Hochinflationsperiode in den 1970ern und die Lösungsansätze
- Simon Kiwek
- 26. Mai 2023
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Jan.
Monetarismus und Keynesianer stritten während der Hochinflationsperiode 1970er Jahren um Rezepte zur Bekämpfung der Inflation. Die Parallelen zu heute sind kaum zu übersehen.

Quelle: (Pla2na, Shutterstock)
Die Hochinflationsperiode ausgelöst durch den Ölpreisschock erschütterte die Wirtschaftspolitik der 70er Jahre. Niemand war zuvor mit einer Problemstellung konfrontiert gewesen, wo Angebot und Nachfrage praktisch über Nacht weit auseinanderklafften und die Geldmenge als verbindende Klammer auf dem Markt ihr Preissignalwirkung verlor. Zwei Denkschulen konkurrierten dabei vor allem im angelsächsischen Raum um die Lösungshoheit, um der Inflation Herr zu werden.
Der Keynesianismus forderte in dieser Situation eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik. Dies bedeutet, die Wirtschaft durch staatliche Regulierung der Nachfrage und Konsum des öffentlichen Sektors zu steuern, also etwa Infrastruktur zu bauen. Der Steuerung der Geldmenge durch Geldpolitik weist der Keynesianismus dagegen eine untergeordnete Rolle zu. Der Markt reagiere schlicht zu langsam auf monetäre Einflüsse, um in der Krise sinnvoll wirken zu können, argumentierten die Keynesianer. Konsum, Staatsaugaben und Exportüberschüsse bildeten somit die Hauptpfeiler der Keynesianischen Wirtschaftspolitik.
Der Monetarismus propagiert dagegen ein Eingreifen in den Wirtschaftskreislauf über die Geldmenge. Können aufgrund eines Erdölschocks weniger industrielle Güter produziert werden, so muss die Zentralbank die Geldmenge nach unten anpassen, um den Geldwert zu erhalten. „Die Erkenntnis, dass eine substanzielle Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist, ist nur der Anfang des Verständnisses von Ursache und Heilung der Inflation.“ so Milton Friedman von der University of Chicago 1980. Die Kontrolle der Geldmenge beeinflusse die Inflation und durch die Kontrolle der Geldmenge könne man die künftigen Zinsraten beeinflussen. Geld sei ebenso Angebot und Nachfrage unterworfen und beeinflusse damit Erwartungen von Unternehmen und die Produktion von Gütern.
Tabelle 1 Ansichten der Keynesianer gegenüber Monetaristen im Vergleich
Keynesianismus | Monetarismus | |
Kontrolle der Wirtschaft | Der Staat reguliert die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen | Die Zentralbank beobachtet die Entwicklung der Geldmengenaggregate M1 -M3 und reguliert das Geld in Umlauf. |
Inflation | Die Staatsausgaben sollen an die Nachfrage angepasst werden, um damit die Inflation zu kontrollieren. | Die Geldmenge soll ausgeweitet oder eingeengt werden, um die Inflation zu kontrollieren |
Arbeitslosigkeit | Fokus liegt auf der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit; wenn die Konsumenten und Betriebe mehr sparen und weniger ausgeben, soll der Staat diese Lücke füllen. | Fokus liegt auf der Bekämpfung von Inflation; Löhne passen sich an und verhindern Arbeitslosigkeit |
Ansichten zueinander | Es dauert zu lange, bis sich die Wirtschaft an die Änderungen der Geldpolitik angepasst hat. | Staatsausgaben erhöhen die Inflation, anstatt sie zu kontrollieren und verdrängen private Ausgaben (welche gegen über den Staatsausgaben bevorzugt werden). |
Die Keynesianer entgegnen diesem monetaristischen Argument, dass aufgrund der instabilen und oft auch spekulativen Nachfrage nach Geld, Geldpolitik nicht verlässlich sein könne, um die Nachfrage zu regulieren. Dagegen habe der Staat keine Kosten, wenn er selbst Geld beziehen will. Daher brauche er auch kein Geldguthaben. Die meiste Zeit bezieht er seine Ausgaben über das Bankensystem. Der Geldbestand eines Staates sei vernachlässigbar, aber die Banken finanzieren ihn großzügig mit Staatsanleihen und ähnlichen kurzfristigen Wertpapieren. So betrug gegen Ende 1976 die Geldmenge Großbritanniens 45,1 Milliarden britischer Pfund, wohingegen die Bankguthaben des Staates sich lediglich auf 0,9 Milliarden Pfund beliefen. Keynesianischer Theorie zufolge, sollten Rezessionen durch öffentliche Ausgaben bekämpft werden. Dabei wäre die Geldmenge nur als Faktor für Fluktuationen im Privatsektor relevant. Der öffentliche Sektor hingegen leiht sich nach Belieben Geld und ist nicht durch mangelnde Liquidität eingeschränkt.
Die Probleme dieser Herangehensweise wurden in den 1960er und 1970er Jahren offensichtlich. Die Keynesianische Theorie, deren Lösungs- und Politikvorschläge sich schließlich im Diskurs durchsetzten, wurde von ideologiegebundenen Politikern und Bürokraten als Vorwand genommen, die öffentlichen Ausgaben noch mehr auszuweiten. Dies hätte kein Problem dargestellt, wenn nach einer freigiebigen Runde Staatsausgaben in Rezessionszeiten diese während eines Booms wieder zurückgefahren worden wären. In Wahrheit wurden die Rezessionen mit Staatsausgaben bekämpft, der Boom hingegen mit einer restriktiven Geldpolitik gedämpft. Der private Sektor war in jeglicher Hinsicht benachteiligt: Zur Zeit der Rezession drängten die Staatsausgaben die Investitionen privater Unternehmen zurück, während zu Boom-Zeiten die Unternehmer aufgrund des staatlichen Wettbewerbs um Kredite, überhöhte Zinsraten zahlen mussten.
Die Österreichische Schule zwischen den Fronten
Unter den beiden großen angelsächsischen Kontrahenten kamen die Ansichten der österreichischen Schule unter die Räder. Hayek stimmt mit den Monetaristen darin überein, dass eine Ausweitung der Geldmenge eine sogenannte „Nachfragesoginflation“ auslöst, also dass die gestiegene Geldmenge in Form von erhöhtem Nominaleinkommen die Nachfrage steigen lässt, während jedoch die Produktion gleichbleibt. Der Hauptunterschied zwischen Hayek und den Monetaristen, insbesondere Friedman, besteht darin, dass Hayek die Quantitätstheorie des Geldes kritisiert. Diese fokussiere sich zu sehr auf Änderungen der Geldmenge und dessen Auswirkungen auf das Preisniveau, negative Effekte von Inflation und Deflation, sowie das Verhältnis zwischen Schuldner und Gläubiger. Sie ignoriere dabei die negativen Effekte der Injektion und Entnahme des zirkulierenden Geldes auf relative Preise und die sich daraus ergebende Fehlallokation von Ressourcen, insbesondere bei Investitionen.
Abbildung 1 Friedrich August Hayek, 27. Jänner 1981 zum 50. Jubiläum der ersten Vorlesung an der London School of Economics. (Quelle: LSE Library, wikicommons)

Ein stabiles Preisniveau und ein hoher, stabiler Beschäftigungsgrad setzen nicht voraus, dass die Geldmenge stabil bliebe oder mit einer gewissen Rate steige. Eine konstante Geldmenge bedeutet nicht automatisch, dass der Geldfluss konstant bleibt. Die Geldmenge muss stattdessen auf einem Niveau gehalten werden, dass die Menschen auch bei veränderten Liquiditätspräferenzen ihre Ausgaben insgesamt weder reduzieren noch erhöhen. Um den Geldfluss konstant zu halten, muss das Geldangebot somit die nötige Flexibilität besitzen, die zentral gesteuerten Geldsystemen fehlte. Zentralbanken könnten die optimale Geldmenge nicht definieren, dies wäre nur durch das freie Spiel der Kräfte auf dem Markt möglich. Auch die Idee Friedmans einer konstanten Ausweitungsrate der Geldmenge lehnt Hayek ab. Denn wäre diese voll ausgeschöpft, während die Nachfrage nach Geld durch die Bürger aber immer noch steigt, könnte keine weitere Liquidität geschaffen werden.
Inflation könne in dezentralen Geldsystemen überall und zu jeder Zeit gestoppt werden. Eine hohe Inflationsrate signalisiert den Anbietern von Geld, dass zu viel ihrer Banknoten in Umlauf sind – sie müssten darauf reagieren, indem sie ihre Geldmenge reduzieren. Eine graduelle Stabilisierung der Inflationsraten wäre nicht empfehlenswert, da dies die darauffolgende Rezession unnötig in die Länge ziehen würde. Wie dies in den Vereinigten Staaten zwischen August 1920 und Februar 1921 der Fall gewesen war. Die Preise fielen in diesem Zeitraum um ein Drittel. Die Wirtschaft litt beträchtlich, erholte sich innerhalb eines halben Jahres aber signifikant. Das Deutsche Reich wurde 1923 ebenso von einer Hyperinflation heimgesucht, konnte diese schließlich mit einer Beschränkung der Geldmenge eindämmen.
Die Hochinflationsphase in den 1970er Jahren
In den USA konzentrierte sich die Zentralbank FED in den 1950er und 60er Jahren auf eine Geldpolitik, die sowohl die Inflation in Schach als auch das Wirtschaftswachstum auf stabilem Kurs halten sollte. Ein wichtiges Leitbild der amerikanischen Geldpolitik war die Phillips-Kurve. Der neuseeländische Ökonom Phillip fand einen negativen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation: War die Inflation hoch, war die Arbeitslosigkeit niedrig und umgekehrt. In der Keynesianisch inspirierten Umgebung herrschte die Überzeugung vor, dass es einen Abtausch der wirtschaftspolitischen Instrumente gab: Eine lockere Geldpolitik könne eine restriktive Fiskalpolitik ausgleichen und umgekehrt. So begannen 1967 Verhandlungen über Steuererhöhungen, um die Defizite des Haushaltes auszugleichen. Aber erst Mitte 1968 erreichte man eine Übereinkunft, welche das Haushaltsdefizit in einen Haushaltsüberschuss verwandelten. Trotz dieser Steuererhöhung wuchs die Geldmenge auf hohem Niveau an und die Inflation stieg weiter.
In Großbritannien herrschte zur selben Zeit eine Art Konsens zwischen Gewerkschaften und Unternehmen, die Lohnforderungen unterhalb des Lohnniveaus zu halten, während die Unternehmen im Gegenzug nur leichte Preisanstiege durchsetzten. Doch wurde diese Harmonie zerrüttet, als die Wirtschaft ins Stocken geriet: Das Produktivitätswachstum ging zurück, die Inflation erreichte 1969. Als die Inflation Endes 1970 schließlich sieben Prozent erreichte, forderten die Gewerkschaften sektorale Lohnerhöhungen von gar 37 Prozent. Dabei war die Messung der tatsächlichen Inflation in Großbritannien problematisch, da Lohn- und Preiskontrollen die tatsächliche Teuerung der einzelnen Preise verschleierten. Ein Jahr später kam es schließlich zu einer explosionsartigen Ausweitung der Geldmenge – in den nächsten zwei Jahren explodierte diese um 60 Prozent an. Dies war vor allem auf einen massiven Anstieg von Kreditvergaben durch Banken zurückzuführen und verschärft durch die massiven Staatsschulden, welche die Geldmenge noch einmal aufblähten.

Die gegenläufige Entwicklung von hoher Inflation und niedriger Arbeitslosigkeit und umgekehrt, beschrieben durch die Phillips-Kurve, verschwand in dieser Krisenperiode ebenso. Die lockere Geldpolitik der 1970er, die hohen Inflationsraten in Kauf nahm, führte nicht zu sinkender Arbeitslosigkeit. Sondern ein neues Phänomen trat auf den Plan, welches unter dem Begriff Stagflation berühmt wurde: Eine Wirtschaft, die kaum wuchs und dennoch hohe Inflationsraten aufwies.
Die Ölpreisschocks treffen die USA und UK
Unter diesen bereits kritischen Voraussetzungen wurden die beiden angelsächsischen Länder schließlich von einer Verknappung auf den Energiemärkten getroffen, mit der die OPEC-Staaten aufgrund geopolitischer Spannungen ihre Macht unter Beweis stellen wollten. Die Ölpreise in den USA vervierfachten sich. Großbritannien, dessen Erdölversorgung ganz besonders von der OPEC abhing, wurde noch härter getroffen.
Die FED argumentierte, dass dies nichts mit der Geldpolitik zu tun hätte und ordnete an, Öl und energieintensive Güter, die 11 Prozent des Warenkorbes ausmachten, bei der Berechnung des Verbraucherpreisindexes schlicht nicht mehr zu berücksichtigen. Doch stiegen als nächstes die Lebensmittelpreise – dafür machte man schließlich die Wetterlage 1973 verantwortlich. Konsequent entfernte man auch die Lebensmittel, die mit 25 Prozent gewichtet wurden, aus dem Verbraucherpreisindex. Diese Form des Warenkorbs wurde als Kerninflationsrate bekannt, und wird von Ökonomen auch heute verwendet, um die aktuelle Krise der Lebenshaltungskosten im Nachgang der COVID-Krise und dem Krieg in der Ukraine zu bewerten. Dies begründen sich darin, dass Energie und Lebensmittel volatile Güter sind, deren Preise aufgrund ferner Kriege und Wettereinflüsse, wie El Nino in landwirtschaftlich wichtigen Exportländern, schwanken und deren Preisschwankungen nicht durch die eigene Wirtschaftspolitik beeinflusst werden können. Obwohl diese Begründung nachvollziehbar ist, vernachlässigt sie, dass sich hohe Lebensmittel- und Energiepreise über die Zeit dennoch auch in allen anderen Gütern des Warenkorbes niederschlagen – wie dies aktuelle Wirtschaftsprognosen beispielsweise den USA bescheinigen. Darüber hinaus müssen die Konsumenten auch tragen, unabhängig, wo sie anfallen. Doch die FED ging noch weiter. Mit ähnlichen Begründungen entfernte man noch weitere Güter aus dem Warenkorb: Wohnmobile, Gebrauchtwagen, Kinderspielzeug und sogar Goldschmuck. Am Ende waren nur mehr 35 Prozent des ursprünglichen Warenkorbs übrig – und der Verbraucherpreisindex stieg dennoch im zweistelligen Bereich. Erst an diesem Punkt gestand sich die US-Behörde ein: Die USA hatten ein Inflationsproblem.
In Großbritannien erschütterten Streiks regelmäßig das Land und führten jedes Mal zu höheren Löhnen. Die Produktivitätszuwächse der Unternehmen reichten dagegen nicht aus, um die Lohnerhöhungen zu finanzieren. Die Lohnzuwächse führten schließlich nicht mehr zu einer Erhöhung der Reallöhne, sondern trieben ausschließlich die Inflation in ungekannte Größen. Die wirtschaftliche Situation für Großbritannien war insgesamt schlimm: 1,5 Millionen Arbeitslose begleiteten den Wirtschaftseinbruch und der Lebensstandard sank. Das Land wurde zum „kranken Mann Europas“. Auch das Vertrauen in das britische Pfund fiel nach Rezessionen 1974 und 75. Die Finanzmärkte stießen die Währung ab und das Pfund stürzte weiter ab. Am Ende stand Großbritannien mit hoher Verschuldung, abgeschnitten von den internationalen Finanzmärkten und einer Inflation von 25 Prozent da. Versuche der Labour-Regierung zusammen mit der Gewerkschaft die Situation unter Kontrolle zu bringen, blieben erfolglos. Das Wachstum der Geldmenge schoss über das jährliche Ziel von neun bis 13 Prozent hinaus. Auch die Erhöhung der Leitzinsen von fünf auf sieben Prozent durch die Bank of England war nicht ausreichend und es erfolgten massive Zinsschritte auf 17 Prozent.
Die Kehrtwende
1979 erfolgte eine Kehrtwende in der FED unter dem neuen Vorsitzenden Paul Volcker. Auch in den USA erfolgten schnelle Erhöhungen der Leitzinsen. Doch machte die hohe Arbeitslosigkeit von sieben Prozent die Behörden nervös, was zu einer Rücknahme der Zinsen führte. Die FED schwenkte auf eine andere Geldpolitik um: Anstatt den täglichen Leitzins, konzentrierte man sich darauf, die Geldmenge, genauer das Volumen der Bankreserven, unter Kontrolle zu halten. Der Leitzins stieg unter dieser restriktiven Geldpolitik auf 20 Prozent bis Ende des Jahres 1980. Diese hohen Zinsen führten zu einer schweren Rezession, steigender Arbeitslosigkeit und Liquiditätsengpässen für Unternehmer.

Der zu jenem Zeitpunkt amtierenden Regierung unter Ronald Reagan waren diese Auswirkungen sehr wohl bewusst. Doch die Bekämpfung der Inflation hatte Priorität und er unterstützte die Bemühungen der FED – obwohl diese herbe Kritik einstecken musste. Doch die Inflation nahm ab, 1982 sank sie auf 6,1 Prozent und weiter auf 3,7 Prozent im Folgejahr. Die Rezession erreichte zu diesem Zeitpunkt ihren Tiefstand und die Arbeitslosenquote mit 10,8 Prozent ihren Höhepunkt. Doch mit dem Abklingen der Inflation begann schließlich auch die Wirtschaft und die Beschäftigung wieder zu wachsen. Rückblickend waren die harten Eingriffe kurzfristig zwar sehr schmerzhaft, konnten aber langfristig die außer Kontrolle geratene Teuerung mit ihren fatalen Auswirkungen auf die Wirtschaft stabilisieren. Auch waren die starken Schwankungen der Inflationsraten passé und die Wirtschaft wuchs stabiler.
Abbildung 2 Demonstration während des britischen Bergarbeiterstreiks 1984 im Kampf gegen Maßnahmen der Regierung Thatcher, die Macht der Gewerkschaften zu brechen. (Quelle: Nicksarebi, wikicommons, 2008)

Großbritannien wurde weiterhin von Streiks erschüttert. Ender der 70er Jahre erreichte die Inflation 12 Prozent. Auch die Strategie eines unterbewerteten Pfundes, um die Exporte anzukurbeln bewährte sich nicht – denn die aus dem Ausland importierte Inflation wurde der Arbeiterschaft dennoch kompensiert, womit das Land nicht wettbewerbsfähiger wurde. Die Gewerkschaften erstickten so gut wie jeden wirtschaftlichen Fortschritt, der zu höherer Produktivität geführt hätte. Beispielsweise bekämpfte man die Elektrifizierung von Lokomotiven, da dies die Kohleschaufler an Bord von Zügen arbeitslos gemacht hätte. Erst der folgenden Regierung unter Margaret Thatcher gelang es die Situation unter Kontrolle zu bringen – mit harten Gesetzen, die die Gewerkschaften an die kurze Leine nahmen.
Auch bei der Geldpolitik ging man neue Wege. Die Geldmenge sollte weniger stark ausgeweitet werden, als dies bisher der Fall gewesen war. Deren Wachstum wurde im Jahr 1980 auf 7 bis 11 Prozent und 1983 auf 4 bis 8 Prozent gedrosselt. Das Budgetdefizit wurde von 3,75 auf 1,5 Prozent mehr als halbiert.
Milton Friedmans Rezeption der Inflationsphase in der angelsächsischen Welt
In seinem Buch „Free To Choose” aus 1980 listet Friedman drei wesentliche Gründe für die galoppierende Inflation in den USA von 1965 bis 1980 auf.
So führten erhöhte Staatsausgaben nicht zu mehr Inflation, wenn die zusätzlichen staatlichen Ausgaben durch Steuern oder Darlehen finanziert würden. Doch sind Steuern unpopulär, während Inflation tatsächlich ebenso als Besteuerung zu sehen, für die Regierung viel praktischer wäre. Niemand bemerkte diese Art der Besteuerung und der Staat könnte dennoch mehr Ausgaben finanzieren.
Weiters möge das Ziel der Vollbeschäftigung ein hehres Ziel sein, in der Praxis jedoch nur sehr unklar definiert und ein viel komplexeres Phänomen. Der Arbeitsmarkt wäre ständig in Bewegung: Neue Produkte und Dienstleistungen treten in den Markt ein, andere verschwinden. Die Nachfrage nach dem einen steigt, während sie für das andere sinkt. Während dieser Bewegungen Vollbeschäftigung zu gewährleisten wäre schwierig. Staatsausgaben senkten die Arbeitslosigkeit, Steuern erhöhten sie dagegen. Die Politik der Vollbeschäftigung sorge entsprechend für einen Anreiz die Staatsausgaben ständig zu erhöhen, während man die Steuern senkt. Dies führt zum konstanten Anreiz, die weiter auseinandergehende Lücke durch Geld von der Zentralbank zu decken – dies führt zu staatlich getriebener Inflation. Geschäftsbanken heizten diese noch weiter an, wenn sie ihre Staatsanleihen an die Zentralbank verkauften und die Erlöse in Form privater Darlehen weitergaben – und so die Geldmenge noch weiter erhöhten.
Zuletzt, so Friedman, konzentrierte sich die FED zu sehr auf die Zinsen, anstatt die Geldmenge zu beobachten und mittels An- und Verkaufs von Finanzprodukten zu manipulieren. Dadurch verloren die Zentralbanken der Industrieländer schließlich die Kontrolle über beides, die Zinsen und die Geldmenge.
Die Behauptung, dass die Erdölschocks für die horrenden Inflationsraten in den 70er-Jahren verantwortlich gewesen wären, weist Friedman dagegen zurück. Er verdeutlichte dies am Beispiel der beiden Länder Deutschland und Japan 1973. Beide wären zu hundert Prozent auf Ölimporte angewiesen. Doch ging in Deutschland die Inflation im Zeitraum der Erdölschocks von sieben auf weniger als fünf Prozent zurück. Japan gelang es sogar, die Inflationsrate von 30 auf fünf Prozent zu senken. Beide Länder betrieben eine monetaristische Geldpolitik. Die USA hingegen, welche nur zu fünfzig Prozent auf ausländisches Öl angewiesen waren, hatten eine sehr unstete Inflationsentwicklung.
Schlüsse für eine neue Hochinflationsperiode
Die Parallelen der aktuellen Situation Europas sind kaum von der Hand zu weisen. Die Herausforderungen aus der Realwirtschaft sind mannigfaltig: die Lockdown-Maßnahmen, während der COVID-19-Pandemie kickten die Konsumgewohnheiten der meisten Menschen aus ihren bisherigen Mustern, gleichzeitig wurden globale Lieferketten durcheinandergewirbelt, Produktionsanlagen kommen einerseits nicht mit der Herstellung zahlreicher Konsumgüter hinterher, während viele Dienstleistungsbetriebe fast zwei Jahre lang brach lagen. Zuletzt erschütterte die russische Invasion der
Ukraine die Märkte, nicht nur sind beide Länder wichtige Exporteure von Agrarrohstoffen und Dünger, vor allem Russland ist auch für die Energieversorgung Europas mittels Gases, Öl und Uran essenziell.
Abbildung 3 Synchronisierung einer restriktiven Währungspolitik sowohl in Industrie- als auch Schwellenländern. (Quelle: OECD, 2022)


Ein bedeutender Unterschied zur Situation in den 1970ern ist der sehr solide Arbeitsmarkt. Arbeitslosigkeit ist bisher kaum gestiegen, ganz im Gegenteil, der Fachkräftemangel hält viele Firmen sogar zurück, Leute zu entlassen, aus Angst, diese später nicht mehr zurückholen zu können. Dazu kommt, dass die Weltwirtschaft um ein Vielfaches vernetzter ist, als es zu jener Zeit der Fall war und die Geldpolitik eines Landes sich noch viel stärker auf andere Länder auswirkt. Heben die USA ihre Zinsen an, so wirkt sich dies massiv auf zahlreiche Entwicklungsländer aus, in denen Kredite in US-Dollar notieren. Doch auch für andere Industrieländer ändern sich die Kapitalflüsse, die kaum noch durch Beschränkungen verlangsamt werden.
Derzeit unterschätzten die meisten Prognosen die Hartnäckigkeit der Inflation im Nachgang der vergangenen Krisen. Die Europäische Kommission sagt für die meisten Länder 2023 eine Zeit der stagnierenden Wachstumsraten bei gleichzeitig relativ hohen Inflationsraten zwischen etwas über drei Prozent in den Benelux-Ländern bis hin zu 16 Prozent in osteuropäischen Ländern vorher. Von Zinssätzen bis zu zwanzig Prozent und einer Rezession wie in den 70er Jahren sind wir jedoch noch weit entfernt. Auch wenn für 2024 Besserung prognostiziert wird, so muss sich zeigen, ob die europäische irgendwann wieder an die Weltwirtschaft aufschließen wird können, wie dies in den 1970er Jahren der Fall gewesen ist – denn auch hier ändern sich die Verhältnisse: Längst sind andere Weltregionen vorangerückt und nützen die Schwächen der europäischen Wirtschaft für sich.





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