top of page
geoeconomic forum-01.png

Indiens Abwanderung der Gebildeten

  • Autorenbild: Simon Kiwek
    Simon Kiwek
  • vor 5 Tagen
  • 10 Min. Lesezeit

Karriere, Code und Kultur: Indiens Diaspora verwandelt die digitale Welt.


(Bildquelle: CRS Photo / shutterstock, 2017)
(Bildquelle: CRS Photo / shutterstock, 2017)

Indiens Diaspora lebt über die ganze Welt verstreut. Nach Generationen der Migration leben rund 35 Millionen Menschen indischer Herkunft in etwa 200 Ländern der Welt. Das ist eine Verdoppelung seit der Jahrtausendwende, vor allem durch Arbeitsmigration in die reichen Golfstaaten.

In manchen Ländern stellen sie einen erheblichen Bevölkerungsanteil: In Fidschi, Guyana, Mauritius und Surinam machen Menschen indischer Herkunft rund 40 Prozent der Bevölkerung aus. In Malysia, Südafrika, Sri Lanka und Uganda bilden sie wichtige Minderheiten. Dort dominieren sie teilweise einzelne Schlüsselsektoren, etwa den Diamantenhandel in Ostafrika.

Die Einkommen der indischen Diaspora zusammen betragen alleine rund 20 Prozent der gesamten indischen Wirtschaftsleistung – mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen. Inder im Ausland beeinflussen somit auch massiv den Wohlstand ihrer Aufnahmeländer. Zugleich fungieren sie als „lebende Brücke“ in die indische Heimat.

Einen besonderen Stellenwert hat die Diaspora in westlichen Industrieländern wie Australien, Kanada und den USA. Neben hochqualifizierten Berufen betreiben viele Inder auch Kleingewerbe – fast die Hälfte der rund 146.000 Convenience Stores in den USA werden von Indern geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg schickte Indien neben anderen südasiatischen Ländern Migranten, um am Wiederaufbau der Niederlande und Großbritanniens mitzuwirken.

Qualifizierte Migration nach Westen

Die indische Diaspora im Westen zeichnet sich durch einen hohen Bildungsstand und einen wichtigen Beitrag zur lokalen Wirtschaft aus. Viele arbeiten erfolgreich in wissensintensiven Berufen wie Maschinenbau, IT, Medizin, Betriebswirtschaft und Buchhaltung.

Im britischen Gesundheitssystem spielen sie eine wichtige Rolle: Rund sechs Prozent der Beschäftigten im NHS sind indischer Herkunft. In den USA arbeiteten bereits um die Jahrtausendwende etwa 38.000 Ärzte indischer Herkunft, rund fünf Prozent der Gesamtbelegschaft. Zudem stellten sie etwa zehn Prozent der Medizinstudenten. Heute praktizieren rund 99.000 in Indien geborene Ärzte in OECD-Ländern.

Am sichtbarsten ist Indiens Einfluss jedoch in der globalen IT-Industrie. Zur Jahrtausendwende kamen von 18.250 ausländischen IT-Fachkräften in Großbritannien etwa 11.500 aus Indien. In der San Francisco Bay Area stellen Inder mit 16,4 Prozent der Bevölkerung eine der erfolgreichsten Einwanderergruppen. Viele haben es zu wohlhabenden Unternehmern und Millionären gebracht.

Die Einkommen der indischstämmigen Bevölkerung liegen deutlich über dem US-Median. Zwei Drittel der im Ausland geborenen Indo-Amerikaner haben einen Universitätsabschluss – dreimal so viele wie im Durchschnitt der US-Bevölkerung.

Rund 44 Prozent arbeiten in Führungs- oder Fachpositionen. Bereits zur Jahrtausendwende erreichte der Gesamtwert ihrer Unternehmen etwa 235 Milliarden US-Dollar.


Abbildung 1 Indische Bevölkerung in San Francisco. Verteilung der indischen Bevölkerung in der San Francisco Bay Area, 2019 (Bildquelle: localnewsmatter.org, 2022)
Abbildung 1 Indische Bevölkerung in San Francisco. Verteilung der indischen Bevölkerung in der San Francisco Bay Area, 2019 (Bildquelle: localnewsmatter.org, 2022)

Die Geburt des Computer-Inders

Indiens IT-Industrie entstand aus einer Mischung kluger politischer Entscheidungen, aber noch viel mehr glücklicher Zufälle, die sich über Jahrzehnte gegenseitig verstärkten.

Als Indien 1947 unabhängig wurde, erkannten die Verantwortlichen: Das Land litt an einem akuten Mangel an Ingenieuren, Ärzten und Wissenschaftlern. Mit der Gründung der ersten sieben Standorte des Indian Institute of Technology (IIT) legten sie den Grundstein für eine technische Elite. Heute betreibt Indien 23 IIT-Standorte plus zwei Auslands-Campusse in Tansania und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Aufnahme an diesen Instituten folgt meritokratischen Prinzipien und ist bis heute extrem wettbewerbsintensiv. So sehr, dass geschätzt rund 400 Millionen US-Dollar in eine gewaltige Nachhilfeindustrie fließen, um die Schüler auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten.

Wer einen Platz bekommt, kommt nicht zwingend aus einer reichen, privilegierten Familie. Rund 80 Prozent der Studierenden stammen aus der indischen Mittelklasse. Viele der Abgelehnten wichen stattdessen für ihr Studium in die USA aus – und die meisten von ihnen blieben dort. Sie fanden Arbeit in der aufstrebenden US-IT-Industrie. Jene, die in den 1960er und 1970ern nachkamen, hatten bereits akademische Abschlüsse – auch ihnen öffneten sich Türen in renommierte Unternehmen, wie IBM, Boeing, Bell Labs oder DuPont.

Ihre technische Expertise, ihre Vertrautheit mit westlicher Unternehmenskultur und ihre Englischkenntnisse ermöglichten eine schnelle Integration. Mit der Zeit stiegen sie in der Hierarchie auf.

Die indische Diaspora baut Brücken an den Indus

In Indien selbst existierte damals noch keine eigenständige Software-Industrie. Computer-Hardware inklusive Betriebssysteme lieferten westliche Konzerne wie ICL oder IBM. Größere indische Unternehmen und öffentliche Organisationen brauchten jedoch maßgeschneiderte Softwarelösungen, die über die Standardpakete hinausgingen.

Deshalb bauten sie eigene Programmierteams auf, die alles übernahmen – von der Installation bis zur Anpassung der Software an spezifische Bedürfnisse. Mit dem Wachstum dieser Unternehmen akkumulierten diese Teams immer mehr Know-how und entwickelten schließlich eigene Programme.

Das erste Unternehmen, das Softwarelösungen tatsächlich exportierte, war Tata Consultancy Services (TCS), 1968 gegründet. Nach ersten Aufträgen auf dem Heimatmarkt erhielt TCS 1973 seinen ersten großen internationalen Auftrag: die Entwicklung von Softwarelösungen für den Stromsektor im Iran.

Eine Computerindustrie vom Zufall gesteuert

Lange war Indien auf Großrechner aus dem Ausland angewiesen. Die Regierung erhob prohibitiv hohe Zölle von bis zu 300 Prozent auf Hardware. IBM reagierte darauf, indem es vor allem alte und wiederaufbereitete Maschinen nach Indien brachte.

1977 zwang die indische Regierung multinationale Konzerne, ihre Anteile an indischen Tochtergesellschaften auf unter 50 Prozent zu senken und den Rest an lokale Anteilseigner zu verkaufen. IBM verweigerte diese Bedingung und zog sich ganz aus dem Markt zurück. Die in heimischen Unternehmen ausgebildeten indischen Programmierer sprangen ein.

Die indische Regierung senkte zwar die Zölle in der Hoffnung, durch Wiederexporte höhere Einnahmen zu erzielen, doch die Importpolitik blieb insgesamt nachteilig. Dennoch gelang es Indien als einzigem Entwicklungsland eine bedeutende Software-Industrie aufzubauen, die zunächst 12 Millionen US-Dollar exportierte. Mit dem Aufkommen des Personal Computers (PC) wurden schließlich auch Importe erschwinglicher, und die Software-Industrie gewann deutlich an Dynamik.

Abbildung 2  Indian Institute of Technology Roorkee. Der James Thomason Building Dome, das Hauptgebäude des IIT Roorkee. (Bildquelle: Aseem Mehta, 2024)
Abbildung 2  Indian Institute of Technology Roorkee. Der James Thomason Building Dome, das Hauptgebäude des IIT Roorkee. (Bildquelle: Aseem Mehta, 2024)

Indiens IT-Gurus

So schnell wie Indiens Softwareindustrie wuchs, geriet sie schnell wieder unter Druck. Zu hohen Importzöllen gesellte sich ein akuter Fachkräftemangel: Das Universitätssystem bot kaum IT-Kurse und brachte nicht genug Ingenieure hervor.

Ende der 1970er Jahre sah man ein ungewöhnliches Bild auf Indiens Straßen: zwei junge Männer auf einem Motorroller, einer am Lenker, der andere mit einem Computer auf dem Schoß. Abends bauten sie die Geräte in gemieteten Räumen auf und gaben Schulungen – sie vermittelten, was sie tagsüber selbst in Kursen gelernt hatten.

1981 gründeten Rajendra Singh Pawar und Vijay Thadani, beide Absolventen des IIT Delhi, das National Institute of Information Technology (NIIT). Bereits ein Jahr später betrieb das Unternehmen Filialen in Mumbai, Delhi und Chennai. Über ein Franchise-Modell expandierte NIIT rasant – und verdiente sich so den Spitznamen „McDonald's des Software-Business". Um die Jahrtausendwende kamen rasch internationale Standorte in den USA dazu, und NIIT erweiterte sein Portfolio um digitale Lernplattformen sowie Weiterbildungsangebote für Mitarbeiter großer Konzerne. 2024 erzielte das Unternehmen rund 38 Millionen US-Dollar Umsatz.

Ab den 1980er Jahren öffnete sich auch die Regierungspolitik gegenüber Unternehmertum. Sie stärkte graduell die IT-Ausbildung und schuf schließlich eine eigenständige Branche. Diese umfasst heute rund 2.800 Unternehmen sowie 2.100 Entwicklungs- und Innovationszentren internationaler Konzerne und ein lebendiges Start-up-Ökosystem – mit einem Gesamtumsatz von 300 Milliarden US-Dollar und fast sechs Millionen Beschäftigten.

Diaspora-Support

Die in den USA lebenden Inder versuchten zunächst, ihre ethnische Herkunft nicht in den Vordergrund zu stellen. Zusammenarbeit mit Landsleuten mieden sie bewusst – stattdessen konzentrierten sie sich auf Karrieren innerhalb ihrer eigenen Unternehmen. Die Fortschritte der IT-Industrie in Indien bekamen sie kaum mit. In die heimische Branche investierten sie kaum – erste zaghafte Versuche, in Indien wieder Fuß zu fassen, scheiterten schnell an bürokratischen Hürden. Ihre Rolle beschränkte sich bestenfalls auf jene einzelner Mentoren.

In den 1980er Jahren bedeutete Software-Export noch  die physische Entsendung eines Programmierers, der mit einer Floppy Disk im Gepäck zu seinem Auftraggeber reiste – sogenanntes „Body Shopping". Die Lohnunterschiede waren enorm: Für einen indischen Software-Entwickler zahlten Unternehmen 16.000 bis 24.000 US-Dollar, für einen amerikanischen Kollegen bis zu 95.000 Dollar. Gegenüber anderen Schwellenländern hatten indische Entwickler dabei einen entscheidenden Vorteil: Englisch war ihre Arbeitssprache.

Auf diesem Weg gelangten mehrere kleine indische Unternehmen als günstige Auftragnehmer ins Silicon Valley. Einige indischstämmige Führungskräfte, die sich dort inzwischen hochgearbeitet hatten, waren gewillt zu helfen.

Doch sie fanden die Arbeit ihrer Landsleute unbefriedigend: Ihre Entwicklungstools wirkten veraltet, die Computer entsprachen nicht den amerikanischen Standards – die indische Regierung förderte damals nämlich russische statt amerikanischer Computertechnik. Indiens IT-Sektor steckte noch in den Anfängen der Personal-Computer-Ära. Den amerikanischen Erwartungen konnten sie schlicht nicht gerecht werden.

Die Diaspora gab ihre Landsleute dennoch nicht auf. In eigenen Programmen innerhalb ihrer US-Unternehmen ließen sie indische Programmierer mit amerikanischer Technologie – zu indischen Löhnen und Spesen – arbeiten. Die indisch-amerikanischen Führungskräfte coachten und betreuten sie dabei, ihre Qualität und ihre Leistungsstandards auf ihren Level anzuheben.

Die prägenden 1990er

Zu Beginn galten die in den USA lebenden Inder zwar als exzellente Technologieentwickler – aber in den 1970ern und 80ern fehlte es ihnen an Erfahrung im Kundenkontakt und in der Unternehmensführung. Ein Jahrzehnt später hatten einige von ihnen CEO-Positionen in mehreren Unternehmen erreicht und sich das vollständige Skillset der IT-Branche erarbeitet. Rund 40 Prozent der Silicon-Valley-Start-ups der 1990er Jahre hatte zumindest einen Mitgründer indischer Herkunft; 2004 besaßen Inder dort etwa 600 bis 700 Firmen.

Doch neue Migrationsgesetze erschwerten es, indische IT-Kenntnisse in den USA anerkennen zu lassen – oder auch nur für Geschäftsreisen einzureisen. Zudem zwangen Regelungen US-Unternehmen, Gastarbeiter nach amerikanischen Marktlöhnen zu bezahlen. Damit verlor es deutlich an Attraktivität, indische Software-Ingenieure ins Land zu holen.

Doch bereits 1985 eröffnete Texas Instruments in Indien ein Büro mit einer Satellitenverbindung in die USA. Die staatliche Indian Telecom Company erlaubte eine Datenleitung mit 64 Kilobit pro Sekunde. Das klingt nach wenig – doch es eröffnete Software-Exporteuren völlig neue Geschäftsmodelle.

Indiens IT-Sektor passte sich rasch an. Mit der Zeit wechselten immer mehr Unternehmen zu einem gemischten Modell: Einige Programmierer arbeiteten in Indien als Backoffice nach den Vorgaben ihrer US-Kunden. Für US-Firmen blieb das Einkaufen günstig. Die Exporte boomten – von 128 Millionen US-Dollar 1990 auf 485 Millionen Dollar 1994.

Das neue Jahrtausend bricht für Indien früher an

Ausgerechnet ein Programmierfehler aus den Anfangsjahren der Computerära verschaffte der indischen IT-Industrie ihren endgültigen Durchbruch. Aus Speicherplatzgründen speicherten und verarbeiteten viele Programme Jahreszahlen nämlich nur mit zwei Ziffern – also Jahrzehnt und Jahr. Niemand hatte bei ihrer Entwicklung damit gerechnet, dass diese Programme noch bis zur Jahrtausendwende im Einsatz sein würden. Stattdessen baute man neue Versionen auf den alten auf – und ließ den Fehler unangetastet.

Je näher das Jahr 2000 rückte, wurde immer klarer: Diese Programme konnten die Jahreszahl „00" nicht korrekt verarbeiten – der Y2K-Fehler. Das Problem für US-Unternehmen: Sie brauchten Software-Ingenieure, die die Programmiersprache COBOL beherrschten. In den USA war COBOL längst obsolet und stand an keiner Universität mehr auf dem Lehrplan.

In Indien war das genau umgekehrt: Die meisten Curricula bauten noch auf COBOL auf. Das verschaffte indischen Entwicklern einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil und öffnete ihnen den US-Markt in bisher ungekanntem Ausmaß. Die reibungslose Abwicklung der Y2K-Projekte baute Vertrauen bei amerikanischen Kunden auf – und öffnete weitere Türen.

Der Dot-com-Boom tat sein Übriges. Kanada, Großbritannien und die USA erhöhten ihre Einwanderungsquoten massiv, weil sie Tausende neue Programmierer benötigten. Eine neue Migrationswelle indischer Software-Ingenieure folgte.

Eine länderübergreifende Community

Während die indische Diaspora in der angelsächsischen Industrie wuchs, erstarkte parallel Indiens eigener IT-Sektor. Die Ingenieure, die in den 1960er Jahren in die USA gezogen waren, bekleideten längst hochrangige Führungspositionen in mittelgroßen und großen Unternehmen. Viele von ihnen waren Alumni derselben renommierten indischen Universitäten wie ihre Kollegen, die in Indien geblieben waren. Man begann sich zu vernetzen – und gründete Vereinigungen wie The IndUS Entrepreneurs (TiE) oder die Silicon Valley Indian Professional Association.

TiE startete ursprünglich als Mentoring-Netzwerk für junge IT-Fachkräfte aus Indien in den USA – entwickelte sich aber zum weltweit größten Netzwerk indischer Fachleute. Heute zählt TiE 63 Ortsgruppen und mehr als 500.000 Mitglieder weltweit. Das Netzwerk entfaltete auch erheblichen Einfluss auf Indiens IT-Branche und die Regierungspolitik in Neu-Delhi. TiE-Mitgründer Kanwal Rekhi überzeugte die indische Regierung in mehreren vielbeachteten Reden, den Technologiesektor weitreichend zu modernisieren.

Die Rückkehrer

Diese internationale Community beobachtete Indiens IT-Sektor nun mit wachsendem Interesse. Überall dort, wo Inder in ihren Unternehmen Senior-Positionen erreichten – zuvorderst in Giganten wie IBM, General Electric oder American Express – flossen Aufträge nach Indien, entstanden Investitionen auf dem Subkontinent. Diese amerikanische Outsourcing-Welle trieb das Wachstum der indischen Software-Industrie in den 1990er Jahren um jährlich 40 Prozent an. Zur Jahrtausendwende war die indische IT-Exportindustrie zwölf Milliarden US-Dollar schwer.

Junge Inder kehrten aus der Diaspora nach Indien zurück: Die einen gründeten eigene Forschungs- und Entwicklungslabore, die anderen überwachten US-Investitionen, indische Niederlassungen und Werkverträge zwischen den Ländern – etwa bei den IBM India Research Laboratories.

Viele wurden bald selbst zu Unternehmern: Sie gründeten Unternehmen wie Cognizant, Techspan und Mphasis oder investierten in junge IT- und Dot-com-Firmen. Eine lebendige Risikokapital- und Start-up-Szene entstand – und explodierte in ihrem Volumen: von 24 Millionen US-Dollar im Jahr 1996 auf 480 Millionen US-Dollar 1999. Die Diaspora übernahm damit eine Doppelfunktion: Sie entwickelte den indischen Sektor, während sie als Brücke auf den US-Markt diente.

Abbildung 3 Indiens Softwareexporte (in Milliarden US-Dollar)
Abbildung 3 Indiens Softwareexporte (in Milliarden US-Dollar)

Die dot.com-Blase platzt nicht Indiens IT-Sektor

Um das Jahr 2000 platzte die Dot-com-Blase. Unternehmen hatten enorme Summen in die Behebung des Y2K-Fehlers investiert – diese Ausgaben belasteten die Budgets schwer. Als Investoren nach ihrer Rendite fragten, gab es keine vermarktbaren Produkte vorzuweisen. Bald darauf folgte das Platzen der Telekom-Blase. Diese hinterließ zwar eine gewaltige globale Telekommunikationsinfrastruktur – doch die Nachfrage brach ein, und die Preise sanken auf ein Zehntel des Niveaus im Jahrzehnt zuvor.

In Indien erwies sich die Industrie als robust. 2004 zählte das Land 656.000 IT-Fachkräfte, und jedes Jahr verließen 73.000 neue Absolventen die Universitäten – mehr als die Hälfte von ihnen fand Beschäftigung in der IT-Exportindustrie.

Indien nutzte seinen Vorsprung gezielt aus und entwickelte sich zu einem der attraktivsten Standorte für Unternehmen, die ihre IT-Prozesse ins Ausland verlagerten. Die zehn bis zwölf Stunden Zeitdifferenz zu den USA ermöglichte Übernacht-Lieferungen – US-Unternehmen konnten damit faktisch Doppelschichten an einem Arbeitstag fahren und sowohl interne Prozesse als auch ihren Kundendienst ausbauen.

Die Zahlen sprechen für sich: 1997 betrug der Beitrag der IT-Branche zur indischen Wirtschaftsleistung 1,2 Prozent – 2003 hatte er sich auf 3,6 Prozent verdreifacht. 62 Prozent der Wertschöpfung floss in den Export und machte damit 21 Prozent aller indischen Exporte aus. Heute liegt dieser Anteil regelmäßig bei über 50 Prozent der gesamten Dienstleistungsexporte.

Heute spielt Indien auch bei globaler Forschung und Entwicklung eine wichtige Rolle. Das war lange nicht selbstverständlich: In der indischen Tradition gilt Wissen als etwas, das Lehrer – sogenannte Gurus – frei und kostenlos an ihre Schüler weitergeben. Diese Haltung brachte indische Unternehmen mitunter in Konflikt mit dem Schutz geistigen Eigentums ihrer US-Auftraggeber.

Inzwischen haben US-Unternehmen eine pragmatische Lösung gefunden: In Back-End-Büros füllen indische Fachkräfte den Großteil der Patentanträge aus – ein US-Anwalt überarbeitet und reicht sie anschließend ein. Das spart den Unternehmen 50 bis 60 Prozent der Kosten.

Abbildung 4 Warum Inder zurück in ihre Heimat reisen. (Quelle: [1])
Abbildung 4 Warum Inder zurück in ihre Heimat reisen. (Quelle: [1])

Die Rolle der Diaspora

Viele Indo-Amerikaner würden ihre eigene Rolle beim Erfolg des indischen IT-Sektors herunterspielen. Und tatsächlich brachten indische Entwickler gegenüber anderen Schwellenländern mit rudimentärer Softwareindustrie – wie Russland oder Brasilien – echte strukturelle Vorteile mit: kulturelle Nähe zur angelsächsischen Welt und Englisch als Arbeitssprache.

Doch das allein erklärt den Erfolg nicht. Dieselben Vorteile hatten auch Südafrika oder Pakistan – und beide verfügten ebenfalls über eine Diaspora. Dennoch profitierten sie bei weitem nicht so stark vom Internet-Boom und dem Y2K-Problem wie Indien.

Den Unterschied machten die Inder im Ausland. Sie übernahmen zunächst eine Mentoring-Rolle für unerfahrene indische Programmierer und legten damit das erste Fundament an Vertrauen in deren Fähigkeiten. Schließlich überzeugten sie auch die Entscheidungsträger in US-Konzernen, dass Indien ein zuverlässiger Standort für ausgelagerte Arbeitsprozesse sei.

Ähnliches ließe sich über indische Ärzte erzählen, die in den Gesundheitssystemen angelsächsischer Länder – in ländlichen wie urbanen Regionen – eine ebenso unverzichtbare Rolle spielen. Doch das ist eine andere Geschichte. Die indische Erfahrung zeigt: Bereits eine vergleichsweise kleine Zahl von Expats kann die Entwicklung ihrer Heimatländer grundlegend verändern. [2]


Weiterlesen

[1]

Indiaspora, „India & Its Diaspora: Partners in Progress. Supporting India's Journey to 2047,“ Indiaspora, San Francisco, 2026.

[2]

A. Pandey, A. Aggarwal, R. Devane und Y. Kuznetsow, „The Indian Diaspora: A Unique Case?,“ in Diaspora Networks and the International Migration of Skills. How Countries Can Draw on Their Talent Abroad, Washington, World Bank, 2006, pp. 71-98.


Kommentare


bottom of page