Europas Sozialstaat: Sprengt Migration das System?
- Simon Kiwek

- 11. Mai
- 15 Min. Lesezeit
Amerika hatte nie einen Wohlfahrtsstaat, Europas Sozialstaaten gelten dagegen als Weltvorbild. Wie stellt Migration diesen nun auf die Probe?

Westeuropa ist gegenüber seinen Armen und Bedürftigen um ein Vielfaches großzügiger als die Vereinigten Staaten. Europas Regierungen verfügen über fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung ihrer Länder. Bei den reinen Sozialausgaben liegt Europa mit über 20 Prozent annähernd doppelt so hoch wie die USA und China, die jeweils rund 10 bis 11 Prozent aufwenden.
Zugleich sind die europäischen Steuersysteme deutlich progressiver, und Gesetze zum Schutz einkommensschwacher Bevölkerungsteile greifen stärker. Die Europäer sind, ohne Frage, sehr stolz auf ihre großzügigen Wohlfahrtsstaaten - und schauen dabei gerne auf die USA herab. Doch ist dies berechtigt?
Verhinderte Amerikas Einwanderungsgeschichte den Sozialstaat?
Amerikas fehlender Wohlfahrtsstaat beruht nicht minder auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens. Dieser speist sich aus dem starken Schutz von Privateigentum, föderalen Strukturen und dem Mehrheitswahlrecht – dem Prinzip „the winner takes it all" –, das ärmeren Bevölkerungsschichten die politische Organisation erschwert. Hinzu kommt der unerschütterliche Glaube daran, sich durch Fleiß in die Mittelschicht hocharbeiten zu können. Sie alle entwickelten sich aus der amerikanischen Geschichte heraus.
Den stärksten Erklärungsrahmen liefert jedoch die Einwanderungsgeschichte auf die Bildung von Gesellschaftsverträgen. Sozialstaaten funktionieren wie ein Generationenvertrag: Eltern investieren in ihre Kinder, solange diese hilflos sind. Sie investieren in deren Bildung in der Hoffnung, dass sie für sie sorgen, wenn sie alt sind und es ihre Gesundheit nicht mehr zulässt, selbst Einkommen zu erwirtschaften. In Sozialstaaten funktioniert dies institutionalisiert über das gesamte Staatsvolk hinweg.
In einer Einwanderungsgesellschaft bricht diese Logik auf. Die erste Generation von Einwanderern hat keine Eltern, die in sie investiert haben. Sie schultern ihre eigene Altersvorsorge – und müssen gleichzeitig für ihre Kinder sorgen. Eine doppelte Belastung. In einer Gesellschaft, die sich laufend aus neuen Einwanderergruppen zusammensetzt, bleibt jede ethnische Gruppe strukturell die erste Generation – in die niemand zuvor investiert hat. Die Belastung des Sozialstaates wird immer nur einseitig bleiben.
In den USA waren die ersten Einwanderergenerationen die der Engländer und Deutschen. Sie machten den Wald urbar, bestellten die Felder. Warum sollten sie sich bereiterklären, jeder aufs neue anbrandenden Einwanderergruppe aufs Neue alle sozialen Annehmlichkeiten finanzieren?
Nicht immer ergänzt sich Unterschiedlichkeit
Ein Sozialstaat lebt von Gegenseitigkeit. Das Prinzip ist einfach: Heute bist du krank und kannst kein Einkommen erwirtschaften – ich zahle für dich. Morgen bin ich arbeitslos – du zahlst für mich. Dieses System setzt immenses Vertrauen voraus. Woher weiß ich, wenn ich heute zahle, dass auch du morgen zahlst?
Umverteilung zu ständig neu anbrandenden Einwanderungswellen nähren das Gefühl, der Sozialstaat wäre ein sehr einseitiges Vergnügen. Doch genau darauf fußen Europas Sozialstaaten:
In Amerika funktionierte dieses Vertrauen lange – teils über Tausende von Kilometern. Schwedische Communities halfen Neuankömmlingen aus der alten Heimat, ebenso deutsche, und später mexikanische, äthiopische oder asiatische. Doch dieser Sozialstaat spielte sich innerhalb von Gemeinschaften ab – zwischen Menschen, die einander kannten oder zumindest eine Geschichte teilten. Nicht zwischen einem homogenen Staatsvolk.
Besonders persistent ist die Trennung zwischen sehr unähnlichen Kulturen – und zwar genau dort, wo die ethnische Fragmentierung besonders groß ist.
Lektionen aus den USA
Die Bereitschaft, Ressourcen umzuverteilen, folgt der Loyalität zur eigenen Gruppe. Je höher der Anteil „eigener" Leute in einer Gemeinschaft, desto stärker der Wille zur Umverteilung – und umgekehrt. Allzu oft verläuft diese Grenze entlang ethnischer Linien.
In den USA zeigt sich das besonders deutlich: Minderheiten als Nettozahler befürworten Umverteilung eher, wenn ihre eigene ethnische Gruppe überproportional profitiert – unabhängig davon, ob sie schwarz oder weiß sind. Ist die jeweils andere Gruppe überrepräsentiert, sinkt die Großzügigkeit auf beiden Seiten.
Ethnische Vielfalt untergräbt Vertrauen und Solidarität – und das nicht nur auf staatlicher Ebene. Auch auf kommunaler Ebene zeigt sich: Stark durchmischte Gemeinden stellen weniger öffentliche Güter bereit – Schulen, Straßen, Müll- und Abwasserentsorgung – und wenn, dann in schlechterer Qualität. Je homogener eine Gemeinde, desto besser kümmert sie sich um ihre Bürger.
Die Erfahrungen der USA sind damit eine Warnung für Europa: Wachsende ethnische Vielfalt kann gesellschaftliche Gleichgewichte und gewachsene Sozialverträge empfindlich durcheinanderbringen.
![Ein globaler Vergleich zeigt einen klaren Zusammenhang: Je homogener die Bevölkerung eines Landes, desto höher der Anteil der Sozialausgaben an der Wirtschaftsleistung. Westeuropäische Länder stechen dabei deutlich hervor – ethnisch relativ homogen und gleichzeitig mit hohen Transferleistungen. Am entgegengesetzten Pol finden sich viele Entwicklungsländer mit stark zersplitterter Bevölkerung – Gesellschaften, in denen viele Ethnien mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen zusammenleben – und entsprechend niedrigen Sozialausgaben. Diese Daten haben jedoch einen Haken: Sie stammen aus dem Jahr 2001. Seitdem hat sich die Demografie westeuropäischer Länder grundlegend verändert. In Deutschland hatten im Jahr 2000 knapp 9 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund – 2025 waren es bereits 22 Millionen, rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung. In Schweden hatte 2020 jede vierte Person eine im Ausland geborene Mutter; 2000 war es noch knapp jede Fünfte. Die Frage, wo Westeuropa heute auf dieser Kurve stünde, bleibt offen – aber die Richtung ist klar. (Datenquelle: [1])](https://static.wixstatic.com/media/66da30_5cbf537a9de24a5599c645fe6d21f09a~mv2.png/v1/fill/w_653,h_435,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/66da30_5cbf537a9de24a5599c645fe6d21f09a~mv2.png)
Europa wandelt sich zum Einwanderungskontinent
Während die USA eine historisch gewachsene Einwanderungsgesellschaft sind, lebten die Westeuropäer lange Zeit hinter harten, relativ verschlossenen Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen entstanden die am weitesten ausgebauten Wohlfahrtsstaaten der Welt. Wer es trotz aller Barrieren ins Land schaffte, erhielt oft unbegrenzten Zugang zu diesen Wohlfahrtssystemen.
Der Wandel begann ungefähr zur Jahrtausendwende. Nachdem Europa seinen Auswanderern erlaubt hatte, jahrhundertelang die ganze Welt zu kolonisieren, kehrte sich der Strom um: nach Frankreich, Großbritannien und nach Spanien. Osteuropäer zog es vor allem in den deutschsprachigen Raum. Binnen einer Generation verdoppelte sich die Zahl der in Europa lebenden Migranten: von 30 Millionen im Jahr 2000 auf 60 Millionen bis 2018.
Mit der Migration wuchs zugleich die Vielfalt der Herkunftsländer rasant. In Deutschland treiben vor allem Zugewanderte aus Polen und der Türkei die Diversität voran, im Baltikum sind es ethnische Russen. Längst lassen die neue Buntheit und die neue Einwanderungsrealität Risse in den westeuropäischen Gesellschaften erkennen. Die Erfahrungen aus den USA legen nahe, dass diese wachsende Vielfalt das gegenseitige Vertrauen und die Solidarität untergraben kann. Erste Befunde aus Europa zeigen bereits ein ähnliches Muster.
![Der Index der ethnischen Fraktionalisierung misst die Wahrscheinlichkeit, mit der zwei zufällig ausgewählte Individuen eines Landes derselben Ethnie angehören. Noch 1949 gehörten die Bewohner der britischen Inseln zu einem der ethnisch gemischtesten Völker im Westen. Doch die USA begannen mit ihrer steigenden Strahlkraft rasant aufzuholen und überholten Großbritannien in den 1980er Jahren. In der alten Welt blieb die ethnische Durchmischung lange relativ konstant. Erst mit den 1990er Jahren stieg die Diversität in ganz Westeuropa an und schloss zur US-amerikanischen Entwicklung auf. Osteuropa erging es gegenteilig – der Auseinanderfall von Staaten wie der Tschechoslowakei und das Aufblühen des Nationalismus in Jugoslawien und der Sowjetunion brachten die Wende: Praktisch über Nacht lebten viele Menschen plötzlich in viel homogeneren Staaten, in denen die Wahrscheinlichkeit, jemandem einer anderen Ethnie zu begegnen, sank. (Datenquelle: [2]; Link, eigene Darstellung)](https://static.wixstatic.com/media/66da30_6860539a4bed45c79d4461f38f23022a~mv2.png/v1/fill/w_662,h_474,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/66da30_6860539a4bed45c79d4461f38f23022a~mv2.png)
Ändern sich die Zeiten?
Einstellungen und Wahrnehmungen der Menschen sind nicht immer von Fakten getrieben. Umfrageteilnehmer neigen dazu, die Zahl der Migranten zu überschätzen – und ihre kulturellen sowie sozioökonomischen Charakteristika falsch einzuschätzen. Dies führt zu einer übertriebenen Wahrnehmung ihrer ökonomischen Abhängigkeit und damit zu einem negativen Bild des Wohlfahrtsstaates.
Dennoch: Längst zeigt sich auch in Europa ein klarer Zusammenhang zwischen Migration und sinkender Zustimmung zur Umverteilung durch den Sozialstaat. Je mehr Einwanderer ankommen und je unterschiedlicher ihre Herkunft, umso mehr lehnen die Einheimischen weitere Umverteilung ab. Dabei zeigt sich eine erstaunliche Parallele: Jene, die Migration kritisch betrachten, begegnen Umverteilung generell ebenfalls kritisch.
In den USA sind diese Zusammenhänge vergleichsweise gut untersucht – ausgerechnet in den westeuropäischen Staaten fehlen solche Untersuchungen. Dennoch gelten einige dieser theoretischen Kanäle auch in Europa:
Migranten erhöhen das Arbeitsangebot und damit das Risiko sinkender Löhne für einheimische Arbeiter – besonders in manuellen und körperlichen Berufen. Diese reagieren darauf mit einem stärkeren Wunsch nach Umverteilung.
Europas Furcht vor Wettbewerb
Insgesamt ergibt sich für Europa: Ein einprozentiger Zuwachs beim Anteil der Migranten geht mit einer 0,2-prozentigen Abnahme der Zustimmung zur Umverteilung einher. Dies gilt jedoch nur, wenn die Qualifikation der Migranten weit unter jener der Einheimischen liegt. Höherqualifizierte Migranten steigern den Wunsch nach Umverteilung sogar.
Dies liegt vor allem an höherqualifizierten Einheimischen. Diese fühlen sich weniger bedroht – sie stehen kaum im direkten Wettbewerb mit den Migranten, manche profitieren sogar von deren günstigerer Arbeitskraft. Sie stehen Umverteilung in der Regel skeptisch gegenüber, viel schlecht qualifizierte Zuwanderung verstärkt diese Ablehnung von Umverteilung noch stärker.
Doch je höher qualifiziert die Migranten sind, desto stärker steigt auch ihr Wunsch nach einem gut ausgebauten Sozialstaat. Der Effekt ist im privaten Sektor stärker ausgeprägt als im öffentlichen Bereich, wo Beschäftigte vor Konkurrenz am Arbeitsmarkt weitgehend abgeschirmt sind.
Damit ist vor allem die höhere Konkurrenz durch Migranten am Arbeitsmarkt der treibende Faktor hinter dem wachsenden europäischen Wunsch nach Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Im Notfall ist man dann selbst stärker auf ihn angewiesen.
Insgesamt scheinen die Effekte in Europa jedoch nicht so gravierend wie in den USA. Sie sind auch hier am stärksten bei jenen, die Zuwanderung generell negativ betrachten – doch auch Migrationsbefürworter neigen zu geringerer Zustimmung zur Umverteilung, sobald die Zuwanderung steigt.
Auch in Europa führen Umfang und Art der Zuwanderung zu negativen Einstellungen gegenüber der Umverteilung. Die Ablehnung verstärkt sich noch, wenn die Zuwanderung aus kulturell weiter entfernten Gruppen stammt.
Europa und seine Peripherie
Innerhalb Europas und seiner Peripherie herrschen große Unterschiede. Auf die Frage, ob Regierungen Maßnahmen zum Ausgleich von Einkommensunterschieden ergreifen sollten, stimmten 76 Prozent der Ukrainer, 91 Prozent der Türken und 91 Prozent der Portugiesen zu oder sogar stark zu. In klassischen Wohlfahrtsstaaten fallen die Werte deutlich konservativer aus: Frankreich 81 Prozent, Österreich 69 Prozent, Schweden 67 Prozent und Deutschland 63 Prozent. Gerade noch 56 Prozent sind es in den Niederlanden, 41 Prozent in Dänemark.[3]
Entsprechend prescht Dänemark auch bei der Reform von Sozialleistungen voran. Die sogenannte „Start Aid Reform" setzt Arbeitsmarktbeteiligung voraus und sieht für arbeitslose Migranten 10 bis 40 Prozent niedrigere Leistungen vor. Auch Großbritannien beschränkt den Zugang zu Einkommensunterstützung, Kindergeld und Wohnbeihilfen. Migration hat damit einen Wettlauf um möglichst unattraktive Sozialleistungen ausgelöst – mit dem erklärten Ziel, gering qualifizierte Zuwanderer fernzuhalten.
Europa schottet sich sozial ab
Doch im Vergleich zu anderen Ereignissen erschüttert Migration den Umverteilungswillen der Europäer relativ wenig. Die Regierungen erweiterten Sozialprogramme, um die Auswirkungen ökonomischer Unsicherheit durch Einwanderung und Globalisierung zu dämpfen.
Nach der Globalen Finanzkrise 2008 stiegen die Ausgaben der westlichen Sozialstaaten erheblich an. Die COVID-19-Pandemie trieb die Sozialausgaben erneut in die Höhe. In Frankreich, Belgien und Dänemark machten Sozialprogramme bald ein Viertel bis zu einem Drittel der Staatsausgaben aus.
Die explodierenden Kosten führten unweigerlich zu der Frage: Wer sollte Zugang zu all diesen Sozialprogrammen haben? Besonders wenn man befürchtete, die westeuropäischen Sozialleistungen wirkten wie ein Magnet auf Zuwanderer aus dem verarmten globalen Süden.
Wie so oft konzentrieren sich empirische Belege vor allem auf die USA. Forscher nutzten die unterschiedlich ausgestalteten Sozialprogramme der US-Bundesstaaten als natürliches Experiment. Sie konnten jedoch kaum Auswirkungen der Programme auf die Ansiedlungsentscheidungen von Migranten nachweisen. Viel entscheidender bleibt die Bedeutung sozialer Netzwerke: Migranten lassen sich vorwiegend dort nieder, wo sie bereits Kontakte haben und viele Landsleute leben.
![Abbildung 2 Bis etwa 2010 wuchsen der Bestand an Einwanderern und die Sozialausgaben der reichen Industriestaaten konstant. Erst ab 2015 begann sich dies umzukehren: Die Einwanderung hielt zwar an, doch die Sozialleistungen wurden konstant zurückgefahren. Die Ankunft von Asylwerbern erreichte 2000 ihren Höhepunkt, hielt schließlich bis 2015 an – wo jedoch eine erneute Welle über Europa hereinbrach. (Datenquelle: [4]; eigene Darstellung, 2026)](https://static.wixstatic.com/media/66da30_b5dacd772db649c583ea3220da96a254~mv2.png/v1/fill/w_661,h_447,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/66da30_b5dacd772db649c583ea3220da96a254~mv2.png)
Europas Sozialleistungsmagnet
Ein ähnliches Bild zeichnet sich für Europa ab: Auch hier siedeln sich Migranten vor allem dort an, wo Bekannte bereits Pfade ausgetreten haben und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sowie die Einkommen am höchsten sind – relativ zu den Lebenshaltungskosten. So wie in den nordischen Ländern Schweden, Dänemark und Island.
Ergebnisse aus der Schweiz legen ähnliches nahe: Häuserpreise, Bevölkerungsgröße und soziale Netze beeinflussen die Ansiedlungsentscheidungen innerhalb der Kantone viel stärker als die Großzügigkeit ihrer jeweiligen Sozialsysteme.
Österreich dagegen zeigt, dass Reformen bei Sozialleistungen unterschiedliche Gruppen von Migranten jeweils auf eigene Art beeinflussen – insbesondere jene, die am meisten auf sozialstaatliche Netze angewiesen sind: Flüchtlinge und Personen im Rahmen von Familienzusammenführungen schrecken Kürzungen der Sozialleistungen tatsächlich ab.
Auf die Gesamtmigration wirken andere Faktoren weit stärker: Chancen am Arbeitsmarkt, soziale Netzwerke und Zugehörigkeit. Europas Sozialsysteme haben jedoch für vulnerable Gruppen wie Asylsuchende durchaus eine anziehende Wirkung – auch auf die Wahl des Niederlassungsortes. Allein aufgrund der schieren Bevölkerungsgröße des arabischen Raumes und Afrikas reicht dieser Effekt aus, um die Sozialsysteme Europas erheblich zu belasten.
Dem deutschen Journalisten und Kriegsberichterstatter Peter Scholl-Latour wird das Zitat zugeschrieben:
„Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern wird selbst Kalkutta.“
Eine Wohlfahrtsanalyse von Migration
Interessanterweise stehen in Europa einheimische Arbeiter der Umverteilung deutlich positiver gegenüber als zugewanderte Arbeiter. Das ist das Gegenteil der USA, wo sich unter der weißen Bevölkerung weit weniger Bereitschaft zur Umverteilung findet als unter Minderheiten.
Diese ablehnende Haltung zugezogener Arbeiter gegenüber Umverteilung entspringt durchaus einer ökonomischen Rationalität: Wer sich ohne Unterstützung durchgekämpft hat, sieht wenig Grund, einen weiteren Ausbau des Wohlfahrtsstaates für Neuankömmlinge zu finanzieren.
Migranten sind damit die großen Verlierer nachfolgender Migration. Sie konkurrieren selten mit einheimischen Arbeitern, die sich durch eine Mischung aus implizitem Wissen, Arbeitserfahrung, Sprachkenntnissen und nicht zuletzt Diskriminierung einen Vorteil sichern können.
Stattdessen konkurrieren sie untereinander. Sie sammeln sich zumeist in Berufsfeldern, in denen die Kenntnis sozialer Konventionen des Gastlandes oder der Sprache eine untergeordnete Rolle spielt – Logistik, Reinigung, Produktion. Zusätzliche Einwanderung lässt auch ihre Löhne sinken. Der Wettbewerb wird härter. Ähnliches gilt für die Aufstiegschancen ihrer Kinder und den Zugang zu günstigem Wohnraum in der Stadt. [5] [6]
Je mehr ihr politisches Mitspracherecht steigt, umso lauter wird ihre Forderung nach restriktiverer Einwanderungspolitik.
Gelungene Migranten: Wer sind die Gewinner
Rein ökonomisch zählen Migranten selbst zu den großen Gewinnern – wer von einem Niedriglohnland in ein Hochlohnland wechselt, erlebt oft einen atemberaubenden Einkommenssprung. Löhne spiegeln die Produktivität eines Landes – und diese scheint einen massiven Sprung zu machen, einfach indem man in ein Flugzeug steigt. Selbst dann noch, wenn man im Gastland denselben Beruf ausübt. In der Praxis ist man allerdings zumeist gezwungen, einen Job weit unterhalb des eigenen Qualifikationsniveaus anzunehmen.
Offensichtlich spiegelt sich in diesen hohen Löhnen nicht die individuelle Leistungsfähigkeit des einzelnen Migranten, sondern die Produktivität des Landes als Ganzes wider, die sich aus dem Zusammenspiel der dortigen Gesellschaft ergibt: ihren Institutionen, ihrem Sozialmodell, ihren Ausgleichsmechanismen und dem Vertrauen zwischen den Individuen.
Wenig überraschend suchen Migranten ein Umfeld, das ihren Bedürfnissen entspricht. Jene mit geringerer Qualifikation erwarten einen geringeren Lohnsprung als jene mit hoher Qualifikation. Für sie ist die Migration in Länder mit umfangreichen Sozialsystemen am attraktivsten, die Unterschiede mit hohen Transfers ausgleichen.
Damit unterscheidet sich das Qualifikationsprofil fundamental zwischen jenen Migranten, die es nach Amerika zieht, und jenen nach Europa mit seinen großzügigen Sozialsystemen.
Fiskalische Auswirkungen von Migration
Trotzdem kann Migration auch stabilisierend auf Europas überalternde Wohlfahrtsstaaten wirken. Migranten sind im Schnitt jünger und haben höhere Geburtenraten. Sie vergrößern damit die Erwerbsbevölkerung und zahlen direkt in das System ein – über Steuern und Versicherungsbeiträge. Andererseits verursachen sie auch Kosten: im Gesundheitssystem, im Bildungsbereich und indirekt durch Ausgaben für Sicherheit und Polizei.
Allein die Frage, wie man die Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt, löst erhebliche Diskussionen aus. Wer gilt überhaupt als Migrant? Wie viel vom Gehalt eines Polizisten lässt sich Migranten zurechnen – mit dem Argument, sie verursachten erhöhte Kriminalitätsraten?
Hinzu kommt ein methodischer Konflikt: Statische Studien, die einen einzigen Zeitpunkt betrachten, kommen zu anderen Ergebnissen als dynamische Analysen, die den gesamten Lebenszyklus oder gar mehrere Generationen einbeziehen. Und beide Ansätze geraten ins Wanken, sobald sich die Sozialsysteme selbst ändern.
Dennoch zeichnet sich ein Konsens ab: Der Nettoeffekt von Migration auf die Staatsfinanzen ist vergleichsweise gering – er bewegt sich in einer Bandbreite von etwa minus 1 bis plus 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Dennoch zeichnet sich ein Konsens ab: Der Nettoeffekt von Migration auf die Staatsfinanzen ist vergleichsweise gering – er bewegt sich in einer Bandbreite von etwa minus 1 bis plus 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Woher kommen Migranten – und was bringen sie mit?
Eine Aufschlüsselung nach Herkunft und Qualifikation zeigt deutliche Unterschiede. Europäische Migranten – besonders aus Westeuropa – leisten einen überdurchschnittlich hohen Beitrag zu den Staatsfinanzen ihrer Gastländer.
Großbritannien liefert ein besonders klares Beispiel: Nach dem EU-Beitritt acht osteuropäischer Länder im Jahr 2004 zahlten deren Migranten in den ersten fünf Jahren, in denen sie keinen Zugang zu Sozialleistungen hatten, netto mehr in das britische Staatsbudget ein als der durchschnittliche britische Haushalt.
Großbritannien liefert dafür ein besonders klares Beispiel: Nach dem EU-Beitritt von acht osteuropäischen Ländern 2004 zahlten osteuropäische Migranten in den ersten fünf Jahren netto mehr in das britische Staatsbudget ein als der durchschnittliche britische Haushalt – in jener Zeit hatte man auch keinen Zugang zu Sozialleistungen.
Ein wichtiger Aspekt gerät in der fiskalischen Debatte oft in Vergessenheit – weil er sich schwer in Zahlen fassen lässt. Migranten übernehmen vielerorts schlecht bezahlte Tätigkeiten, etwa in der Pflege. Ihr direkter Steuerbeitrag ist gering – ihr gesellschaftlicher Beitrag jedoch erheblich: Günstige Pflegedienstleistungen entlasten die einheimische Bevölkerung und ermöglichen es ihr, produktiveren Tätigkeiten nachzugehen. Dieser indirekte Wohlstandseffekt bleibt in der üblichen fiskalischen Rechnung unsichtbar.
Hinzu kommt: Die wachsende Abhängigkeit europäischer Wohlfahrtsstaaten von der Arbeitskraft von Migranten – in Gesundheit, Pflege, Landwirtschaft und vielen weiteren Niedriglohnsektoren – findet in der öffentlichen Debatte selten den ihr gebührenden Widerhall.
![Abbildung 4: Dänemark erfuhr von seinen europäischen Partnerländern viel Kritik für seinen kompromisslosen Assimilationsansatz gegenüber Migranten – vor allem Muslime standen dabei im Fokus. In der relativ homogenen dänischen Gesellschaft gilt dies jedoch als einziger Weg, den Wohlfahrtsstaat langfristig aufrechtzuerhalten. Das dänische Finanzministerium zieht bei aller Strittigkeit der Annahmen solcher Berechnungen genau diese Zahlen als Rechtfertigung heran: 2018 hätten Migranten aus nicht-westlichen Ländern und deren Nachkommen 4,9 Mrd. US-Dollar oder 1,4 Prozent der dänischen Wirtschaftsleistung gekostet. Jene aus westlichen Staaten dagegen trugen netto zum Staatshaushalt bei. Diese Befunde veränderten den Blick der dänischen Sozialdemokratie auf das Thema. Viele Muslime, die als Flüchtlinge kamen oder über den Familiennachzug einwanderten, leisten über ihren gesamten Lebenszyklus im Durchschnitt keinen positiven Nettobeitrag zum Staatsbudget. (Quelle: [7])](https://static.wixstatic.com/media/66da30_55349a87df614b5fb15ce3c23856bbc9~mv2.png/v1/fill/w_666,h_462,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/66da30_55349a87df614b5fb15ce3c23856bbc9~mv2.png)
2015 veränderte Europas Trajektorie
Die Flüchtlingskrise von 2015 wirkte noch einmal disruptiv auf Europas Gesellschaften. Die Ankunft von Millionen Menschen – vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan – beschleunigte den Aufstieg migrationskritischer Parteien, die sich gegen zusätzliche Zuwanderung aussprechen. Oft haben sie dabei einen weiteren Abbau sozialer Transfers still in ihren Programmen versteckt.
Seither leidet die Zustimmung zur Umverteilung besonders dort, wo der Wohlfahrtsstaat bereits gut ausgebaut ist. In Deutschland nimmt die Unterstützung der einheimischen Bevölkerung mit steigendem Anteil an Einwanderern rasant ab – besonders dort, wo sie selbst unter hoher Arbeitslosigkeit leidet. Auch in Schweden, mit seiner traditionell hohen Umverteilung, untergräbt die neue ethnische Vielfalt die Unterstützung für Sozialausgaben.
Dieser Wohlfahrtschauvinismus trifft in Kontinentaleuropa vor allem afrikanische und muslimische Zuwanderer. In Großbritannien trifft er alle – ob Ost- oder Westeuropäer, unabhängig vom Qualifikationslevel. Dabei stoßen Sachleistungen generell auf größere Akzeptanz als reine Geldtransfers.
Als ab 2020 die COVID-19-Krise ausbrach und später mit dem Krieg in der Ukraine die Lebenshaltungskosten anschließend in die Höhe schossen, beschleunigte sich die Entwicklung. Immer mehr Menschen teilen die Einstellung, der Zugang zum Wohlfahrtsstaat sollte auf Angehörige der eigenen Gruppe – Nationalität oder Ethnie – beschränkt sein.

Europas Paradox: Großzügig nach innen, abgeschottet nach außen
Lange Zeit sahen die Europäer auf die Amerikaner herab – wegen deren fehlender Solidarität – und lobten ihre eigene gleichzeitig über den grünen Klee. Dabei waren sie selbst lange Zeit nicht von der Diversität einer Einwanderungsgesellschaft betroffen, wie es Amerika von Beginn an war.
Die Effekte der Massenmigration aus allen Ecken der Welt zwingen die Europäer nun selbst zum Umdenken. Innerhalb einer Generation wandelte sich Westeuropa zur Einwanderungsgesellschaft. Die langfristigen Folgen sind noch keineswegs klar – Untersuchungen konzentrieren sich bislang vorwiegend auf die USA.
Doch bereits erste Risse im Grundvertrauen innerhalb der europäischen Gesellschaften sind erkennbar – jenem Vertrauen, das die Grundlage eines jeden Wohlfahrtsstaates bildet. Jede neue Krise erschüttert dieses Vertrauen aufs Neue. Mehr und mehr stellt man die althergebrachte Ordnung infrage.
Volkswirtschaftlich zeigt sich ein differenziertes Bild zum Beitrag von Migranten – je nach Herkunft und Qualifikationsniveau. Der Effekt der Gesamtmigration auf das Staatsbudget bewegt sich wohl zwischen minus 1 und plus 1 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Zugleich findet ihr Beitrag zur Versorgung einer schnell alternden Bevölkerung wenig Anerkennung.
Das aber führt zu einer noch tieferen Diskussion – jener über die Rechte und Pflichten von Migranten innerhalb der umfassenden europäischen Wohlfahrtsstaaten.
Europa am Scheideweg: Die Zukunft des Wohlfahrtsstaates
Wahrnehmungen decken sich nicht immer mit der Realität – dennoch beeinflussen sie die Politik in Demokratien oft maßgeblich. Arbeiter fürchten Einschnitte beim Wohlfahrtsstaat und überlastete öffentliche Dienstleistungen, Wohlhabendere höhere Steuern. Beide Gruppen lehnen Niedrigqualifizierte unter den Einwanderern ab.
Ironischerweise fordern sie jedoch mehr Umverteilung, je stärker Migranten ihnen auf dem Arbeitsmarkt Konkurrenz machen – während jene Migranten, denen es gelungen ist, Fuß zu fassen, staatliche Umverteilung an Neuankömmlinge ablehnen.
Derzeit agieren die europäischen Staaten in dieser Frage äußerst einseitig: Ein hochqualifizierter Zuwanderer trägt zwar die volle Steuerlast mit, um den Europäern ihren Sozialstaat zu finanzieren – soll aber kaum an dessen Leistungen teilhaben. Bei längerer Krankheit droht ihm bereits nach kurzer Zeit die Abschiebung. Er trägt zur Finanzierung immer drückenderer Pensionslasten einer alternden europäischen Bevölkerung bei – während seine eigenen Eltern in der Heimat davon ausgeschlossen bleiben.
Geringqualifizierte wiederum sollen die unattraktiven Arbeiten übernehmen – inklusive der damit verbundenen Instabilität und gesundheitlichen Belastungen – dabei aber vom Sozialstaat ausgeschlossen bleiben und den Einheimischen ihre Privilegien nicht streitig machen.
Eine neue europäische Feudalgesellschaft?
Das bedeutet Zündstoff. Ähnelt eine solche Gesellschaft eher jenen aristokratischen Klassengesellschaften, denen frühere europäische Auswanderungsgesellschaften zu entkommen suchten.
Die Entwicklungen schlagen sich längst in einer wandelnden Parteienlandschaft nieder. Klassische Arbeiterparteien verlieren an Boden, neue ethnisch motivierte gewinnen an Einfluss. Deren Programme bedeuten jedoch zugleich den Abbau der Sozialprogramme – auch für viele Einheimische.
Frühere Migrationserfahrungen lehren uns jedoch: In einer Welt mit rückläufiger Bevölkerung müssen Sozialstaaten attraktiv sein – sie stehen im Wettbewerb um Zuwanderer. Exklusive Institutionen für Migranten neben inklusiven für Einheimische werden sich in so einer Welt kaum als dauerhaft tragfähig erweisen.
Wie sich diese Gemengelage in Europa entwickelt, bleibt ungewiss. Eine brisante Mischung bahnt sich an. Viele Zeichen stehen auf Abschottung – andere deuten auf erhebliche Instabilität hin. Viel wird von der Fähigkeit der handelnden Politiker abhängen, zwischen den Gruppen zu moderieren.
Weiterlesen
[1] A. Alesina, E. Glaeser und B. Sacerdote, „Why Doesn't The US Have A European-Style Welfare State?,“ Harvard Institutie of Economic Research, Discussion Paper Number 1933, pp. 1-67, 2001. |
[2] L. Drazanova , „Historical Index of Ethnic Fractionalization Dataset (HIEF),“ Harvard Dataverse, 2019. |
[3] A. Alesina, J. Harnoss und H. Rapoport, „Immigration and the Future of the Welfare State in Europe,“ Paris School of Economics, Working Paper No. 2018 - 04, pp. 1-39, 2018. |
[4] W. Allen, M. Fernandez-Reino und I. Ruiz, „Immigration And The Welfare State,“ Oxford Review of Economic Policy, Vol. 41, pp. 64-86, 2025. |
[5] P. Collier und A. Hoeffler, „Migration, Diasporas and Culture: An Empirical Investigation,“ Kyklos, Vol. 71, No. 1, pp. 86-109, 2018. |
[6] P. Collier, Exodus. Warum Wir Einwanderung Neu Regeln Müssen, München: Siedler-Verlag, 2016. |





Kommentare