nach Nord. Und erst recht, wenn sich im Gastland die Überzeugung festigt, das Herkunftsland steuere seine Diaspora gezielt und interveniere zu deren Gunsten. [5]

Von Instabilität zum Aufholen – und wieder zurück

Migration mündet oft in einem Teufelskreis. Instabilität treibt Menschen fort – wie in Moldawien und Albanien gezeigt. Deren Erfahrungen, Finanzmittel und neu gewonnene Überzeugungen fließen in die Herkunftsländer zurück, wo sie wirtschaftlichen Schwung und eine Liberalisierung der Institutionen anstoßen. [1]

Doch das löst neue Verwerfungen aus. Die neu gewonnene Finanzkraft einer Gruppe mischt die Karten neu. Gleichzeitig verliert der Staat Steuern und Know-how durch Abwanderung. So erzeugt Migration erneut Instabilität – die wiederum mehr Auswanderung befeuert.

Die Diaspora wird zum Financier, Lieferanten und Unternehmer des Krieges – aber zugleich zum Vermittler und Friedensstifter. Sie eskaliert Konflikte und befriedet sie – wie die irische Community in den USA eindrücklich zeigte.

Heimholen der Migranten für den Entwicklungssprung?

Migranten beeinflussen ihre Heimatländer in vielen Dimensionen. Bis 2024 lebten 304 Millionen Menschen – 3,6 Prozent der Weltbevölkerung – außerhalb ihres Heimatlandes. Seit 1990 hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt.

Die Forschung zu den vielfältigen Rückwirkungen auf Heimatländer steckt dennoch noch in den Anfängen. Bisher deuten die Befunde darauf hin, dass die positiven Effekte der Auswanderung die negativen kaum ausgleichen.

Dennoch sollte das Heimholen von Migranten kein erklärtes Ziel von Regierungen sein. Oft bieten diese schlicht nicht die stabilen Bedingungen für erfolgreiches Unternehmertum – dieselben Bedingungen, die erst zur Auswanderung geführt hatten.

Dazu kommt: Im Ausland erworbene Fähigkeiten lassen sich unter heimischen Rahmenbedingungen oft nicht sinnvoll einsetzen. Nationale Entscheidungsträger sollten dennoch den Kontakt zur Diaspora pflegen – um deren Ressourcen, Know-how und Kapital zu mobilisieren und den Wissenstransfer in die Heimat zu sichern. [1]


[1]Viele der zitierten Ergebnisse stammen aus den 2010er-Jahren. Inzwischen hat sich das Bild eingetrübt: In vielen zentralost- und osteuropäischen Ländern hat sich der Trend seit 2024 umgekehrt – die liberale Demokratie scheint ihre Anziehungskraft verloren zu haben. Die Entscheidungsträger im industriell deutlich weiter entwickelten Transnistrien wandten sich aufgrund des pro-europäischen Kurses Moldawiens noch weiter ab. Dennoch: Bei den Wahlen 2025 machten sich viele Transnistrier auf den Weg an die Wahlurnen jenseits der inoffiziellen Grenze – und stimmten überwältigend für eine Annäherung an Europa. Die Gagausier blieben skeptisch.


Weiterlesen

[1]

R. Hausmann und L. Nedelkoska, „Welcome Home in a Crisis: Effects of Return Migration on the Non-Migrants' Wages and Employment,“ Faculty Research Paper Series 17-015, pp. 1-38, 2017.

[2]

T. Barsbai, H. Rapoport, A. Steinmayr und C. Trebesch, „The Effect of Labor Migration on the Diffusion of Democracy: Evidence from a Former Soviet Republic,“ American Economic Journals: Applied Economics 2017, Vol. 9, No. 3, pp. 36-69, 2017.

[3]

F. Docquier, E. Lodgiani, H. Rapoport und M. Schiff, „Emigration and Democracy,“ FERDI Working Paper 155, pp. 1-42, 2016.

[4]

N. Dutta und S. Roy, „Do Potential Skilled Emigrants Care about Political Stability at Home?,“ Review of Development Economics, Vol. 15, No. 3, pp. 442-457, 2011.

[5]

F. Docquier, I. Ruyssen und M. Schiff, „International Migration: Pacifier or Trigger for Military Conflicts,“ Journal of Development Studies, Vol. 59, No. 9, pp. 1657-1679, 2018.

 

 

Kommentare


bottom of page