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Marsch der Kamele – Wo man auf Akerlof’s Markt für Zitronen trifft

  • Simon Kiwek
  • 23. Jan. 2023
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Jan.

Märkte für Kamele kommen mit Informationsasymmetrien zugunsten der Verkäufer einher. Um diese über Tausende Kilometer hinweg zu überwinden, haben Somalier erstaunliche Methoden entwickelt.



1970 formulierte der Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof seine These vom Markt der Zitronen. Wobei Akerlof mit Zitronen hier auf den im amerikanischen Sprachgebrauch verwendete Gebrauchtautos mit wiederholten mechanischen Problemen anspielte. Da diese für den potenziellen Käufer nicht ersichtlich sind, dem Verkäufer des gebrauchten Autos jedoch sehr wohl, entsteht eine Informationsasymmetrie. Wobei der Käufer die Angaben des Verkäufers über möglicherweise verschwiegene Mängel erst überprüfen kann, wenn das Auto selbst in seinen Besitz übergegangen ist, möchte er nur einen Preis bezahlen, der weit unter dem Angebot des Verkäufers liegt. Aus diesem Grund können Verkäufer mit einem tatsächlich hochwertigen Gebrauchtwagen keinen angemessenen Preis erzielen und ziehen sich vom Markt zurück: Am Ende sinkt die Qualität auf dem Markt für Gebrauchtwagen insgesamt, da nur noch die schlechten Angebote zu jenen Preisen dortbleiben.


Unter der fast vollständigen Abwesenheit einer funktionsfähigen Regierung in Somalia, die mittels Regulierungen oder Kontrolle diesem Marktversagen vorbeugen könnte, sind die Somalier gezwungen, sich anders zu behelfen, um diese Informationsasymmetrie zu überwinden, wenn sie ihre Kamele in den Rest der arabischen Welt verkaufen möchten. 



Aussicht auf den Kamelmarkt in Hargeisa, Hauptstadt Somalilands, einem separatistischen Teil der Republik Somalia. (Quelle: Matyas Rehak, 2022).  

Die Teilrepublik Somaliland funktioniert sehr autonom vom übrigen bürgerkriegszerrütteten Rest von Somalia. Die lokale Regierung in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa möchte sich gar als Tourismusregion etablieren. Dabei verbleibt die derzeitige Viehzucht für 60 Prozent der Bevölkerung der ehemaligen britischen Kolonie die wichtigste Lebensgrundlage. Mit geschätzt sieben Millionen Kamelen ist Somalia das Land mit der größten Kamelpopulation weltweit – annähernd doppelt so viele wie der zweitgrößte Kamelhalter Sudan. 



Wenig überraschend ist das Kamel einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren nicht nur im Leben der einzelnen Somalis, sondern auch des informellen Staates Somaliland am nördlichen Ende Somalias. Manch ein Somali erhebt das Kamel gar zu einem adäquaten Ersatz für das fehlende Öl im Land, das benachbarte Staaten von Stammesfürsten zu geachteten Regionalmächten erhob. Die Somalier sollen gar die Ersten gewesen sein, denen es 3000 bis 2000 vor Christus gelang, Kamele zu domestizieren. Auf lokalen Märkten erhält man bis zu 1.000 US-Dollar für ein gutes Exemplar, die per Mobile Money von Mobiltelephon zu Mobiltelephon übertragen werden. Neben der Funktion als Tragetier nutzen die Bewohner des Horns von Afrika die Tiere als Speicher von Kalorien in Form von Milch und vor allem Fleisch, während der immer länger andauernden Hitzeperioden der Region.


Dazu kommen moderne Geschäftsmodelle für die Kamelhirten, etwa während Dürreperioden, die selbst Kamele nicht imstande sind zu überleben, diese an Milchfarmen zu vermieten. Diese versorgen die Tiere während dieser Zeit und nutzen sie für die eigene Milchproduktion. Bei dieser Jahrtausende andauernden Näher verwundert es nicht, dass die Somalis zahlreiche Wörter und Redewendungen für die Tiere in ihrem Wortschatz hervorgebracht haben, nach Zorc und Osman 1993.



Auch decken sich die traditionellen Kamelhandelswege sehr eng mit dem Verbreitungsgebiet der somalischen Stämme weit über die Grenzregionen Äthiopiens und Kenias hinaus. Die klimatischen Bedingungen am Horn von Afrika verlangen Mensch und Tier äußerste Anpassungsfähigkeit ab. Entsprechend gefragt sind auch somalische Kamele aufgrund ihrer Qualitäten als Exportgut im Ausland über die Grenzen Afrikas hinaus. Doch dort müssen sie erst hingelangen und Afrikas Infrastruktur ist erst im Entstehen begriffen.



Eine Kamelherde wandert entlang eines Highways in der Somali-Provinz Äthiopiens. (Quelle: Zac Crellin, 2016)



Sudanesische „Cowboys“ treiben die Herden durch den Sudan bis nach Ägypten, wo sie schließlich auf den großen Märkten des Landes landen. (Quelle: eigene, 2011)



Doch wird selbst den Schiffen der Wüste die Tausende kilometerlange Reise durch die Wüste oft zu strapaziös und manche von ihnen verenden in der Wüste, bevor sie beim Schlachter landen. (Quelle: Simon Kiwek, 2011)



Market of lemons: Aus Mangel an Kühlmöglichkeiten stehen den Menschen in Ostafrika nur wenige Möglichkeiten zur Verfügung, Fleisch haltbar zu machen. Der Aushang des geschlachteten Kamels zeigt den interessierten Käufern die Frische des Fleisches an. Auf diese Art überwindet der Fleischer die Informationsasymmetrie gegenüber ihren Kunden, die ansonsten nur auf das Wort des Fleischers vertrauen könnten, dass die Fleischberge nicht seit Tagen in der brütenden Hitze der Sahara dahindörren. Wenngleich auch einige junge Sudanesen ob des Anblickes ihre Nase rümpfen müssen. (Wadi Halfa, Sudan, Quelle: Simon Kiwek, 2017)



In Ägypten selbst geht der Weg zwar oftmals weiter mit dem Auto, die Erschöpfung steckt den Tieren dennoch in den Knochen, ebenso wie der erneute Stress mit diesem ungewohnten Transportmittel. In früheren Zeiten versuchten sudanesische Kamelhändler die Importzölle zu umgehen, indem sie mit den Kamelen weite Umwege durch die Wüste machten, um den ägyptischen Zöllnern zu entgehen. (Quelle: Simon Kiwek, 2016)



Handelswege von Kamelen durch Ostafrika von Somalia fahren Viehtransporte über den Golf von Aden und das Rote Meer bis nach Ägypten, während Cowboys vom Sudan herauf die Tiere nach Ägypten treiben. Somalis exportieren ihre Tiere auch nach Äthiopien und Eritrea. 

Erst 2016 wurde die Verschiffung von Kamelen aus Somalia wieder aufgenommen, nachdem der somalische Staat de facto 1991 zusammengebrochen war. Doch nun fahren Fähren aus dem somaliländischen Hafen Berbera regelmäßig.



Dort landen die Tiere schließlich oft auf dem größten Kamelmarkt Afrikas, dem Birqash Markt nahe der ägyptischen Hauptstadt Kairo. (Quelle: Simon Kiwek, 2016)



Hier sammeln sich die Tiere nach ihrer langen Reise aus verschiedensten Ländern des Kontinents. Auf den Rücken der Tiere befinden sich die Markierungen, die sie ihren Besitzern zuordnen. Selbst mit den angebundenen Beinen sind die Kamele agil genug, um ihre Hirten auf Trab zu halten. 



Doch erneut greift Akerlofs Informationsasymmetrie: Nach der strapaziösen Reise sind die Tiere in einem Erschöpfungszustand, ihr Gesundheitszustand und ihre weitere Kondition kaum zu sehen. Die Händler greifen auf sehr robuste Methoden zurück, um potenziellen Käufern zu zeigen, dass die hart gesottenen Tiere noch agil genug sind, ihre Arbeit zu verrichten oder ihr Fleisch gut genug für den Verzehr ist. Dazu benutzen die Händler ihre Stöcke und schlagen auf die empfindlichen Gesichtszüge, die Nasenregion und die Augen ein. Ein gesundes, vor Kraft strotzendes Kamel beginnt sich zu wehren und den Schlägen auszuweichen: so wissen die Käufer, dass das Tier nach den Strapazen immer noch gesund ist. (Quelle: Simon Kiwek, 2016)



Von allen sind die somalischen Rassen die begehrtesten, aber auch die teuersten. Selbst die Behandlung der somalischen Tiere scheint um ein Vielfaches respektvoller als gegenüber denen aus dem Sudan oder Ägypten. (Quelle: Simon Kiwek, 2016)



Bereits von Kindesbeinen an lernen die Händler ihr Geschäft und die Anwendung ihres Werkzeuges, dem langen Rohrstock, mit denen sie die 400 bis 600 Kilogramm schweren Kamele gefügig machen können. (Quelle: Simon Kiwek, 2016)



Der Schlachtprozess ist in weiten Teilen am Horn von Afrika ebenso nichts für schwache Nerven. Den Tieren wird dabei manchmal die Achillessehne durchtrennt, um sie am Davonlaufen zu hindern. Danach wird ihm die Kehle durchtrennt und ausgeblutet, bevor es zum Schlachthaus transportiert wird. Dort werden die Teile entweder frisch verkauft oder wie im Bild durch Dörren in der unerbittlichen Sahara-Hitze konserviert: Somalis nennen dieses Trockenfleisch Mukmud oder Muremure. (Quelle: Mitiku Eshetu Guya & Getachew Neme, 2015).



Während das Kamel in Somalia der Schlüssel zum Überleben der Menschen ist, ist es in Saudi-Arabien die Basis eines Festmahles vor allem bei Hochzeiten und ein Luxus, mit dem man Hunderte von Gästen sattbekommt. (Quelle: JVN Pro Media, 2022)

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