Happy Gender Pay Gap-Day
- Simon Kiwek
- 17. Feb. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.
Fakten und Mythen um den Gender Pay Gap. Was verursacht die Lohnlücke zwischen Mann und Frau in westlichen Ländern.

Wie jedes Jahr wurde in Österreich am 13. Februar der Tag begangen, bis zu dem Frauen statistisch gesehen gratis arbeiten. Sie verdienen im Durchschnitt 21 Prozent weniger als Männer. Doch wie hat sich die Lohnlücke über die Jahrzehnte tatsächlich entwickelt? Welche Faktoren sind tatsächlich entscheidend? Wie stark sind Frauen in der Arbeitswelt tatsächlich benachteiligt?
Die Debatte dominiert Medien in der gesamten westlichen Welt: ob öffentlich-rechtlich, liberal-progressiv oder konservativ ausgerichtet. Es ist die erste Diskussion im Jahr, doch nicht die letzte. Im November wird das Thema erneut aufkommen – dieses mal als Tag, ab dem Frauen gratis arbeiten. Österreich ist dabei nicht allein, schneidet im europäischen Vergleich aber besonders schlecht ab.
Mindestens genauso vorhersehbar wie das mediale Wehklagen sind die hunterden Kommentare in den Online-Foren. Viele werden auf den Unterschied zwischen bereinigter und unbereinigter Lohnlücke hinweisen – und wieder ungehört verhallen.
Besonders fragwürdig an der gängigen Betrachtungsweise ist, dass sie den Fokus nicht auf die erklärbaren Faktoren legen, sondern auf den Teil, den die herangezogenen Variablen nicht erklären können. Diese klaffende Wissenslücke wird dann mit allerhand weltanschaulichen Interpretationen gefüllt. Zumeist haben diese Erklärungen jedoch wenig mit der Lebensrealtität der meisten Frauen in westlichen Industrieländern zu tun – erst recht nicht außerhalb akademischer Elfenbeintürme.
Was erklärt die Lohnlücke zwischen Mann und Frau

Ähnliche Entwicklungen sind heute in Ländern mit niedrigeren Einkommen zu beobachten: Im Iran machen Frauen 70 Prozent der MINT-Absolventen an Universitäten aus. Algerien, die Mongolei und Marokko bewegen sich in ähnlichen Dimensionen. In Deutschland erreicht man mit zahllosen Förderprogrammen gerade einmal 32,4 Prozent.
To have the cake and eat it
Die Lohnlücke für Frauen aus unteren Einkommensschichten hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich schneller geschlossen als für Frauen in höheren Einkommensklassen. Mit steigender Einkommensstufe wächst jedoch der relative Gehaltsunterschied.
Bei gleicher Qualifikation, Berufserfahrung und Arbeitszeit ist die Lohnlücke am unteren Ende der Einkommensskala kaum bemerkbar. Doch mit jedem Perzentil steigt sie weiter an. Am größten ist sie dort, wo Frauen die höchste Ausbildung genossen haben und auch die höchsten Gehälter beziehen. Beispiel: Die Einkommenslücke zwischen der ungelernten Putzfrau und ihrem männlichen Hilfsarbeiter ist kaum bemerkbar. Dagegen klafft sich zwischen der Ärztin und ihrem männlichen Kollegen am weitesten auseinander.
Spinnt man das Narrativ postmoderner Ideologien weiter, würde dies bedeuten, dass eine Arbeiterin in der Wäscherei, am Fließband oder im Haarsalon weniger diskriminiert wird als eine Akademikerin. Also jenen Frauen, denen alle Möglichkeiten im Leben offen gestanden haben, sich schließlich aber doch für ein Studium der Anthropologie oder Theaterwissenschaften entschieden haben, die deutlich schlechtere Jobperspektiven bieten wie ein Ingenieursstudium.
Auch schloss sich die Lohnlücke in niedrigen Einkommenssegmenten auch viel schneller als in höheren Gehaltsklassen. Auch für Österreich und andere europäische Länder gilt dieser Trend. In deutschen Bundesländern zeigt sich: je höher die Durchschnittseinkommen umso höher auch der Gender Pay Gap – die besten Werte erzielen dabei mit Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg die ehemals ostdeutschen Bundesländer.
Korrelation ist nicht Kausalität, Lebensentwürfe kein Wunschkonzert
In Diskussionen tauchen schnell vage Erklärungen über patriarchale Gesellschaftsstrukturen auf. Mädchen würden von klein auf auf bestimmte Rollen festgelegt – etwa, indem sie keine Werkzeugkästen zum Spielen bekommen. Das führe dazu, dass sie später frauentypische Studiengänge wählen, in Teilzeit arbeiten oder sich stärker der Mutterrolle widmen.
Eine Umfrage ausgerechnet aus dem feministischen Schweden zeigt ein anderes Bild. Dort liegt die Beschäftigungsquote von Frauen bei 80 Prozent – annähernd so hoch wie die der Männer. Allerdings nicht aus reiner Freiwilligkeit, sondern oft aus wirtschaftlichem Druck. Hohe Lebenshaltungskosten und unsichere Arbeitsverhältnisse machen eine Vollzeitstelle für viele Frauen zur Notwendigkeit.
Hinzu kommt: Der schwedische Staat gewährt Sozialleistungen wie kostenlose Kinderbetreuung oder Kindergeld nur, wenn beide Eltern voll berufstätig sind. Trotzdem geben 45 Prozent der Schwedinnen an, lieber Vollzeitmütter sein zu wollen. Doch dieser Lebensstil ist inzwischen ein Privileg für Wohlhabende. Wer es sich leisten kann, bleibt zu Hause. Genau diese Dynamik treibt auch den Gender Pay Gap nach oben.
Die einfache Logik dahinter: In westlichen Ländern resultiert der Gender Pay Gap vor allem daraus, dass wohlhabende Frauen ihre Freiheit anders nutzen. Anstatt höhere Einkommen am Arbeitsmarkt zu erzielen, setzen sie auf Selbstverwirklichung. Frauen mit weniger Geld haben diese Wahl nicht. Sie arbeiten weiterhin in Wäschereien, in der Buchhaltung oder nachts in der Gastronomie.
Währenddessen fordern wohlhabende Frauen eine weitere Ausweitung ihrer Freiheiten – oft im Namen der Schließung des Gender Pay Gaps. Doch wer das bezahlen soll, bleibt offen. Denn zynischer weise trägt genau das Verhalten jener Frauen, die den Pay Gap kritisieren, zu seiner Vergrößerung bei. Dies veranschaulicht das folgende Rechenbeispiel:

Ein einfaches Modell hilft, die Auswirkungen zu verdeutlichen. Wie wirken sich Gehaltsveränderungen bei Frauen aus. In den ersten vier Zeilen sind die Personen angegeben, die in unserer Gesellschaft leben. Ein wohlhabender und ein einkommensschwacher Mann sowie eine wohlhabende und eine einkommensschwache Frau. Alles andere nehmen wir als gleich an: Berufserfahrung, Branche und Arbeitszeit. In der zweiten Spalte sind ihre Jahresgehälter in Euro für das Jahr 1990 angegeben. In den darunterliegenden Zeilen 6 und 7 stehen die Durchschnittsgehälter aller Männer und aller Frauen in dieser Gesellschaft. In der untersten Zeile errechnet sich daraus der Gender Pay Gap von 8,82 Prozent (ein rein fiktiver Wert). Dieses Ausgangsgehalt dient als Basis für die drei Szenarien in den danebenliegenden Spalten. Die Gehälter der Männer bleiben in allen Fällen konstant auf dem Niveau von 1990. Im ersten Szenario steigt das Gehalt der einkommensschwachen Frau um 1 Prozent, von 55 auf 55,55 Euro. Dies verringert den Gender Pay Gap um 0,32 Prozentpunkte. Im zweiten Szenario erhöht sich das Gehalt der wohlhabenden Frau um 1 Prozent, während das Gehalt der einkommensschwachen Frau unverändert bleibt. Das reduziert den Gender Pay Gap um 0,59 Prozentpunkte. Einkommenssteigerungen bei wohlhabenden Frauen haben also einen stärkeren Einfluss auf die Lohnlücke. Im dritten Szenario steigt das Gehalt der einkommensschwachen Frau erneut um 1 Prozent, während das Gehalt der wohlhabenden Frau sinkt – beispielsweise durch Teilzeitarbeit oder Kinderbetreuung. Trotz der Einkommensverbesserung für die einkommensschwache Frau steigt der Gender Pay Gap um 0,26 Prozentpunkte. Hier setzen viele politische Maßnahmen an. Ressourcen fließen oft in die Förderung wohlhabenderer Frauen, um den Gender Pay Gap zu verringern. Doch wie das Rechenbeispiel zeigt, kann dies paradoxerweise auch zu einer Vergrößerung der Lohnlücke führen. (Quelle: eigene Darstellung)
Die Lohnlücke schließt sich wegen der Männer
Jetzt, wo wir ein Verständnis für den Gender Pay Gap entwickelt haben, zeigt sich ein noch brisanteres Problem. Denn die Lohnlücke zwischen ärmeren Frauen und ärmeren Männern hat sich nicht nur durch steigende Frauengehälter geschlossen. Vielmehr liegt es auch daran, dass Männer aus niedrigen Einkommensschichten massive Verluste hinnehmen musste.
Globalisierung und technologischer Wandel haben viele einfache Jobs verdrängt. Niedrig qualifizierte Arbeitsplätze wanderten nach China oder Osteuropa ab. Gleichzeitig wandelte sich die Wirtschaft: Die Industriegesellschaft mit gut bezahlten Jobs in der Produktion wurde von der Dienstleistungsgesellschaft mit schlechter bezahlten Stellen verdrängt – in diesen werden oft Frauen bevorzugt eingestellt.
Doch der Wohlstand eines Haushaltes hängt nicht nur vom individuellen Einkommen ab. Entscheidend ist das gesamte Haushaltseinkommen, das beide Partner gemeinsam erwirtschaften. Wenn beide arbeiten, so steigt das Haushaltseinkommen – selbst, wenn ein Teil weniger verdient.
Dennoch verwalten Frauen trotz niedriger Einkommen oft den Großteil des Haushaltsbudgets. Studien zeigen: Über 70 Prozent der Konsumausgaben werden von Frauen entschieden. Dieser Effekt verstärkt sich noch, weil Frauen tendenziell Männer wählen, die mehr verdienen als sie selbst.

Entscheidungen über Konsumausgaben aus dem gemeinsamen Haushaltsbudget: Lesebeispiel in den USA entscheiden Männer über 27 Prozent der getätigten Ausgaben, während Frauen über 73 Prozent bestimmen. Für Deutschland gelten 30 Prozent für Männer und 70 Prozent der Konsumentscheidungen treffen Frauen. (Quelle: Harvard Business Review, eigene Darstellung)
Bei Bewerbungen nicht diskriminiert
Auch das Narrativ einer Diskriminierung von Frauen bei Jobbewerbungen ist kaum haltbar. Eine Forschungsgruppe führte ein Experiment durch und versendete identische Lebensläufe an Universitätslehrstühle, wobei sich die Bewerber nur im Geschlecht unterschieden. Die Studie umfasste 371 amerikanische Universitäten und 873 Professoren. Das Ergebnis: Mit Ausnahme männlicher Ökonomie-Professoren bevorzugten alle Fakultäten Frauen – bei gleicher Qualifikation. Die Ergebnisse sind unten im Balkendiagramm dargestellt. Im besten Fall liefern solche Experimente gemischte Resultate.
Bevorzugung von Frauen bei akademischen Berufen an amerikanischen Universitäten

Lesebeispiel: 30 Prozent der Biologinnen bevorzugten Männer bei gleicher Qualifikation, während 70 Prozent der Biologinnen Frauen bevorzugten. (Quelle: Economist.com, eigene Darstellung)
Statistik und Realität
Diskussionen über den Gender Pay Gap werden oft von Ideologien und politischen Narrativen geprägt. Ein Blick auf langfristige Trends und internationale Vergleiche zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Gesellschaftliche Strukturen haben sich verändert – und mit ihnen auch die Ursachen der Lohnlücke.
In den ersten Jahrzehnten des Aufholprozesses profitierten Frauen vor allem von höherer Bildung, dem Einstieg in den Arbeitsmarkt und zunehmender Berufserfahrung. Ab der Jahrtausendwende spielten dagegen andere Faktoren eine größere Rolle: die Wahl des Studienfachs und der Branche.
Westliche Frauen dringen kaum in hochbezahlte Sektoren wie Maschinenbau oder IT vor – anders als ihre Geschlechtsgenossinnen in ärmeren Regionen.
Für eine systematische Diskriminierung bei Jobbewerbungen gibt es weniger Belege, als oft behauptet wird. Dennoch findet Umverteilung weiterhin innerhalb von Haushalten statt – meist durch besserverdienende Männer.
Letztlich erhärten Zahlen das gängige Narrativ von strukturell benachteiligten Frauen auf dem Arbeitsmarkt kaum. Maßnahmen zur Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen müssen diese Faktoren berücksichtigen – sonst laufen sie ins Leere.
Weiterlesen:
Blau, F., & Kahn, L. (2017). The Gender Wage Gap: Extent, Trends, and Explanations. Journal of Economic Literature , Vol. 55, No. 3, S. 789-865.





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