Koloniales Erbe und Institutionen: Wie Europa den Wohlstand der Welt neu verteilte
- Simon Kiwek

- 28. Apr.
- 10 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Mai
Warum ist Peru arm und Kanada reich? Die Antwort liegt 500 Jahre zurück – in Silberminen, Seuchen und einer unsichtbaren Grenze, die bis heute zwei Welten trennt.

Auswanderer prägten die Länder, in denen sie siedelten. Doch sie hatten durchaus klare Präferenzen, wohin es sie verschlug. Am liebsten zogen sie in Regionen, die ökologisch ihrer Heimat ähnelten. Die Deutschen siedelten bevorzugt in gemäßigt-humiden Berglagen und Prärien, wo Waldwirtschaft und Getreideanbau ihrer mitteleuropäischen Agrartradition entsprachen. Ihr Wissen ließ sich dort direkt anwenden.
Spanier fühlten sich in Mexiko, Peru und dem argentinischen Rio-de-la-Plata-Trockenraum wohl. Dort griffen sie auf ihr Wissen über mediterrane Trockenlandschaften zurück – Schafzucht und Weizenanbau auf semiariden Böden. Schotten und Iren fanden sich in Kanadas und Neuenglands rauen, felsigen Küstenlandschaften wieder – wie auf den britischen Inseln. Die Niederländer fanden in Südafrikas Kapregion ein Klima, das jenem ihrer Heimat sehr ähnlich war.
Aber nicht immer konnten Auswanderer nach eigenen Vorlieben entscheiden. Oft fanden sie sich in ökonomischen Zwangslagen oder die Weltpolitik bestimmten die Migrationsschicksale weitaus stärker als persönliche Präferenzen. Viele fanden sich in harten Umständen wieder: in Amerikas Wildnis, Russlands weiten Steppen, dem tropischen Klima Lateinamerikas oder den Sümpfen der Habsburgermonarchie.
Mancherorts aber war die Natur für Europäer schlicht lebensfeindlich – so gefährlich, dass sie diese Regionen gänzlich mieden. Wer dennoch ankam, überlebte oft nicht lange genug, um tatsächlich sesshaft zu werden. Das galt vor allem für Westafrika. Die einheimische Bevölkerung hatte über Jahrtausende Immunität gegen lokale Erreger entwickelt. Den Europäern fehlte dieser Schutz völlig. Lange galt Westafrika deshalb als das „Grab des weißen Mannes“.
Auf dem Überlandmarsch Mungo Parks zum Niger-Fluss starben etwa 87 Prozent der Europäer. Tropenkrankheiten wie Malaria, Gelbfieber und Cholera rafften sie dahin. In Gambia lag die Sterblichkeit bei 280 Todesfällen pro 1.000 Soldaten im Jahr. Die britische Krone wollte dies noch nicht einmal ihren Strafgefangenen zumuten – und schickte sie stattdessen nach Australien.
Solche Katastrophen sprachen sich in Europa schnell herum. Siedler vermieden Regionen, die sie wahrscheinlich das Leben kosten würden. So entschieden sich die Pilgrim Fathers bewusst gegen eine Ansiedlung in Guyana und wählten stattdessen das spätere Neuengland.
Lieber zogen Europäer in gesündere Regionen – und siedelten sich dort in weit größerer Zahl an.
Inklusive Institutionen: Wie Siedlerkolonien ein neues Europa formten
Die Siedlerdichte entschied auch über die Kolonialstrategie. Dort, wo Seuchen grassierten, entstanden keine dauerhaften Siedlungen. Je mehr Europäer aber vor Ort waren, desto stärker veränderte sich die Kolonialpolitik der Mutterländer gegenüber den eroberten Ländern.
Die europäischen Siedler modellierten ihr Leben nach den Umständen zuhause – oder ihren Träumen davon dort. Die Siedler wollten vor allem eines: Freiheit, Handelsmöglichkeiten und den sozialen Aufstieg durch eigene Arbeit. Sie wollten Eigentum erwerben und es nach ihren eigenen Vorstellungen nutzen.
Sie legten deshalb großen Wert auf Eigentumsrechte und institutionelle Kontrollmechanismen gegenüber Regierung und Eliten. Sogenannte inklusive Institutionen: Sie bieten Schutz für Privateigentum, der Staat hält sich aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben heraus. Damit können Menschen besser in Werkzeuge, Bildung und Fähigkeiten investieren – und ein höheres Einkommensniveau erreichen.[1]
Je mehr Europäer vor Ort waren, umso besser gelang es, Demokratien zu schaffen, die ihrer Heimat ähnelten oder deren Freiheiten sogar übertrafen – wie in Neuseeland, Australien, Kanada oder den USA. Viele waren sogar bereit, für diese Freiheit zu kämpfen.
Extraktive Kolonien: Wie ein System der Ausbeutung entstand
Am anderen Ende des Spektrums entstanden extraktive Staaten – einzig darauf ausgelegt, der Kolonie so viele Ressourcen wie möglich abzupressen, bei minimalem eigenem Kapitaleinsatz.
Die Erträge waren extrem ungleich verteilt. Das britische Empire erzielte in seinen Kolonien Renditen, die 25 Prozent über denen im Mutterland lagen. Nordrhodesien zahlte zwischen 1930 und 1940 Steuern in Höhe von 2,4 Millionen Pfund – und erhielt gerade einmal 136.000 Pfund in Form von Entwicklungshilfe zurück. Frankreich extrahierte aus Dahomey, dem heutigen Benin, rund 50 Prozent des dortigen Bruttoinlandsprodukts. Das brutalste Beispiel war der Kongo – Privatkolonie König Leopolds II. von Belgien. Er blutete das Land mit einer Steuerquote von 60 Prozent brutal aus.
Niemand hinderte die Europäer daran, in ihren Kolonien autoritäre Regime zu errichten – während sie ihren eigenen Bürgern zuhause immer mehr Freiheiten ermöglichten, die sie nicht selten mit den Erträgen aus den Kolonien finanzierten. Den Kolonisatoren fehlten jegliche Anreize, in die einheimische Bevölkerung zu investieren – in ihre Bildung, ihre Fähigkeiten, ihr wirtschaftliches Potenzial.

Das spanische Silberfieber versklavt Peru
In Westafrika beschränkten Seuchen die Europäer auf die Küsten. In Nordamerika dezimierten eingeschleppte Krankheiten die Ureinwohner so stark, dass kaum Menschen überlebten. In Südamerika sah die Lage anders aus: Die Spanier fanden hier eine große einheimische Bevölkerung vor – und nutzten sie.
Als die Spanier begannen, sich Südamerika anzueignen, errichteten sie die Encomienda – ein „Geschenk" an die Einheimischen. Sie teilten das Land auf und übertrugen jede Parzelle einem Spanier, dem sogenannten encomendero. Die Indigenen mussten ihm Tribut und Arbeitsdienste leisten. Im Gegenzug bekehrte der encomendero sie zum Christentum.
Mita ist ein Inka-Wort für die Arbeitspflicht der Bevölkerung gegenüber dem Staat – ursprünglich in der Landwirtschaft.
1545 entdeckten die Spanier die Potosí-Silberminen, das größte Silbervorkommen des spanischen Reiches. 1573 führten sie das mita-System der Zwangsarbeit ein: Der Zustrom freier Arbeitskräfte war aufgrund von Epidemien versiegt, die Löhne explodierten. Trotz der Kosten für Bewachung und die Anreise der Zwangsarbeiter von teils 1.000 Kilometern lohnte sich Zwangsarbeit für die Spanier wieder.
Potosí, im heutigen Bolivien, war damals mit rund 200.000 Einwohnern eine der größten Städte der Welt. Die harte Arbeit in den Minen auf 4.000 Metern Seehöhe trauten die Spanier aber nur Menschen aus Hochlagen zu – das bestimmte, welche Regionen Arbeitskräfte liefern mussten.
Die Spanier verpflichteten mehr als 200 indigene Kommunen dazu, jeden siebten Mann zu entsenden – insgesamt rund 17.500 Männer oder drei Prozent der indigenen männlichen Bevölkerung. Sie arbeiteten in den Silberminen Potosís und in den Quecksilberminen von Huancavelica – Quecksilber war für die Silberraffinierung unerlässlich.
Ein Land, zwei Welten
Ab diesem Moment begann sich das Schicksal der Peruaner dauerhaft zu entflechten. Die lokalen Eliten mussten die Zwangsarbeiter liefern und ihre Arbeitsleistung sicherstellen – deshalb beschränkten sie die Reisefreiheit ihrer eigenen Bevölkerung. Wer keine Männer schickte, musste Silber zahlen, und die Spanier trieben diese Zahlungen konsequent ein. Die meisten Dörfer schickten daher Männer.
Zugleich verhinderten die Spanier die Gründung von Haciendas – großen landwirtschaftlichen Gütern mit eigener Belegschaft – in den mita-Bezirken. Denn deren Großgrundbesitzer hätten sich zwangsläufig dagegen gewehrt, ihre Arbeitskräfte an die Minen abzugeben. Damit unterbanden die Spanier den Wettbewerb um Arbeitskräfte. Außerhalb der mita-Bezirke hingegen schützten Hacienda-Besitzer die ihnen unterworfenen Indigenen unbewusst vor den langlebigen Konsequenzen.
In den mita-Bezirken weiteten die Großgrundbesitzer ihr Land aus: durch Viehdiebstahl, das Grasen ihrer Herden auf indigenem Land, Plünderungen und gezielte Überfälle. Damit bildete sich in den mita-Bezirken auch kein zusammenhängender Großgrundbesitz.
Das bremste den Aufbau öffentlicher Güter: insbesondere Straßen, die Erzeuger mit großen Märkten verbunden hätten, fehlten – zum Nachteil aller, auch kleinen Farmen der Indigenen. In den Haciendas dagegen genossen Landbesitzer stabile Eigentumsverhältnisse – und privilegierten Zugang zu Politikern, die sie bevorzugt mit Infrastruktur versorgten.

Der lange Schatten der Kolonialpolitik
Die mita existierte 240 Jahre lang – erst 1812 schaffte die Kolonialverwaltung sie ab, als die Silberminen von Potosí erschöpft waren. Doch die Abschaffung der Zwangsarbeit bedeutete für die Indigenen noch lange keine gesicherten Eigentumsrechte.
1969 wagte die peruanische Regierung eine Landreform: Sie zerschlug die großen Landgüter und überführte sie in kollektiv geführte Kommunen. Das Experiment scheiterte. Die Kommunen zerfielen, und der Staat verteilte das Land schließlich an einzelne Bauern.
Die Folgen der mita sind in den Statistiken bis heute ablesbar. Innerhalb der mita-Grenze besitzen nur neun Prozent der Haushalte ihr Land vor den 1970er Jahren – außerhalb sind es 20 Prozent, der Zugang zu Bildung geringer. Das Straßennetz in mita-Distrikten ist deutlich dünner. Wer dort Waren verkaufen will, zahlt weit höhere Transportkosten als seine Nachbarn außerhalb der Grenze.
Landwirtschaft ist bleibt der Wichtigste Wirtschaftszweig – rund 70 Prozent der regionalen Bevölkerung leben davon. Subsistenzlandwirtschaft – also das Anbauen nur für den eigenen Bedarf ohne Marktanbindung – ist jedoch weitaus stärker verbreitet als jenseits der mita-Grenze. Ein Dorf innerhalb der Grenze konsumiert heute etwa 25 Prozent weniger als sein Nachbardorf außerhalb. Kinder leiden dort deutlich häufiger an Wachstumsstörungen.
Trotz geografisch und klimatisch nahezu identischer Ausgangsbedingungen trennt die mita-Grenze zwei wirtschaftliche Welten – hunderte Jahre nach ihrer Errichtung.
![Die Nachwirkungen der spanischen mita sind kartografisch sichtbar. Gemeinden innerhalb der mita-Grenze (grüne Linie) weisen bis heute deutlich höhere Raten an kindlichen Wachstumsstörungen und niedrigere Einkommen auf. Zwei Nachbardörfer, die nur durch eine koloniale Zwangsarbeitsgrenze getrennt sind, unterscheiden sich noch Jahrhunderte später fundamental in ihrem Wohlstand. (Quelle: [2])](https://static.wixstatic.com/media/66da30_33c6d87cdb064d7c8d08a241ee2f0e57~mv2.png/v1/fill/w_660,h_330,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/66da30_33c6d87cdb064d7c8d08a241ee2f0e57~mv2.png)
Warum Zwangsarbeit in Nordamerika scheiterte
Die Spanier wandten ähnliche Methoden in ganz Lateinamerika an: Sie unterjochten die Ureinwohner, um die Gold- und Silberschätze des Kontinents zu plündern.
Auch die Engländer hätten das gerne so gewütet – doch sie kamen zu spät. Alle reichen Gegenden hatten die Spanier bereits besetzt. Als sie in Virginia mit Jamestown ihre erste Kolonie gründeten, wollten auch sie sich nicht mit harter Landarbeit abgeben. Stattdessen schwebte ihnen dieselbe Strategie vor, die den Konquistadoren Pizarro und Cortés zum Erfolg verholfen hatte: Den Häuptling als Geisel nehmen, die Indigenen zur Zwangsarbeit zwingen und die Schätze des Landes heben.
Der Plan scheiterte, die Vorräte gingen aus. Es gab kein Gold, das sie der einheimischen Bevölkerung hätten abpressen können – die ihnen obendrein feindselig und misstrauisch begegnete.
Das eigentliche Problem war jedoch die Bevölkerungsdichte. Zur Zeit der Kolonisierung betrug sie in Südamerika rund vierhundert Menschen pro Quadratmeile – in Nordamerika weniger als eine. Was in Lateinamerika funktioniert hatte, war hier schlicht nicht möglich: Die Siedler mussten selbst arbeiten.
Also überredeten sie die Virginia Company, tüchtige Leute zu schicken – Zimmerleute, Ackerbauern, Gärtner, Fischer, Schmiede, Maurer und Rodungsarbeiter – eine Handvoll von ihnen taugte mehr als tausend wie sie selbst: Goldschmiede und kurzsichtige Glücksritter.
Von der Ausbeutung zur Selbstverwaltung
Nicht, dass die Virginia Company statt der Ureinwohner nicht versucht hätte, nun stattdessen die Siedler und Kolonisten auszubeuten. Die Kolonie stand annähernd unter Kriegsrecht. Die Todesstrafe galt selbst für mindeste Vergehen.
Die Lernkurve der englischen Eliten war nicht weniger flach wie jene der Spanier, bis sie verstanden, dass sie den Siedlern wirtschaftliche und politische Freiheiten bieten musste, Sie mussten den Siedlern wirtschaftliche und politische Freiheiten bieten – keine Dienstbotengesellschaft aus Mägden und Knechten, die man sich in London am Reißbrett ausgedacht hatte.
Wer die Bedingungen unerträglich fand, lief zu den Indianern über oder schlug sich an der Grenze ihrer Kolonien selbstständig durch, wenn ihr Bedürfnisse nicht respektiert wurden. Das begrenzte die Macht der Virginia Company wirksamer als jedes Gesetz.
Bereits um 1720 hatten alle dreizehn Kolonien ähnliche inklusive Institutionen eingeführt – schlicht weil sie sonst nicht überlebt hätten. Aus diesen Institutionen entstanden schließlich Kongresse, die die Unabhängigkeit von England und die Vereinigten Staaten von Amerika ausriefen.

Südamerika wird zu Nordamerikas Gegenpol
In Südamerika zogen die Eliten nicht einmal jene liberalen Reformen nach, die Napoleon und der Völkerfrühling von 1848 in Europa ausgelöst hatten. Den Großgrundbesitzern graute davor. Während Amerikas Unabhängigkeit ein Befreiungsschlag gegen die Kolonialherrschaft war, blieb die Unabhängigkeit Mexikos und anderer lateinamerikanischer Länder ein Projekt der lokalen Eliten, den Kreolen - in Amerika geborene Nachfahren europäischer Siedler. Sie genossen wirtschaftlichen Einfluss, standen gegenüber den aus Spanien entsandten peninsulares politische zurück.
Sie wollten sich nicht den liberalen Reformen und der Gleichstellung unterwerfen, wie sie in Europa vor sich gingen. Die Unabhängigkeit Südamerikas war also kein Befreiungskampf von unten, sondern ein Elitenprojekt zur Übernahme der wirtschaftlichen Macht - an der sozialen Hierarchie mit unterdrückten Indigenen und Sklaven änderte sich nichts.
Ob Europäer sich in großer Zahl dauerhaft ansiedeln konnten, entschied letztlich über die institutionelle Zukunft eines Landes. Wo die Seuchenlast hoch war oder eine dichte einheimische Bevölkerung bestand, standen die Chancen schlecht für inklusive Institutionen. Extraktive Institutionen und ausbeuterische Autokratien wurden dort wahrscheinlicher.
![Je höher die Siedlersterblichkeit in einer Kolonie, desto schwächer der spätere Schutz von Eigentumsrechten. Die Grafik zeigt den engen Zusammenhang zwischen den historischen Überlebensbedingungen europäischer Siedler und dem heutigen institutionellen Gefüge der betroffenen Länder. (Quelle: [1], eigene Darstellung)](https://static.wixstatic.com/media/66da30_b3dd7ad732ea458eac1cbeb2f86e4228~mv2.png/v1/fill/w_663,h_413,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/66da30_b3dd7ad732ea458eac1cbeb2f86e4228~mv2.png)
Der „Scramble for Africa“
Lange zwangen Seuchen die Europäer, an den Küsten Afrikas zu bleiben – dort monopolisierten sie den Sklaven-, Gold- und Elfenbeinhandel. Daher stammen Namen wie Gold-, Pfeffer-, Elfenbein- oder Sklavenküste.
Die Europäer investierten massiv, um auch im Landesinneren Fuß fassen zu können. Ab 1850 wurden die Europäer besser darin, Gesundheitsrisiken im tropischen Klima zu managen. Auf Pasteur und Koch zurückgehende Erkenntnisse ermöglichten ab 1870 gezielte Hygienemaßnahmen. Erste Impfstoffe kamen auf den Markt.
Das Malariamittel Chinin stand breitflächig zur Verfügung – im Senegal fiel die Sterblichkeitsrate französischer Soldaten von 16,3 auf unter drei Prozent. Ab 1880 folgte Europas „Scramble for Africa" – die systematische Kolonisierung des Kontinents.
Auch hier wiederholten sich die Muster der vorangegangenen Jahrhunderte.
Beharrlichkeit von Institutionen
Die von den Europäern installierten „Betriebssysteme" überdauerten deren Kolonialreiche. In den Neo-Europas blieben Privateigentum und bürgerliche Freiheiten das Fundament. Anderswo übernahmen neue Eliten die Macht der Kolonialherren und führten deren Herrschaft nahtlos fort.
Meist handelte es sich um jene privilegierten Eliten, an die die Kolonialherren die alltägliche Verwaltung bevölkerungsreicher Regionen delegiert hatten. Sie setzten ihre Praktiken fort: prohibitiv hohe Steuern, erdrückende Regulierungen zum Fernhalten von Konkurrenz und Zwangsarbeit. Mancherorts verschärften sie diese Methoden sogar – etwa bei Exportgütern wie Baumwolle oder Kautschuk.
Die neuen Machthaber hatten genauso wenig Interesse an inklusiveren Institutionen wie Franzosen, Engländer oder Spanier vor ihnen. Solche aufzubauen ist teuer – besonders dann, wenn sie die eigene Macht beschränken. Sie würden ihre Erträge aus extraktiven Industrien schmälern.
In solchen Ländern blieben die Pro-Kopf-Einkommen niedrig und die Armut hoch. Doch die Machthaber kümmerte das wenig: Sie zementierten stattdessen ihre Macht noch weiter, und sie konnten ebenso wenig abgewählt werden, wie ihre kolonialen Vorgänger. Umgekehrt lösten in Ländern wie Australien und Neuseeland Politiker Investitionsbooms aus – in der Hoffnung auf Wählerstimmen.
Das erklärt, warum institutionelle Pfade auch nach der Dekolonisierung so beharrlich blieben. In Peru zieht sich die unsichtbare Grenze noch heute durch das Land. Vergleichbare Muster finden sich überall auf der Welt. Doch nichts entscheidet so sehr über Wohlstand und Armut wie das institutionelle Gefüge eines Landes – und Auswanderer aus Europa legten dafür die Grundsteine. [1] [2]
Weiterlesen
D. Acemoglu, S. Johnson und J. Robinson, „The Colonial Origins of Comparative Development: An Empirical Investigation,“ NBER Working Paper 7771, pp. 1-69, 2000. |
M. Dell, „The Persistent Effects of Peru's Mining Mita,“ Econometrica, Vol. 78, no. 6, pp. 1863-1903, 2010. |
S. Blaschka-Eick, In die Neue Welt! Deutsche Auswanderer in drei Jahrhunderten, Hamburg: Rowohlt Verlag, 2010. |





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