Galoppierende Inflation – Was treibt die Teuerung in Argentinien und Südamerika
- Simon Kiwek
- 30. Dez. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.
Nach seinem Triumph bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar macht Argentinien nun mit seinen weltweit höchsten Inflationsraten Schlagzeilen. Doch worin begründet sich diese im Gegensatz zu den moderaten Raten in seinen Nachbarländern.
Inflationsraten ausgewählter lateinamerikanischer Länder (in %)

Quelle: IMF.org, 2022)
Ähnliches hatte eigentlich auch Argentinien geplant, in den 90er-Jahren sogar mit vergleichbarem Erfolg, bis das Land schließlich 2001 in den Staatsbankrott schlitterte und von da an vergaloppierten sich auch die Inflationsraten wieder in schwindelnde Höhen. Dies ist besonders bemerkenswert, handelte es sich bei Argentinien schließlich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zu den reichsten Ländern der Welt auf Augenhöhe mit Deutschland und Frankreich. Während Mexiko seine Krise durch ein Hilfspaket sowie das Freihandelsabkommen mit den USA NAFTA überstand, gelang es Brasilien aufgrund der frühzeitigen Abwertung seiner Währung des Reals argentinische Exportanteile und Produktionskapazitäten und Investitionen argentinischer Firmen für sich zu gewinnen. Argentinien als Letzten bissen die Hunde und der Staatsbankrott war unausweichlich inklusive einer massiven Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Bürger und einem Einbruch der Wirtschaft um fast 20 Prozent. Seitdem bekam das Land seine Teuerung nicht mehr unter Kontrolle.
Mit 72,4 Prozent Inflation im Jahresmittel 2022 gegenüber dem Jahr 2021 reagiert Argentiniens Währung viel stärker als der lateinamerikanische Durchschnitt mit 14.1 Prozent. Darüber hinaus dürfte sich die Teuerung im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern 2023 auch nicht wieder auf nicht viel sinken. Noch klarer wird der Vergleich mit Mexiko und Brasilien, die als bedeutende Wirtschaftsmächte weit unter dem südamerikanischen Durchschnitt liegen.
Inflationsraten verschiedener Kategorien in Argentinien

(Quelle: Nationales Institut of Statistics and Censuses, Argentina, 2022)
Ebenso wie im Rest der Welt auch sind Nahrungsmittel die treibende Kraft hinter der Teuerung, obwohl beide Nationen bedeutende Lebensmittelproduzenten sind in Form von Sojabohnen sowie Produkten wie Öl und Mehl daraus. Sowohl in Brasilien als auch Argentinien ist Bekleidung und Schuhwerk die Kategorie mit den höchsten Teuerungsraten (auch wenn aufgrund verschiedener Klassifizierung die Werte nur bedingt miteinander verglichen werden können – im Gegensatz beispielsweise des Harmonisierten Verbraucherpreisindex über alle europäischen Länder hinweg).
Inflationsraten verschiedener Kategorien in Brasilien

(Quelle: Instituto Brasileiro de Geografia e Estatistica, 2022)
Während in beiden Ländern Haushaltsgüter teurer werden, ist Wohnen, der auch Strom und Energie beinhaltet, als Kategorie an sich in Brasilien sogar gefallen. Dies ist zum Teil auf fatale Unterschiede in der Energieversorgung beider Länder zurückzuführen. Brasilien deckt zwei Drittel seines Bedarfes aus Wasserkraft, Biomasse, Solar und Wind – nur ein winzig kleiner Teil kommt aus fossilen Energien. Eine Besonderheit des Landes ist, dass der überwältigende Teil der brasilianischen Autos sowohl mit Benzin als auch mit Biodiesel betrieben werden kann, dass in Brasilien zum Großteil aus Zuckerrohr hergestellt wird. Ganz anders sieht der Primärenergiemix Argentiniens aus: 40 Prozent stammen aus Gas, welches zwar teilweise selbst produziert wird, doch auch zu weiten Teilen importiert werden muss. Hinzu kommen Ölimporte und nur ein verschwindend kleiner Teil aus erneuerbaren Energiequellen.
Selbst unter gleichen Bedingungen wäre die Inflation in Argentinien also höher als in Brasilien, aber der Verlust der Kontrolle über die eigene Währung bereits am Anfang des neuen Jahrtausends und damit völlig unzuverlässige Preissignale für die Marktteilnehmer führt auch zu wesentlich stärkeren Schwankungen der argentinischen Wachstumsraten insgesamt: Auf ein negatives Wachstum folgten sehr starke Wachstumsraten, aber kaum ein gleichmäßiges Wachstum. Die Investitionen blieben weiterhin zurück, und im Durchschnitt der Jahre blieb das argentinische Wirtschaftswachstum hinter dem aller vergleichbaren Länder zurück.
Wachstumsraten des BIP in ausgewählten Südamerikanischen Ländern

(Quelle: IMF.org, 2022)





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