Isjum: Zwischen Krieg und Normalität
- Simon Kiwek
- 13. Jan. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Nahe der Front ist Isjum weiterhin von den Spuren des Krieges gezeichnet. Doch die Bewohner stemmen sich entschlossen gegen das Untergehen ihrer Stadt.

Im Jahr 2022 war die Stadt Isjum, eine Kleinstadt mit rund 50.000 Einwohnern, für sechs Monate von russischen Truppen besetzt. Während der Schlacht um Isjum und der darauffolgenden Besatzung verloren nach ukrainischen Schätzungen etwa 1.000 Zivilisten ihr Leben. Die Zerstörung war immens: Rund 80 Prozent aller Gebäude wurden beschädigt oder vollständig zerstört.

Während dieser Zeit nutzten die russischen Besatzer etwa auch den Keller dieses Gebäudes als Ort für Verhöre. Diese dienten nicht nur dazu, Informationen zu gewinnen, sondern auch der generellen Einschüchterung und Unterdrückung der Zivilbevölkerung. Die Russen brachten offenbar bereits Listen mit Angehörigen von Militärs und Verwaltungsbeamten mit. Nach der Befreiung der Stadt fanden ukrainische Ermittler mehrere hundert Leichen in den umliegenden Wäldern. Diese wiesen Spuren von Folter und einem gewaltsamen Tod auf.




Während in der Hauptstadt Kyiv und ihren arg mitgenommenen Vororten Irpin und Butscha die Spuren des russischen Angriffs von vor drei Jahren wieder beseitigt wurden, kommt der Wiederaufbau Isjums nur langsam voran. Einige Wohnblocks, wie der oben recht wurden neu gebaut, doch bei vielen anderen Gebäuden und Denkmälern sind die Verwüstungen des Kriegs noch allzu deutlich erkennbar. Diejenigen, die bleiben oder zurückkehren, sehen sich mit großen Herausforderungen konfrontiert: Der Wiederaufbau von Infrastruktur, wie Schulen, Krankenhäusern oder Wasser, ist teuer.

Nach wie vor führt die konstante Bedrohung durch russische Truppen zu starken Einschränkungen: die Infrastruktur der Stadt ist stark beschädigt, die Zufahrt nur über abgelegene Nebenstraßen möglich. Trotz aller Herausforderungen grüßt die Stadt weiterhin mit ihrem Wahrzeichen.
Isjum liegt fast direkt an der Frontlinie. Damit ist sie nicht nur so wie alle anderen ukrainischen Städten regelmäßig von Luftangriffen betroffen, sondern auch der Lärm von Artillerie und Gewehrfeuer suchen die Bewohner fast tagtäglich heim. Doch kaum ein Bewohner kümmert sich noch darum. Man fährt mit seinem Alltag fort.

Mit ihrer Nähe zur Front hat Isjum eine neue Rolle übernommen. Junge Menschen, Frauen mit Kindern und Freunde reisen aus allen Teilen der Ukraine an, um ihre Ehemänner, Väter oder Verwandten zu sehen, die als Soldaten in den Schützengräben der Ostukraine dienen. Autos mit Kennzeichen aus allen Regionen des Landes säumen die Straßen.


Lokale Unternehmen, wie dieses asiatische Restaurant, trotzen den widrigen Umständen. In oftmals vom Krieg zerstörten Gebäuden erhalten sie den Betrieb aufrecht. Cafés arbeiten und erhalten die Moral der Einwohner und Soldaten aufrecht.


Isjum dient zugleich auch als Übergabeort für Proviant. Freiwillige reisen aus Kyiv an, um Hilfsgüter aus Spendensammlungen zu übergeben. Die Männer der 92. Brigade holen die Vorräte ab: Nahrungsmittel, Medikamente, Heizkissen, Powerbanks und Kerzen, die das Überleben und die Moral unter den schwierigen Bedingungen der Front heben sollen. Auch die Dritte Angriffsbrigade der ukrainischen Spezialkräfte, aus erfahrenen Veteranen des Azow-Regimentes hervorgegangen und in der zahlreiche ausländische Soldaten dienen, erhalten ihren Anteil.
In den meisten großen Städten des Landes, weitab von der Front, ist eine neue Normalität zurückgekehrt. Die Bewohner Kyivs sind wieder mehr von Alltagssorgen geplagt: Arbeit, Bildung, Gesundheit, die wirtschaftliche Existenz. In Isjum bleibt die Realität des Krieges allgegenwärtig und hält die Menschen in seinen Fängen.





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