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CHRONIKEN DER NEUEN WELTUNORDNUNG(1990 BIS 2022)

Autorenbild: Simon Kiwek
Simon Kiwek
14. Juli
4 Min. Lesezeit

TEIL 1: VOM WEBSTUHL ZUR WELTFABRIK | Teil 1: Editorial

Der nachfolgende Text stammt aus Teil 1 unserer "Chroniken der neuen Weltunordnung" unseres Geoökonomischen Forums, um die Geschehnisse seit etwa den 1990er Jahren nachverfolgen und wie sie in den heutigen Konflikten gipfelte.

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“„Kein russischer Staatschef seit Peter dem Großen hat sich so sehr mit dem Westen verbündet wie Wladimir Putin”

schwärmte der Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Beziehungen des US-Senates noch 2002. Der Name des Senators: Josef R. Biden. Genau 20 Jahre später stand derselbe Biden nun als Präsident der Vereinigten Staaten Putins Invasion in der Ukraine gegenüber – als erbitterter Gegenspieler.

Dazu kommt ein schwelender Konflikt um Taiwan, und die USA selbst, die unter Trump selbst Völkerrecht nach Belieben brechen. Was ist in diesen zwei Jahrzehnten passiert, dass wir so weit abgekommen sind?

Um das zu verstehen, reisen wir zurück in die 1990er Jahre. Wir gehen dabei auf Weltreise: nach Südkorea, China, Indien, Venezuela, Somalia, Ägypten ins ehemalige Jugoslawien, in die Türkei, in die Gebiete des „Islamischen Staates“, nach Russland sowie seine Nachbarländer Georgien und die Ukraine. Dabei machen wir uns zum Advocatus Diaboli: Wir betrachten die Geschehnisse und Entwicklungen aus ihrer Perspektive und ergründen die Motivationen ihrer Regime.

Geoökonomik sticht ins westliche Herz

Politik und Medien sprechen von einer Zeitenwende. Schon Corona hatte die Weltwirtschaft aus den Grundfesten gehoben. Nun wirbeln Sanktionen, Exportkontrollen und der Wirtschaftskrieg gegen Russland – und der Technologie‑Konflikt mit China – die Ordnung weiter durcheinander.

In Berlin, Brüssel, London oder Washington reagierte man entsetzt. Russland forderte sie nach Jahrzehnten vermeintlichen Friedens offenbar völlig grundlos heraus. Man hatte sich dem Glauben hingegeben, in einer Welt der Stabilität zu leben, die von internationalen Abkommen geregelt wäre. In dieser regelbasierten Ordnung könnte sich jedes Land Wohlstand und Frieden erarbeiten. Nun wurden plötzlich Rohstoff- und Lieferabhängigkeiten gegen den Westen eingesetzt.

Im westlichen Establishment macht dafür ein neuer Begriff die Runde: Geoökonomik. Er beschreibt den Einsatz wirtschaftlicher Macht - Handel, Sanktionen, Rohstoffe und Technologien -, um geopolitische Ziele durchzusetzen. Plötzlich erleben westliche Regierungen diese Logik gegen sich selbst. Dabei war dieser Glaube schon immer trügerisch gewesen. In dieser Serie zeigen wir, wie der Westen wirtschaftliche Macht seit Jahrzehnten unter dem Deckmantel von Rechtsstaatlichkeit und Regeln gegen andere einsetzt.

Doch noch eine Überraschung kam hinzu: Im globalen Süden zeigte sich kaum jemand bereit, die eigene Bevölkerung auf eine Hungerkur zu setzen, nur um für westliche Interessen hinter fadenscheinigem Wertegeplapper in einen Wirtschaftskrieg gegen China oder Russland zu ziehen.

Wir gehen den Gründen auf die Spur

Diese Serie verbindet Theorie und Reportage. Wir erklären, wie freier Handel und eine liberale Wirtschaftsordnung Wachstum ermöglichen – zugleich jedoch Prozesse kreativer Zerstörung in Gang setzten, die zu Disruption und Verteilungskonflikten führten. Oft setzte sich am Ende der Mächtige durch – und formt Märkte zu Monopolen und Oligopolen, so wie der Westen nach dem Kalten Krieg als Währungskrisen von Lateinamerika über Russland bis nach Asien rollten und der IWF die Länder ausverkaufte.

Im ersten Teil unserer Reise zeigen wir, wie Westeuropa und die USA ihre Übermacht nutzten, um Welthandel und internationale Finanzmärkte zu dominieren. Sie priesen freie Märkte, solange die eigenen Unternehmen, die Wall Street und Politik profitierte. In Wahrheit war Geoökonomik nämlich nie weggewesen. Aber der Rest der Welt war zu schwach, sie gegen den Westen zu richten.

Statt einer wahrhaft offenen globalen Marktwirtschaft, zehrte man mit neoliberaler Logik an Kapital, das Gesellschaften über Generationen aufgebaut hatten: physischem, sozialem und kulturellem. Gleichzeitig brachten die USA internationale Institutionen – von den Vereinten Nationen über die WTO bis zum IWF – unter ihren Einfluss. So gab man sich den Anstrich einer regelbasierten Ordnung, deren Regeln man sich zu den eigenen Gunsten zurechtbog.

Eine ausgewogene Sichtweise?

Im zweiten Teil sehen wir uns an, wie mächtige Staaten die Demokratisierung der Vereinten Nationen ausbremsten – und wie Länder wie Jugoslawien, Ruanda oder Somalia an der neuen Weltordnung zerbrachen. Nach Jahren, in denen westliche Staaten islamistische Akteure in unterschiedlichen Konflikten gefördert hatten, holte der Terror die USA selbst ein.

Daraufhin folgte ein Rundumschlag – und eine Abkehr von den Regeln, die man zuvor anderen stets gepredigt hatte. Zugleich spüren wir Regimen von Georgien über Venezuela bis zum Arabischen Frühling nach: Welche Logik treibt sie an? Warum führen sie Krieg gegen die eigene Bevölkerung? Und wie treiben ausgerechnet die USA mit ihren Einmischungen und Regime Changes die weltweite Demokratie an ihren Abgrund, die in Bürgerkriegen oder noch autoritäreren Regimen endeten?

Im dritten Teil verfolgen wir den Aufstieg der BRICS-Länder. Jedes wehrt sich auf seine Weise gegen die westliche Hegemonie: Indien mit Protektionismus, China mit offensivem Merkantilismus, Russland mit blankem Militarismus.

Die einst weltbeherrschenden Europäer kämpfen dagegen mit ihrer kontinuierlichen Marginalisierung. In ihrer Uneinigkeit und Unentschlossenheit ersetzen sie Substanz durch plakative Werte-Rhetorik, während sie die osteuropäischen Länder aussaugten, die Türkei vertrieben und die Ukraine ruinierten – und die europäischen Institutionen selbst zum Failed State zu werden drohen.

Der chinesische Aufstieg und Amerikas zerbrechende Weltherrschaft

Im vierten Teil schildern wir, wie mit der Globalen Finanzkrise 2008 das Pendel wie ein Vorschlaghammer zurückschwang. Die USA verloren Schritt für Schritt ihre Hegemonie. Aller westlichen Sabotage zum Trotz gelang China nicht weniger als die größte Umwälzung der globalen Einkommensverteilung in der Geschichte der Menschheit.

Vor allem China forderte die USA heraus. Washington klammerte sich jedoch weiterhin an seine alleinige Deutungshoheit – selbst nachdem man die größte Finanzkrise aller Zeiten ausgelöst hatte. Wir werden zeigen: als man ihm einen angemessenen Platz in den internationalen Organisationen verweigerte, gründete Peking kurzerhand seine eigenen.

Doch diese neue Rivalität setzt nun zahlreiche Länder an Chinas Peripherie unter Druck, den wir anhand der Beispiele Myanmars und Thailands beschreiben: strategische Zwangslagen und ökonomische Abhängigkeit verstärken innenpolitische Zerreißproben.

Im Westen reagiert man auf Krisen, Instabilität und prekäre Finanzen zunehmend so, wie man es sonst den Autokraten vorwarf: Abbau von Freiheiten, zunehmender Repression und der Verwässerung der Gewaltenteilung. Ohnehin, verwandeln sich die USA in ein Imperium, wie jedes andere, das seine Vasallen in seiner Einflusssphäre halten möchte.

Die internationale Ordnung gleicht heute einem Kissen, in das jemand mit einer Schrotflinte schießt: Normen, Bündnisse und Handelsströme fliegen wild wie Federn durch den Raum – und landen an neuen, noch unbekannten Stellen. Wie wir die Unordnung wieder wegmachen, wissen wir heute noch nicht. Doch wie wir dahin gelangt sind, können Sie in dieser Chronik nachlesen.


Die komplette Serie ist hier verfügbar:


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