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Vergessene Diaspora: Deutsche in Amerika, Russland und Lateinamerika

  • Autorenbild: Simon Kiwek
    Simon Kiwek
  • 24. Apr.
  • 31 Min. Lesezeit

Acht Millionen Deutsche verließen zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert ihre Heimat – und prägten Amerika, Russland und Lateinamerika für immer. Eine vergessene Geschichte der Migration.

Quelle: Abschied der Auswanderer,1860 Deutsches Historisches Museum, Berlin)
Quelle: Abschied der Auswanderer,1860 Deutsches Historisches Museum, Berlin)

Auswandern erforderte schon immer den Mut, in der Fremde ganz von vorne zu beginnen. Das gilt heute doch ganz besonders in der Mitte des 17. Jahrhunderts, als sich die ersten großen Auswandererwellen in Deutschland formten.

Der dreißigjährige Krieg hatte 1648 sein Ende gefunden – doch die politischen und religiösen Streitereien im Heiligen Römischen Reich hielten an. Die Bürger mussten sich dem Glauben ihrer Feudalherren unterwerfen. Die Landwirtschaft war ruiniert. Nachdem die Feudalherren zahllose Bauern als Soldaten eingezogen hatten, entvölkerten sich die Landstricher immer schneller, dass Wälder, Sümpfe und Moore sie zurückeroberten.

Wild vermehrte sich so zahlreich, dass es die Äcker verwüstete. Dazu marodierten spanische, französische, niederländische und schwedische Soldaten, die noch immer um die Vormachtstellung auf dem Kontinent kämpften.

In diesem Umfeld lockten Erzählungen viele Deutsche über den Atlantik – in die Neue Welt, um ihr altes Leben für immer hinter sich zu lassen.

Deutsche Auswanderungswellen durch die Jahrhunderte: (Quelle: [1], eigene Darstellung)
Deutsche Auswanderungswellen durch die Jahrhunderte: (Quelle: [1], eigene Darstellung)

Der Ruf von Pennsylvania

1677 reiste ein Admiralssohn namens William Penn entlang des Rheins. Er warb Bauern, Händler und Handwerker – Tischler, Leinenweber, Schmiede – als Siedler für seinen aufstrebenden Staat an der Ostküste Nordamerikas: Pennsylvania. Diesen Staat hatte der englische König ihm als Schuldenausgleichübertragen, weil der die Schulden von 16.000 Pfund gegenüber Penns Vater nicht begleichen konnte.

Penn traf auf Menschen, die von ihrem Land nicht satt wurden und ihren Kindern keine Zukunft bieten konnten. Als Protestanten fürchteten sie, in ihrem Glauben fremdbestimmt zu werden. Penn versprach ihnen in Pennsylvania religiöse Freiheit und fruchtbares Land.

Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich – unter dem Radar des herrschenden Adels – Erzählungen von der Weite und Fruchtbarkeit der Neuen Welt. Einem dieser Rufe folgte der Unterfranke Franz Daniel Pastorius.

Germantown in Amerika

1683 landete er mit 33 Krefelder Philadelphia, um eine neue Siedlung zu gründen. Sie erwarben 16.000 Hektar Land knapp zehn Kilometer von der Stadt entfernt. Doch das Land entpuppte sich als viel weniger kultiviert, als die Krefelder erwartet hatten.

Philadelphia bot damals nichts von dem Glanz heutiger Städte. Keine befestigten Straßen, keine gemauerten Häuser. Die Menschen lebten bestenfalls in Blockhütten. „Dugouts“ waren die Regel – Erdlöcher mit notdürftigem Dach aus Ästen und Gräsern. Wer die Siedlung verließ, stand vor dichtem, endlosem Wald.

Im ersten Winter litten sie Hunger. Sie hatten kein Geld – und im Oktober, dem Monat ihrer Ankunft, keine Zeit mehr zum Pflanzen. Nur mit Müh überlebten alle Krefelder diesen ersten Winter. Danach packten sie umso emsiger an: Sie rodeten Bäume mitsamt den Wurzeln, bestellten Flachs und verarbeiteten ihn mit mitgebrachten Maschinen zu Leinen und Textilerzeugnissen, die sie in Philadelphia verkauften. Weitere Deutsche folgten – neue Siedlungen entstanden: Krefeld, Sommerhausen, Kriegsheim.

Ihre Heimatverbundenheit bewahrte den Krefeldern ihre deutsche Identität, die sie an ihre Kinder weitergaben. So überlebte ein Dialekt namens Pennsylvania-Deutsch – eine Mischung aus dem Pfälzischen, Schwäbischen und amerikanischem Englisch.

Germantown ist heute ein Stadtteil von Philadelphia, bis heute Hauptstadt des US-Bundesstaates Pennsylvania. Pastorius legte damit den Grundstein für die deutsche Überseeauswanderung, die drei Jahrhunderte lang anhalten sollte. Der deutsche Traum von Amerika hatte begonnen.

Marketing der Neuen Welt

Penns Geschichten wirkten noch 30 Jahre später. Der junge Vikar Joshua Harrsch brach nach England auf, um von dort nach Amerika weiterzureisen. Aber in London wollte niemand etwas von ihm wissen. Erst bei britischen Agenten, die die Kronkolonien vertraten, traf er einen Nerv: Investoren und Großgrundbesitzer forderten finanzielle Unterstützung der Krone bei der Besiedlung – um die Schätze der Neuen Welt für sich zu erschließen.

Auch sie suchten vor allem drei Arten von Siedlern: Bauern, um das Land urbar zu machen; Handwerker, um die Städte aufzubauen; Arbeiter, die Bodenschätze hoben. Sie erklärten sich bereit, Harrschs Überfahrt zu finanzieren – unter einer Bedingung: Er warb weitere Siedler an. Harrsch verfasste daraufhin unter dem Pseudonym Joshua Kocherthal ein Buch: „Ausführlich- und umständlicher Bericht von der berühmten Landschafft Carolina/ In dem Engelländischen America gelegen".

Sein Publikum nannte es nur das „Goldene Buch“ – wegen seiner goldschnittverzierten Seiten. Kocherthal versprach darin ein Paradies auf Erden im amerikanischen Carolina - geschrieben von einem Mann, der noch keinen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte und im badischen Eschelbronn lebte.

1708 brachen 55 Deutsche entlang des Rheins Richtung Norden auf. Ihre Reise blieb dabei nicht unbemerkt: In größeren und kleineren Ortschaften schenkten ihnen die Einwohner Lebensmittel oder ließen sie über Nacht bleiben, während sie abends am Feuer die tollsten Geschichten von Amerika erzählten. So wurden Kocherthal und sein Goldenes Buch wurden so zur Initialzündung der ersten deutschen Massenauswanderung nach Amerika.

Aus Hoffnung wird Elend

1709 kehrte Kocherthal aus New York zurück, um beim britischen Königshaus weitere Unterstützung zu erbitten – denn die Lebensumstände der Siedler waren bitter. Dabei traf er in Rotterdam auf 900 weitere Deutsche, die mitsamt Frauen und Kindern aufgebrochen waren – beflügelt durch sein Goldenes Buch und ohne zu ahnen, dass Kocherthal alles erlogen hatte.

Jedes Mal, wenn ein Schiff Deutsche Richtung London und mutmaßlich zur Weiterreise nach Amerika mitnahm, sprach sich das im Hinterland sofort herum. Die Rheinschiffer trugen die Nachricht an jeder Anlegestelle weiter und zogen weitere Glücksuchende an. Die Zahl der Auswanderungswilligen in Rotterdam schwoll auf 13.000 an – alle warteten auf die Genehmigung zur Weiterreise nach Amerika.

Die niederländische Armenfürsorge ächzte unter der Last. Der britische Gesandte vo Ort musste unangenehme Fragen beantworten: Wer hatte den Deutschen all den Unsinn von Landschenkungen in den englischen Kolonien Nordamerikas erzählt.

Gleichzeitig wurden die Zustände in den Auffanglagern immer unhygienischer. Das Chaos setzte sich in London fort, wo die Deutschen schnell alle Herbergen und Lagerhäuser belegten. Rund 8.000 hausten außerhalb der Stadt in 1.600 Wigwams. 140 Kinder verkaufte man als Haushaltshilfen, 320 junge Männer ließen sich fürs Militär anwerben – und 1.000 starben an Dreck, Witterung und Seuchen.

Die Londoner entdeckten im Gaffen auf die deutschen Flüchtlinge eine neue Wochenendbeschäftigung. Da kaum jemand Deutsche kannte, fasste man sie alle unter dem Namen „the Palatines" zusammen. Spenden und Naturalien flossen reichlich – was wiederum die armen Londoner aufbrachte, denen solche Hilfe nie zuteil geworden war. Die Spannungen entluden sich in Kämpfen. Schließlich sah sich die Krone gezwungen einzugreifen: Die Katholiken wurden abgeschoben – die Protestanten durften bleiben.

Britisches Kalkül hilft den Deutschen

Die britischen Beamten suchten Wege, die deutschen Migranten möglichst gewinnbringend im Empire anzusiedeln. Nordamerika bot sich dafür aus zwei Gründen an: Die Deutschen sollten Englands Territorien gegen Franzosen und indigene Völker absichern – und ein handfestes wirtschaftliches Problem lösen.

Dem Empire fehlte es an Pech und Teer, um die Planken seiner Schiffe wasserdicht zu streichen. Beides gewann man aus Baumharz. England selbst besaß jedoch nicht genug Bäume, um mit den Flotten seiner geopolitischen Rivalen mitzuhalten, und musste das Harz teuer aus Schweden kaufen. Nun witterte man die Chance, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien.

Den deutschen Migranten räumte die Krone kaum ein Mitspracherecht ein. Trotzdem organisierten sie sich. Sie wollten keine Frondienste und Naturalabgaben mehr leisten, kein Pächter mehr auf fremdem Land sein – sondern endlich Eigentum besitzen.

Weiße Sklaven in der freien Welt

Genau das blieb den deutschen Siedlern auch in Amerika verwehrt. Die Krone hatte ihre Freigiebigkeit gegenüber den Kolonisten längst verloren und finanzierte das gigantische Unterfangen vor allem mit Privatinvestoren. Die Regierung streckte Überfahrt, Ausrüstung und Unterhaltskosten vor; die Privaten finanzierten den Aufbau der Plantagen und die Errichtung von Manufakturen. Dort sollten die Deutschen Seile, Planken und anderes Schiffsmaterial – vor allem aber Harz – herstellen.

Erst wenn sie alle vorgestreckten Kosten abgearbeitet hatten – für Unterkunft in London, Überfahrt und Niederlassung –, sollten jeder 32 Hektar Land erhalten. Das war jedoch mehr, als die größten Bauern in ihren Herkunftsdörfern jemals besessen hatten. Dies nannte sich das Redemption-System. Viele empfanden dies dennoch als Sklaverei.

1710 trafen 2.500 Neuankömmlinge in New York ein – 446 hatten die Überfahrt nicht überlebt, vor allem dem „Palatine Fever", einer Typhusepidemie, fielen sie zum Opfer. Die Stadt zählte damals gerade einmal 4.500 Einwohner und war der Masse an Neuankömmlingen nicht gewachsen. Erneut überwinterte man in Wigwams.

Dort wuchsen die Schulden der Deutschen weiter – selbst als sie 1711 ihre neue Heimat in Livingston erreichten. Es mangelte an Werkzeug und Material. Man behalf sich mit dicken Ästen und Steinen als Pflugscharen – ein Rückfall in die Steinzeit. Zudem hatte niemand von ihnen Erfahrung darin, Harz von Bäumen abzuzapfen. Es kam zur Rebellion.

Alle Fäden liefen bei Robert Hunter zusammen: Er war gleichzeitig Sprecher der privaten Geldgeber, Gouverneur von New York, Colonel der englischen Armee und Polizeichef. Diese massiven Interessenkonflikte löste er nicht selten zum Nachteil der deutschen Migranten auf. Sie hatten gegen die Soldaten keine Chance – für deren Unterhalt sie aufzukommen hatten.

Deutsche Indianerdiplomatie

Ein Jahr später gingen die Privatinvestoren bankrott. Den Deutschen erließ man zwar ihre Schulden – Land bekamen sie trotzdem nicht. Die Gemeinden in Livingston lösten sich auf: Viele zogen zurück nach New York, wo sie sich als Tagelöhner und Handwerker durchschlugen, andere nach New Jersey. Manche blieben.

Der Deutsche Conrad Weiser hatte die Wartezeit in New York und Livingston genutzt, um seine neue Heimat zu erkunden – und dabei Kontakt zu den Ureinwohnern geknüpft, vor allem zu den Irokesen, deren Sprache und Kultur er studierte.

Nun brach er mit fünfzig Familien auf, erwarb von den Ureinwohnern Land zu einem Spottpreis und siedelte sich dort an. Einen Vertrag gab es vermutlich nicht. Ohne Lebensmittelhilfe der Engländer wurde der vierte Winter der härteste, den sie je erlebt hatten – eine Erinnerung, die die Nachfahren bis heute als „pain and tears" weitertragen.

Bereits der fünfte Winter verlief erstaunlich gut. Die Indianer lehrten sie, Bohnen und Mais anzubauen. Die Ernte reichte sogar für Überschüsse, die sie in New York verkauften – um Pflüge, Heugabeln und Zugtiere kaufen zu können.

Es kam zu Mischehen – zumeist zwischen deutschen Frauen und Ureinwohnern. Der Irokesenhäuptling Tiyanoga soll mit der Deutschen Anna Margareta Schutz verheiratet gewesen sein; deren Tochter heiratete wiederum den Deutschen Jacob Zimmermann.

Die Siedlungen und Farmen wuchsen, neue Dörfer entstanden. Pastor Kocherthal hielt Gottesdienste. Weitere Deutsche kamen an – doch manche gingen rücksichtslos vor und nahmen sich Land, ohne die Ureinwohner zu entschädigen.

Eigentlich hatten die Engländer die Ansiedlung dort verboten. Doch nun nutzten sie die Deutschen still und heimlich als Grenzposten: Die Siedler verschoben die Grenzen der Kolonie in indianisches Territorium – ohne kostspielige Forts und Militäreinsätze.

Deutsche zwischen den Fronten

Conrad Weiser Jr. war in die Fußstapfen seines Vaters getreten und vermittelte zwischen den Irokesen, den Kolonisten und den britischen Soldaten – alle kannte er persönlich. Zu seinen Gesprächspartnern zählte auch ein gewisser Benjamin Franklin, der gleichzeitig vor der „Germanisierung" der englischen Kolonien warnte: Die Deutschen lernten kein Englisch, und in ganzen Stadtteilen bestimmte die deutsche Sprache das Stadtbild.

1753 verbündeten sich die Kolonisten mit den Irokesen, als der Krieg mit Frankreich zu eskalieren drohte. Die Franzosen fielen mit ihren indianischen Verbündeten von Kanada aus ein, um ihre Besitzungen am Mississippi mit Kanada zu verbinden – und bedrohten dabei direkt die deutschen Farmen in Pennsylvania, Maryland und New York. Am Ende siegten die Engländer – nicht zuletzt dank hessischer Mietssoldaten, von denen viele schließlich in Amerika blieben.

Zug nach Südosten an die Donau

Während der Rhein die Protestanten nach Amerika zog, führte die Donau vor allem Katholiken aus den süddeutschen Landen auf den Balkan.

Jahrhundertelang hatten sich Österreicher und Osmanen im Westbalkan gegenübergestanden. Der österreichische Kaiser hatte entlang der Militärgrenze bereits Deutsche zur Verteidigung angesiedelt. Nach dem endgültigen Rückzug der Osmanen folgte die planmäßige Besiedlung des verwüsteten Niemandslandes: Südungarn, die Vojvodina im heutigen Serbien und das Banat in Rumänien.

Auch hier erwarteten sie malariaverseuchte Sümpfe, die sie in mühsamer Kleinarbeit zu fruchtbarem Ackerland verwandelten. Das Leben war so hart, dass sich dieses Motto überlieferte:

„Dem ersten der Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot“

Zwischen 1762 und 1764 warb man im Süden Deutschlands 150.000 Bauern und Handwerker an. Dort traten sie in Konkurrenz zu den dort lebenden Kroaten, Serben, Magyaren, Bulgaren und Rumänen. Mit intensivem Ackerbau und modernen Methoden der Tierhaltung verwandelten die Deutschen die Region in die Kornkammer der Habsburgermonarchie. Die nun Donauschwaben genannten Siedler erlangten am blauen Strom bemerkenswerten Wohlstand. 

Deutsche Eroberung des Ostens

Die Deutschen waren schon vor dem 18. Jahrhundert gegen Osten gewandert. Zwischen den Kreuzzügen des 11. Jahrhunderts und der Schwarzen Pest im 14. Jahrhundert flohen zahlreiche Juden aus dem Rheinland, denen man die Verbreitung der Seuche anlastete, nach Osten ins Königreich Polen-Litauen. Unter Katharina der Großen erhielten sie später ein klar abgegrenztes Siedlungsgebiet – den sogenannten Ansiedlungsrayon – im heutigen Baltikum, Weißrussland und der Ukraine.

In einzelnen Städten stellten sie bis zu 30 Prozent der Bevölkerung. Mit den aschkenasischen Juden kam das Jiddische nach Osteuropa – eine Sprache, deren Kern Mittelhochdeutsch bildete, angereichert mit Hebräisch, Aramäisch und slawischen Elementen.

Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert hatte der „Mongolensturm“ die lokale Bevölkerung in den Steppen Ungarns und der Karpaten dezimiert. In diese Lücke siedelten sich die Zipser- und Karpatendeutschen, die teils ein Drittel der Bevölkerung stellten – etwa im heutigen Bratislava.

Die Deutsch-Böhmen, Deutsch-Schlesier und Deutsch-Mährer – später unter dem Begriff „Sudetendeutsche“ zusammengefasst – ließen sich im 12. Und 13. Jahrhundert in Regionen nieder, die Pestepidemien und der Dreißigjährige Krieg entvölkert hatten.

Sie alle siedelten außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachraums und bildeten Sprachinseln, die bis ins 20. Jahrhundert Bestand hatten. Und fast überall genossen sie Vorrechte und kulturell Dominanz gegenüber anderen Ethnien – ein Umstand, der die Konflikte des 20. Jahrhunderts mitprägen sollte.

Verbreitung von Deutschen in Zentral-Ost-Europa 1910: 1939 lebten etwa 82 Millionen Deutsche in Mitteleuropa. Weit über das deutsche Kernland hinaus siedelten sie in Polen, dem Baltikum, Ungarn und Rumänien. (Bildquelle: wikicommons, 2015)
Verbreitung von Deutschen in Zentral-Ost-Europa 1910: 1939 lebten etwa 82 Millionen Deutsche in Mitteleuropa. Weit über das deutsche Kernland hinaus siedelten sie in Polen, dem Baltikum, Ungarn und Rumänien. (Bildquelle: wikicommons, 2015)

Aufbruch nach Russland

1762 stieg auch Russland groß ins Geschäft mit deutschen Siedlern ein. Ähnlich wie die Habsburger verfügte Russland im Süden über riesige Leerflächen: rund um das nördliche Schwarze Meer, vom östlichen Balkan bis tief in die zentralasiatische Steppe hinein – freigeräumt durch den Rückzug der Osmanen.

Doch während Amerika und Österreich mit fruchtbaren Landstrichen warben, blieb Russlands Marketing eher ungeschickt. Die Zaren betrachteten die Siedler zunächst – so wie ihr eigenes Volk – mehr als Nutztiere.

Erst in einem zweiten Anlauf gelang es, Deutsche anzulocken – mit einem Bündel an Privilegien: Steuer-, Dienst- und Abgabenfreiheit für 30 Jahre, Religionsfreiheit, sogar für Juden, Kredite für Haus, Werkzeug und Vieh, zollfreie Markttage und eine eigene Gemeindeverwaltung. Auch der Militärdienst und die Einquartierung von Soldaten entfielen. Der Preis: ein Treueeid auf das Zarenreich.

Da gleichzeitig die Frondienste gegenüber dem heimischen Feudaladel immer drückender wurden, brachen rund 23.000 Deutsche Richtung Osten auf – vor allem Bauern aus dem Raum Gießen, Fulda, Aschaffenburg und Frankfurt, die ihre Familien nicht mehr ernähren konnten. Ihre Treks führten diesmal weder über den Rhein noch die Donau, sondern zur Einschiffung nach Lübeck.

Katharina die Große (1729 bis 1796), geboren als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst im pommerschen Stettin, war eine deutsche Prinzessin, die zur mächtigsten Zarin aufstieg. 1763 lud sie mit ihrem Manifest gezielt deutsche Siedler zur Besiedlung ihres Riesenreiches ein – im Vertrauen auf deren Fleiß und Verlässlichkeit lockte sie mit Land, Steuerfreiheit, Religionsausübung und Selbstverwaltung. (Bildquelle: Kunsthistorisches Museum Wien, 1780)
Katharina die Große (1729 bis 1796), geboren als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst im pommerschen Stettin, war eine deutsche Prinzessin, die zur mächtigsten Zarin aufstieg. 1763 lud sie mit ihrem Manifest gezielt deutsche Siedler zur Besiedlung ihres Riesenreiches ein – im Vertrauen auf deren Fleiß und Verlässlichkeit lockte sie mit Land, Steuerfreiheit, Religionsausübung und Selbstverwaltung. (Bildquelle: Kunsthistorisches Museum Wien, 1780)

Der Betrug an den Siedlern

Von freier Standortwahl war bald schon keine Rede mehr. Die meisten Siedler wies man dem Wolgagebiet zu – denn die Kolonisation hatte einzig den Zweck, die Zahl der Untertanen zu erhöhen, landwirtschaftliche Flächen zu erschließen und die weiten Steppen gegen die Reitervölker Zentralasiens zu befestigen.

Einmal an der Wolga angekommen, überließ man die Siedler schnell ihrem Schicksal in der abgelegenen Steppe um Saratow. Einige ihrer Privilegien strich man bald wieder. Das Land verblieb als Erbleihe im Besitz der Krone, konnte nicht vererbt werden – und die Art der Nutzung schrieb die Obrigkeit ihnen exakt vor. Auch hier trafen sie auf kasachische Ureinwohner zu denen die Deutschen wechselhafte Beziehungen pflegten.

Mit ihnen wagten die Wolgadeutschen 1774 unter dem Kosaken Jemeljan Pugatschow und 3.000 seiner Krieger den Aufstand gegen die Obrigkeit. Der Aufstand scheiterte schnell – eine Flucht war nicht möglich: mittellos in den Weiten Russlands, in der alten Heimat längst enteignet. Doch das Land war so fruchtbar, dass die Deutschen sich arrangierten. Sie errichteten Kirchen, Schulen und Gemeindehäuser und arbeiteten als Bauern und Handwerker.

1812 folgte die weitere Ansiedlung aus: Deutsche ließen sich in Bessarabien, entlang der Schwarzmeerküste, der Krim, dem Asowschen Meer und bis in den Kaukasus nieder. Manche zog es sogar nach Sibirien. Da Russland den westlichen Ländern in der Industrialisierung weit hinterherhinkte, brauchte man vor allem Bauern – und die Deutschen bauten rund um Odessa und Bessarabien eine blühende Landwirtschaft und ein bedeutendes Getreidezentrum auf.

An der Wolga drangen die Deutschen immer tiefer in die Steppe vor, weil das fruchtbare Land knapp geworden war. Zwischen 1848 und 1867 entstanden entlang des Flusses 66 neue deutsch-russische Siedlungen.

Die Ansiedlung der Deutschen in Russland: Die Ansiedlung von Deutschen im Russischen Reich von 1763 bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ersten 3.300 Siedler stammten aus Hessen und dem Rheinland und folgten dem Ruf an die Wolga. Weitere 6.450 folgten 1789 aus Danzig und Westpreußen nach Wolhynien und ans östliche Schwarze Meer. Danach folgten weitere Auswanderungswellen über die Donau und Polen nach Bessarabien, die Krim und ans Asowsche Meer an der nordöstlichen Schwarzmeerküste.
Die Ansiedlung der Deutschen in Russland: Die Ansiedlung von Deutschen im Russischen Reich von 1763 bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ersten 3.300 Siedler stammten aus Hessen und dem Rheinland und folgten dem Ruf an die Wolga. Weitere 6.450 folgten 1789 aus Danzig und Westpreußen nach Wolhynien und ans östliche Schwarze Meer. Danach folgten weitere Auswanderungswellen über die Donau und Polen nach Bessarabien, die Krim und ans Asowsche Meer an der nordöstlichen Schwarzmeerküste.

Im Unabhängigkeitskrieg der USA

Nach dem Franzosen- und Indianerkrieg suchten die Engländer neue Einnahmequellen und begannen, die amerikanischen Kolonien immer dreister zu besteuern – ohne dass die Kolonisten in London ein Wort mitzureden hatten. Sie fühlten sich zu Bürgern zweiter Klasse degradiert.

Mit den „Unerträglichen Gesetzen" griff London 1774 so tief in ihre Alltagsfreiheiten ein, dass es auch vielen Deutschamerikanern zu viel wurde. Die 13 Kronkolonien erklärten ihre Unabhängigkeit – und London hatte sich längst darauf vorbereitet.

Schon länger verhandelte London mit dem hessischen Landgrafen Friedrich II. Dieser erklärte sich erneut bereit, 12.000 seiner „Landeskinder" als Mietsoldaten in den Krieg nach Amerika zu schicken. Das schockierte die großen Geister jener Zeit: Friedrich Schiller (rückblickend) und Immanuel Kant nannten das Treiben Menschenhandel. Voltaire verglich Hessens Vorgehen in Frankreich mit dem Verkauf von Vieh an einen Schlächter. Doch der Landgraf brauchte Geld.

Frankreich, Amerikas Verbündeter, tat auf der anderen Seite des Rheins nichts anderes. Doch Friedrich II geriet bei der Rekrutierung zunehmend in Konkurrenz mit Österreich, Russland und Preußen, die ebenfalls Truppen und Siedler abwarben. Nur mit Mühe kratzte er seine Truppen aus allen Teilen Europas zusammen.

Die „Mietssoldaten" fanden sogar Eingang in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung – als Werkzeug der Tyrannei. Für die Deutschamerikaner brachte die Druckerei „Steiner und Cist" in Philadelphia eigens eine deutsche Übersetzung heraus.

Deutschamerikaner für die Unabhängigkeit

George Washington beäugte die Deutschamerikaner zunächst mit Misstrauen. Viele arbeiteten noch ihre Redemption-Schulden bei amerikanischen Großgrundbesitzern ab. Manche waren dabei schlicht betrogen worden – so ist vom Medizinalassistenten Carl Büttner überliefert, dass man ihm versprochen hatte, nach zwei Jahren Arbeit als freier Mann zu leben. Als er das Schiff bestieg und keine Fluchtmöglichkeit mehr hatte, zwang man ihn, einen Vertrag über sechs Jahre zu unterschreiben. Die Alternative: Verkauf als Sklave nach Barbados.

Ob die deutschen Migranten sich nicht den hessischen Söldnern anschließen würden, war also keineswegs ausgemacht. Doch es kam anders. Viele hatten die bürgerlichen Freiheiten der Neuen Welt schätzen gelernt – und kämpften stattdessen auf der Seite der Amerikaner.

Es formierte sich ein German Battalion, angeführt von deutschen Offizieren – dem bald weitere folgten. Deutschamerikaner drangen als Agitatoren in die Kasernen der Hessen ein und verteilten Flugblätter mit antibritischer Stimmungsmache.

In der Entscheidungsschlacht bei Yorktown 1781 kämpften auf beiden Seiten rund ein Drittel Deutschsprachige – weshalb sie mancherorts als „deutsche Schlacht" in die Geschichte einging.

Die Not gebiert noch mehr Flüchtlinge

Für viele hessische Bauern und Handwerksmeister bedeutete die Mietsarmee einen massiven Aderlass an Arbeitskräften und den Weg in die Verarmung. Für den Landadel bedeutete es ein Ausbluten an Steuerzahlern und Wehrpflichtigen.

Für viele hessische Bauern und Handwerksmeister führte das Aufstellen der Mietsarmee zu einem massiven Abfluss an Arbeitskräften und damit in die Verarmung. Für den deutschen Landadel bedeutete es ein Ausbluten an Steuerzahlern und Soldaten.

Friedrich II hatte deshalb ein Auswanderungsverbot erlassen. Viele junge Hessen nutzten die Rekrutierungswelle gezielt, um es zu umgehen und in Amerika Fuß zu fassen – ohne je Rückkehr einzuplanen. Als Washingtons Armee die Engländer bei der Schlacht von Trenton besiegte und dabei zahlreiche Söldner gefangen nahm, bot er ihnen Land an – und viele nahmen an. 3.000 der insgesamt 18.970 hessischen Soldaten blieben in der Neuen Welt. Hunderttausende aus dem verarmten Hessen sollten ihnen folgen.

Die Überbevölkerung lässt das Fass platzen

Um 1815 erfasste Deutschland eine tiefgreifende Veränderung. In Großbritannien entfaltete die Industrialisierung ihre volle Kraft und überschwemmte Europas Märkte mit billigen Gütern – ähnlich wie China es heute tut. Die Preise verfielen, während gleichzeitig ein rasantes Bevölkerungswachstum einsetzte.

Auf den Arbeitsmärkten wurde es eng – für Leinenweber, Schuhmacher, Tischler und Schmiede gleichermaßen. Auch Ackerland wurde für Bauern aufgrund der Überbevölkerung immer knapper.

Zuverlässige Statistiken jener Zeit fehlen, doch unter dem Radar nahm die Auswanderung konstant zu – sehr zum Missfallen der Obrigkeit, die über den Aderlass an Steuerzahlern und Arbeitskräften durch die „Auswanderungssucht" ihrer Untertanen klagte. Man erschwerte den Wegzug, wo es nur ging.

1838 lag Deutschlands Arbeitslosigkeit bei geschätzten 30 Prozent. Den Herrschenden entging, dass die Armenfürsorge bereits am Limit war – und damit auch, dass die Auswanderungswellen das System wohl vor dem Kollaps bewahrten. Die Lage verschärfte sich weiter, als in den 1840er Jahren die Kartoffelfäule Europa erfasste und der Hunger die Deutschen in noch größeren Scharen in die Fremde trieb. Ironisch – stammt die Kartoffel doch selbst aus Amerika und hatte erst zu Europas Bevölkerungswachstum beigetragen.

Die Not kreiert eine Schlepperindustrie

Die Auswanderer setzten alles auf eine Karte: Sie verkauften Hab und Gut und brachen auf. Innerhalb ihrer Dorfgemeinschaften bereitete man sich gemeinsam vor. Einen schickten sie voraus, um in der Prärie die geeignete Örtlichkeit für die Gruppe auszukundschaften. Die Daheimgebliebenen hielt er per Post auf dem Laufenden.

Diese Reise war damals ein Abschied ohne Wiedersehen. Sechs Wochen dauerte die Überfahrt mit dreimastigem Segelschiff – beschwerlich und gefährlich, besonders für Kinder, die anfällig für Ruhr und andere Seuchen waren. Durchfall konnte sie in kurzer Zeit gefährlich auszehren.

Die Reedereien erlaubten pro Familie nur eine Kiste für das letzte Hab und Gut. Verzögerte sich die Abfahrt etwa durch schlechtes Wetter, fraß die Wartezeit die Ersparnisse auf – noch bevor die Reise überhaupt begann.

Die Reeder pferchten so viele Auswanderungswillige wie möglich auf ein Schiff. Dreimal täglich gab es streng rationiertes Trinkwasser und Essen: Getreidebrei, Schiffszwieback, Pökelfleisch, Heringe oder Stockfisch. Nach drei Wochen schwammen Algen im Wasser und Maden im Brei. Auf französischen oder englischen Schiffen musste man sein Essen selbst mitbringen – oder es teuer an Bord kaufen. Manche verhungerten noch auf See.

Trotzdem folgten Millionen weitere Deutsche – angespornt von Briefen, die von einem besseren Leben berichteten und die anfänglichen Schwierigkeiten wohlweislich verschwiegen.

So nahm eine regelrechte Auswandererindustrie Gestalt an – nicht unähnlich jener Schlepperindustrie, die heute Menschen aus dem globalen Süden in den Westen bringt. Im 19. Jahrhundert machten sich fünf Millionen Deutsche auf in alle Welt: nach Algerien, Brasilien, Nordamerika und Russland. Hamburg wurde zu Deutschlands Tor zur Welt.

Die Norddeutsche Lloyd: Die SS „Kaiser Wilhelm der Große“ verkürzte Atlantiküberquerungen auf unter sechs Tage. Nach Jahrhunderten todbringender Segelschiffsreisen machten die Dampfschiffe im anbrechenden 20. Jahrhundert die Auswanderung für Millionen Deutsche greifbar. (Bildquelle: Themistokles von Eckenbrecher, 1903/Wiki Commons)
Die Norddeutsche Lloyd: Die SS „Kaiser Wilhelm der Große“ verkürzte Atlantiküberquerungen auf unter sechs Tage. Nach Jahrhunderten todbringender Segelschiffsreisen machten die Dampfschiffe im anbrechenden 20. Jahrhundert die Auswanderung für Millionen Deutsche greifbar. (Bildquelle: Themistokles von Eckenbrecher, 1903/Wiki Commons)

Das Glück beschenkt den Mutigen

Manch einer brach in der Erinnerung an die bürgerlichen Freiheiten unter der Napoleonischen Besatzung auf, die er wieder haben wollte. Dazu winkte Land auf Kredit. Die meisten kamen also aus ökonomischen Gründen.

Jakob Astor, Levi Strauss, Henry Heinz, Eberhard Anheuser und Adolphus Busch – alles Unternehmer deutscher Herkunft, die in jener Zeit den Grundstein ihrer Imperien legten. Doch die meisten deutschen Auswanderer dachten gar nicht so groß.

In ihren deutschen Herkunftsdörfern herrschte ein strikter Standesdünkel: Wer man war, zeigte man an Kleidung, Schmuck und der Zahl der Bediensteten.  Überall war die Angst vor dem sozialen Abstieg präsent: Wer selbst noch durchkam, sah seine Kinder auf einen harten Aufprall zusteuern.

In den USA zählte das alles nichts. Die Gruppen der Auswanderer waren bunt durchmischt – Bauern, Handwerker, Kleinhändler und Akademiker Seite an Seite. Die amerikanischen Behörden wollten die weiten Prärien besiedeln – die Deutschen wollten vor allem eines: ihrer ausweglosen Lebenssituation entkommen. Beides ergänzte sich.

Die Zahl der deutschen Neuankömmlinge stieg rasant: 1847 waren es 80.000, 1852 bereits 176.000 und 1854 sogar 239.000.

Amerikas Mythos: Vom Tellerwäscher zum Millionär

Nach der Ankunft ging es weiter ins Landesinnere – per Eisenbahn, Binnenschiff und Kutsche. Am Zielort empfing sie der Vorausgereiste, der die Gegend bereits ausgekundschaftet hatte.

Er wies die Neuankömmlinge ein: Ochsen seien besser als Pferde – widerstandsfähiger und billiger. Mais sei das beste Getreide, und John Deeres Pflüge seien eigens für die Prärie gebaut.

Die Deutschen steckten ihre Claims ab. Wie so oft war die erste Behausung eine Erdhöhle mit Grasdach – bei Temperaturen von bis zu 20 Grad unter null. Nach und nach trafen Bekannte aus dem Heimatdorf ein, und man half sich gegenseitig beim Bauen, Pflügen und Ernten.

Bald erntete man Überschüsse und verkaufte Milch und Butter in die Städte. Alle begannen bei null – und erst nach einigen Jahren zeigte sich, wer am fleißigsten war und wer die größte Farm besaß.

Das Land schien weit genug für alle. Frauen wurden als Ehepartnerinnen gesucht, Männer für die zahllosen Arbeiten. Die amerikanischen Weiten ließen die Deutschen ihre Potenziale entfalten, die ihnen der adlige Herr oder der Kirchenmann daheim niemals zugestanden hätten. Der Aufschwung der amerikanischen Industriestädte wie Pittsburgh zog auch deutsche Unternehmer und Facharbeiter an. Handwerker siedelten sich in New York, New Jersey, Pennsylvania und im Mittleren Westen an – als Bäcker, Schneider, Metzger, Bierbrauer oder Zigarrenmacher.

Die Deutschen wurden zur größten Einwanderergruppe in den USA. Mancherorts stellten sie bald die Mehrheit – und tauften Ortschaften nach ihrer alten Heimat, wie das beschauliche Schaumburg in Illinois.

Das verlorene Paradies der Indianer

Doch auch im Westen wurde das Land schnell eng. Wer als Neuankömmling Schritt halten wollte, musste immer weiter nach Westen ziehen. Der Drang nach Freiheit, der die Europäer Richtung Pazifik trieb, schränkten sich jene Freiheiten der amerikanischen Ureinwohner ein.

1843 gehörte das heutige Kalifornien als „Alta California" noch zu Mexiko. Neben den USA hatten auch Großbritannien, Frankreich und sogar Russland Interesse an der Region angemeldet. Gleichzeitig strebten spanischsprachige Kalifornier unter der Junta von Monterey nach einer eigenständigen Republik, während angelsächsische Siedler den Anschluss an die USA suchten.

Mitten in diesem Geflecht aus Machtinteressen hatte der Deutschschweizer Johann August Sutter eine Privatkolonie an strategisch günstiger Lage gegründet: „Neu Helvetien" – besser bekannt als „Sutter's Fort". Wie eine Spinne im Netz all dieser Begehrlichkeiten pflegte er Geschäftsbeziehungen zu allen Akteuren. Die USA nutzten den Ort als Ausgangspunkt ihrer Expansion nach Westen und eroberten Kalifornien schließlich 1848 im Krieg gegen Mexiko.

Auf der Suche nach einem besseren Leben wanderte der Schweizer Heinrich Lienhard nach Neu Helvetien aus. In einem 1870 rückblickend verfassten Manuskript widerspricht er der heroischen amerikanischen Erzählung des „Winning of the West" vehement – sein Bericht gehört zu den wenigen empathischen Zeugnissen über das Schicksal der Ureinwohner.

Mehrere Jahre lebte Lienhard abseits der weißen Siedler und kam dabei mit den Dörfern der Ureinwohner in Kontakt. Später übernahm er die Aufsicht über die indigenen Arbeiter der Region. Einmal belauschte er ihre wehmütigen Erzählungen von einem Leben bevor die Weißen sie von ihrem Land vertrieben hatten – Gespräche voller Ohnmacht.

Nun lebten sie in sklavenartigen Verhältnissen: Nachts sperrte man die indianischen Arbeiter in Käfige, zwang sie, aus dem Schweinetrog zu essen, und degradierte sie bewusst zu Tieren. Sutter hielt sich Sexsklavinnen. Die Lage eskalierte, als in Sutter's Mill Gold entdeckt wurde und Zehntausende weitere Siedler nach Kalifornien strömten. Die Gewalt gegen die Indigenen explodierte – man vertrieb sie von ihren Claims.

Kalifornien legalisierte die Zwangsarbeit und besiegelte damit das Schicksal der Ureinwohner: Es folgte deren systematische Verdrängung bis hin zu tödlichen Übergriffen.

Lienhard konnte das mit seinen moralischen Werten nicht vereinbaren und verließ das vermeintliche Paradies – das nicht weniger auf Sklaverei gebaut war als die alte Welt.

Sutter's Fort ist heute als Sacramento die Hauptstadt des US-Bundesstaates Kalifornien.

48er: Das Ende des Völkerfrühlings lässt Amerika erblühen

1848 griff die Revolutionswelle von Frankreich auf die deutschen Länder und Fürstentümer über. Das Volk lehnte sich gegen die preußische Obrigkeit auf – doch diese schlug die Revolution nieder. Viele Anführer wurden hingerichtet, inhaftiert oder ins Exil getrieben.

Vielen politischen Gefangenen bot man die Freilassung an – unter der Bedingung, in die USA auszuwandern. Über Zwischenstationen in Frankreich, England oder der Schweiz[1] kamen die Revolutionäre als sogenannte „48er" nach Amerika.

Mit 4.000 bis 10.000 politischen Flüchtlingen stellten sie eine kleine, aber intellektuell und politisch sehr umtriebige Elite dar – unter den Millionen Deutschen, die zwischen 1848 und 1860 in die USA kamen. Die meisten dieser Millionen waren Wirtschaftsflüchtlinge vor der Kartoffelfäule.

Die 48er waren dagegen gut ausgebildete Liberale, Radikale und Intellektuelle – Anwälte, Journalisten, Lehrer und Offiziere. Ihre Flucht war weniger von wirtschaftlichen Motiven getrieben als von ihren liberalen Werten, die sie mit Europas Obrigkeit in Konflikt brachten. Sie dominierten rasch das deutschsprachige Zeitungswesen mit sozialreformerischen Ideen – als Gründer, Redakteure und Kolumnisten.

Inklusive Institutionen erreichen Amerika

Sie brachten auch pädagogische Ideen mit, die in Preußen verboten waren: frühkindliche Erziehung durch Spielen statt Drill und Gehorsam. Im Englischen überlebt dieser Ansatz bis heute in einem einzigen deutschen Wort: Kindergarten. Ähnlich reformerisch dachten sie über Schulbildung – Diskussion, selbstständiges Denken und Turnen als Fundament freier Bürger hielten in Amerika Einzug.

Die 48er gründeten eine Vielzahl von Vereinigungen „freier Männer“: Männerchöre, Buchklubs, Schützenbünde – und vor allem Turnvereine, die unter dem Dachverband „Sozialistischer Turnerbund" hochpolitische Organisationen darstellten. In rund 60 Städten fand Turnunterricht statt – um deutsche Traditionen zu pflegen und kampfbereite, freie Bürger auszubilden. Man wollte die eigene ethnische Identität bewahren – als Ressource für den fortdauernden Kampf um ein freies Deutschland.

Nun wandten sie sich verstärkt in Amerika drängenden Themen zu: Arbeitsschutzgesetze, Direktwahl von Präsident und Senat, frei zugängliche Bildung, günstiges Land für Siedler und öffentliche Reformen.

Die Ankunft der 48er gründen Zeitungen und Turnvereine: (Quelle: [2])
Die Ankunft der 48er gründen Zeitungen und Turnvereine: (Quelle: [2])

Deutsche gegen die Sklaverei

Ein besonderes Anliegen wurde ihnen jedoch der Kampf gegen die Sklaverei. Die „Turner" stellten regelmäßig Leibwächter für Antisklaverei-Aktivisten ab und sicherten so deren öffentliche Agitation. Sie betteten die Sklaverei in einen breiteren Diskurs über Freiheit und Gleichheit ein:

„Das Problem der Sklaverei ist nicht das Problem der Schwarzen. Es ist der ewige Konflikt zwischen einer kleinen privilegierten Klasse und der breiten Masse der Nicht-Privilegierten – der ewige Kampf zwischen Aristokratie und Demokratie."

Bisher hatten traditionelle Deutschamerikaner bevorzugt die Demokratische Partei gewählt. Die 48er engagierten sich jedoch massiv für die erst 1854 gegründete Republikanische Partei – deren Antisklaverei-Kurs entsprach eher ihrem freiheitlichen Ethos und dem Glauben an sozialen Aufstieg durch freie Arbeit.

1860 erzwangen sie beim Parteikonvent in Chicago einen programmatischen Richtungsentscheid: den sogenannten „Dutch Plank" – eine pro-immigrantische Klausel gegen den Widerstand der einwanderungsfeindlichen Know-Nothing-Bewegung. Im Gegenzug sicherten die 48er der Republikanischen Partei den deutschamerikanischen Wählerblock. Abraham Lincoln wurde zum 16. Präsidenten der USA gewählt.

Die Turner gewinnen Amerikas Bürgerkrieg

1861 brach der amerikanische Bürgerkrieg aus. Rund 95 Prozent der Unionsarmee waren Freiwillige – sie kämpften für den Erhalt der nationalen Einheit und gegen die Sklaverei. Die 48er waren überproportional dabei und motivierten Zehntausende Deutschamerikaner zum Eintritt. Mit 200.000 Soldaten stellten die Deutschamerikaner das größte ausländische Kontingent im verlustreichsten Konflikt der US-Geschichte.

Ihren Einfluss entfalteten die 48er über lokale Zeitungen, Vereine – allen voran die Turnvereine –, als öffentliche Redner und als inspirierendes Vorbild: Sie kämpften selbst an vorderster Front. Das Ergebnis: höhere Einberufungsquoten und deutlich weniger Desertionen.

Viele 48er brachten militärische Erfahrung aus dem Deutschen Bund oder der Revolution von 1848 mit. Die Turner waren an der Waffe ausgebildet und dienten häufig in eigenen Freiwilligenregimentern. Drei der sechs im Ausland geborenen Generalmajore der Unionsarmee – dem zweithöchsten Rang – waren 48er. Darunter Franz Sigel, der das fast ausschließlich aus Deutschen bestehende 3. Missouri-Infanterie-Regiment befehligte.

Die Literatur zum Bürgerkrieg würdigt immer noch regelmäßig deren Beitrag.

Der lange Schatten der 48er

Nach dem Bürgerkrieg 1865 nahm ihre öffentliche Rolle ab – doch im Verborgenen blieben die 48er wirksam. Viele machten sich einen Namen als Wissenschaftler, Ingenieure und Intellektuelle. 1865 gründete die Revolutionärin Mathilde Franziska Anneke das Milwaukee Töchter-Institut für gleichberechtigte Erziehung von Mädchen in Physik und Naturwissenschaften. 1869 beteiligte sie sich an der Gründung der Wisconsin Woman Suffrage Association und wirkte 1876 an der ersten sozialistischen Organisation deutschamerikanischer Frauen in Milwaukee mit.

Parallel brachten die 48er die Idee einer organisierten Arbeiterschaft in die Neue Welt: Wilhelm Weitling gründete 1850 den Bund der Arbeiter, Joseph Weydemeyer trug die marxistische Klassenanalyse in Amerikas öffentliche Debatte. Deutsche Migranten stellten bis zur Hälfte aller Gewerkschaftsmitglieder New Yorks – sie erkämpften den Zehnstunden-Arbeitstag und das Verbot der Kinderarbeit. Milwaukee wurde zur deutschesten Stadt Amerikas und zur Hochburg des Antisklaverei-Aktivismus. Die von Deutschen getragene Sozialistische Partei Milwaukees gewann 1910 die Wahl und regierte die Stadt fünf Jahrzehnte lang.

Ihr Wirken lässt sich sogar noch Jahrzehnte später nachweisen: Zwischen 1909 und 1965 entstanden Ortsgruppen der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) überproportional häufig in Städten mit starker Präsenz ehemaliger 48er-Gemeinschaften. [2] [3]

Herero in Uniform der Schutztruppe: Früher ein Symbol der Unterdrückung, heute ein Emblem des Stolzes: Männer der Herero tragen Uniformen, die der deutschen Schutztruppe in den afrikanischen Kolonien nachempfunden sind. 1880 einte Otto von Bismarck das Deutsche Reich – und die junge Nation forderte ihren Platz an der Sonne: Kolonien in Übersee. Während ihre Landsleute in den USA erbittert gegen die Sklaverei kämpften, unterwarfen sie afrikanische Völker für ihre Siedlerkolonien. Die deutsche Kolonialgesellschaft veranstaltete Ausstellungen, um die segensreiche Wirkung der Kolonialarbeit herauszustreichen – vor allem Frauen, damit sich die Europäer nicht mit afrikanischen Frauen vermischten. Als Nama und Herero sich 1904 gegen faktische Versklavung und Zwangsarbeit erhoben, folgte der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts: 80 Prozent der 65.000 Herero und die Hälfte der 20.000 Nama fielen der deutschen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer – die Überlebenden sperrte man in Konzentrationslager. (Bildquelle: Teenazz/shutterstock, 2025) 
Herero in Uniform der Schutztruppe: Früher ein Symbol der Unterdrückung, heute ein Emblem des Stolzes: Männer der Herero tragen Uniformen, die der deutschen Schutztruppe in den afrikanischen Kolonien nachempfunden sind. 1880 einte Otto von Bismarck das Deutsche Reich – und die junge Nation forderte ihren Platz an der Sonne: Kolonien in Übersee. Während ihre Landsleute in den USA erbittert gegen die Sklaverei kämpften, unterwarfen sie afrikanische Völker für ihre Siedlerkolonien. Die deutsche Kolonialgesellschaft veranstaltete Ausstellungen, um die segensreiche Wirkung der Kolonialarbeit herauszustreichen – vor allem Frauen, damit sich die Europäer nicht mit afrikanischen Frauen vermischten. Als Nama und Herero sich 1904 gegen faktische Versklavung und Zwangsarbeit erhoben, folgte der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts: 80 Prozent der 65.000 Herero und die Hälfte der 20.000 Nama fielen der deutschen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer – die Überlebenden sperrte man in Konzentrationslager. (Bildquelle: Teenazz/shutterstock, 2025) 

Die Deutschen erobern Lateinamerika

Auch in Lateinamerika hieß regieren vor allem das Besiedeln unerschlossenen Landes. Länder wie Argentinien oder Brasilien konnten mit ihren instabilen Regierungen und der mangelnden Erschließung des Hinterlandes kaum mit der Attraktivität Nordamerikas mithalten. Zudem boomte im ausgehenden 19. Jahrhundert auch in Deutschland die Industrie – Auswanderungswillige waren nicht mehr so leicht zu finden.

Fündig wurde man ausgerechnet unter den Deutschen in Russland. Auch dort war der Boden inzwischen knapp. Zar Alexander II. nutzte die neuen Machtverhältnisse 1860, um den Deutschen ihre hundert Jahre währende Bevorzugung zu entziehen und sie den Russen gleichzustellen – was Militärpflicht und Steuern bedeutete. Ihre Privilegien hatten sie nie schriftlich festgehalten, sondern mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.

Russland hatten die Deutschen nie als ihre Heimat angenommen. Selbst nach drei oder vier Generationen blieben sie Pächter auf dem Land des Zaren. Nun mussten sie erleben, was es bedeutete, die eigenen Söhne für ein Land in den Krieg zu schicken, das nicht ihres war. Gleichzeitig entfremdeten sie sich voneinander: Wer sein gepachtetes Land nun käuflich erwerben wollte, konnte – doch nur die wohlhabendsten Bauern hatten das nötige Geld. Die weniger Begüterten mussten verkaufen und blieben Pächter. Die Ungleichheit zerfraß die einst eng zusammengeschweißten Kommunen.

1875 wanderten etwa 300 Wolgadeutsche nach Kanada aus, 200 nach Brasilien. Als die Bedrohung der Russifizierung nicht nachließ, machten sich zur Jahrhundertwende 100.000 weitere nach Lateinamerika auf. Viele legten dabei einen Zwischenstopp in Deutschland ein – einem Land, das sie selbst nicht kannten, das ihre Eltern und Großeltern aber stets die „alte Heimat" genannt hatten. Sie reisten weiter nach Südamerika und lernten nach Deutsch und Russisch ihre dritte Sprache: Spanisch.

Ein Münchner Würstelstand in Kanada? Auf den ersten Blick erweckt der Schnellimbiss den Eindruck, Qualität aus Deutschland zu liefern. Doch ein Blick auf die Speisekarte, die Kolbassa anbietet, verrät: Hier steht ein Deutsch-Russe oder Deutsch-Ukrainer hinterm Tresen. Kolbassa ist eine geräucherte Wurst mit kräftigem Knoblauchgeschmack – typisch für die Küche der deutschen Siedler, die Russland und die Ukraine als Heimat kannten. Im ausgehenden 19. Jahrhundert ließen viele dieser Deutschen – nach mehreren Generationen in Russland – ihre zweite Heimat hinter sich, um erneut in der Fremde anzufangen. Die kanadische Regierung wollte die weiten Prärien in Manitoba und Saskatchewan erschließen. Die Deutsch-Ukrainer waren dafür wie geschaffen: Sie kannten die Bewirtschaftung von Schwarzerdeböden – aus ihrer Heimat rund um Odessa, Mykolajiw und der Wolga.
Ein Münchner Würstelstand in Kanada? Auf den ersten Blick erweckt der Schnellimbiss den Eindruck, Qualität aus Deutschland zu liefern. Doch ein Blick auf die Speisekarte, die Kolbassa anbietet, verrät: Hier steht ein Deutsch-Russe oder Deutsch-Ukrainer hinterm Tresen. Kolbassa ist eine geräucherte Wurst mit kräftigem Knoblauchgeschmack – typisch für die Küche der deutschen Siedler, die Russland und die Ukraine als Heimat kannten. Im ausgehenden 19. Jahrhundert ließen viele dieser Deutschen – nach mehreren Generationen in Russland – ihre zweite Heimat hinter sich, um erneut in der Fremde anzufangen. Die kanadische Regierung wollte die weiten Prärien in Manitoba und Saskatchewan erschließen. Die Deutsch-Ukrainer waren dafür wie geschaffen: Sie kannten die Bewirtschaftung von Schwarzerdeböden – aus ihrer Heimat rund um Odessa, Mykolajiw und der Wolga.

Destination Argentinien

Argentinien rückte in den Fokus – das Land suchte Einwanderer, um Bahnlinien auszubauen und Plantagen zu bewirtschaften. Im Gegenzug winkten Land und Überbrückungskredite. Doch die Vorstellungen kollidierten: Die Russlanddeutschen kannten geschlossene, kleinteilige Dörfer – die argentinischen Großbauern dachten in gigantischen Einzelfarmen. Man einigte sich auf einen Kompromiss: gemeinsam genutzte Dorfweiden und Anbauflächen, die zwischen den Familien rotierten. Als in Nordamerika der freie Boden knapper wurde, strömten mehr Deutsche nach Argentinien und machten das Land urbar.

An den Verschiffungshäfen bedrängten Agenten ausreisewillige Deutsche, statt nach Argentinien lieber Tickets nach Brasilien zu lösen. Auch dort buhlten die Regionalverwaltungen verzweifelt um Einwanderer – und bezahlten den Deutschen sogar die Überfahrt.

Denn nachdem Brasilien 1888 nach 400 Jahren endlich die Sklaverei abgeschafft hatte, fehlten in São Paulo dringend Arbeitskräfte – vor allem auf den Kaffeeplantagen. Neben vielen Italienern kamen Ende des 19. Jahrhunderts 21.600 Deutsche, großteils mittellose Familien. Da die Plantagenbesitzer für europäische Arbeitskräfte oft keine oder nur geringe Transport- und Unterkunftskosten tragen mussten, waren diese ironischerweise sogar billiger als zuvor die Sklaven.

Blumenau: Mit 17 Pionieren zum Oktoberfest: Wie viele deutsche Kolonien begann auch Blumenau 1852 unter härtesten Bedingungen. Schwärme unbekannten Ungeziefers plagten die Kolonisten. Dass Weihnachten auf die heißeste Jahreszeit fiel, war dabei noch das kleinste Problem. Im einzigen Dorfladen kämpfte man gegen Insekten, Schmutz und erdrückende Hitze: Lebensmittel verdarben schnell, Mehl- und Bohnensäcke waren von Würmern und Käfern zerfressen, Schimmel überzog alles zentimeterdick. Im Fischtran schwammen Gräten, Schuppen und ganze Fischköpfe. Das Schlimmste: Die meisten erfuhren davon erst, als sie bereits in Brasilien gelandet waren. Blumenau ging 1850 aus ursprünglich 17 Migranten hervor. Trotz regelmäßiger Konflikte mit Wildtieren und der indigenen Bevölkerung riss der Zustrom nicht ab. Schon 1880 zählte die Gemeinde 13.000 Einwohner. Heute leben 361.855 Menschen dort – mehrheitlich mit deutschen und italienischen Wurzeln. Blumenau ist heute das Zentrum des sogenannten Brasilianischen Silicon Valleys, mit einer florierenden Softwarebranche. Und alljährlich feiert die Stadt eines der größten Oktoberfeste der Welt.
Blumenau: Mit 17 Pionieren zum Oktoberfest: Wie viele deutsche Kolonien begann auch Blumenau 1852 unter härtesten Bedingungen. Schwärme unbekannten Ungeziefers plagten die Kolonisten. Dass Weihnachten auf die heißeste Jahreszeit fiel, war dabei noch das kleinste Problem. Im einzigen Dorfladen kämpfte man gegen Insekten, Schmutz und erdrückende Hitze: Lebensmittel verdarben schnell, Mehl- und Bohnensäcke waren von Würmern und Käfern zerfressen, Schimmel überzog alles zentimeterdick. Im Fischtran schwammen Gräten, Schuppen und ganze Fischköpfe. Das Schlimmste: Die meisten erfuhren davon erst, als sie bereits in Brasilien gelandet waren. Blumenau ging 1850 aus ursprünglich 17 Migranten hervor. Trotz regelmäßiger Konflikte mit Wildtieren und der indigenen Bevölkerung riss der Zustrom nicht ab. Schon 1880 zählte die Gemeinde 13.000 Einwohner. Heute leben 361.855 Menschen dort – mehrheitlich mit deutschen und italienischen Wurzeln. Blumenau ist heute das Zentrum des sogenannten Brasilianischen Silicon Valleys, mit einer florierenden Softwarebranche. Und alljährlich feiert die Stadt eines der größten Oktoberfeste der Welt.

Amerika wird Entdeutscht

1910 hatten von 92 Millionen US-Amerikanern über 8 Millionen deutsche Wurzeln der ersten oder zweiten Generation. Sie trieben den industriellen Aufstieg der USA mit voran: in der Stahlerzeugung, dem Maschinenbau, der Leder- und Fleischverarbeitung stellten sie überproportional viele Fachkräfte – und brachten handwerkliches wie industrielles Know-how aus Deutschland in die amerikanische Wirtschaft. Und nicht zuletzt das neue Nationalgetränk Bier.

Doch 1914 überzog das Deutsche Kaiserreich Europa mit Krieg. Obwohl sich keine ernstzunehmende deutschamerikanische Partei zugunsten Deutschlands formierte, stand die Loyalität der Deutschamerikaner sofort in Frage. Antideutsche Rhetorik griff auch in den USA um sich. In John Dos Passos' Amerika-Trilogie wurden Deutschen zu „Hunnen, die belgische Babys massakrierten". Die Schlagzeilen trieften vor antideutscher Xenophobie.

Mit dem amerikanischen Kriegseintritt wurde die deutschamerikanische Kultur praktisch über Nacht vernichtet. 30 Bundesstaaten verboten 1918 deutschen Sprachunterricht. Deutschsprachige Zeitungen und Predigten wurden verboten oder zensiert, Deutsch im öffentlichen Raum untersagt, deutsche Bücher aus Bibliotheken entfernt und bekannte Deutschamerikaner interniert. Aus Sauerkraut wurde „Liberty Cabbage". Gewerkschaften lehnten Aufnahmeanträge von Deutschen ab.

Doppelte Staatsbürgerschaft weckte Misstrauen. Deutsche mussten ihre Loyalität zu den USA lückenlos beweisen – viele verleugneten ihre Herkunft. Mobs lynchten Deutschamerikaner, teerten und federten sie. Der Erste Weltkrieg machte die Deutschen vielerorts zur unerwünschten Minderheit.

Die Säuberungen waren so gründlich, dass jene Gruppe, die wie kaum eine andere zum industriellen und kulturellen Aufstieg der amerikanischen Weltmacht beigetragen und deren sozialpolitische Fundamente mitgelegt hatte, binnen weniger Jahre aus dem öffentlichen Leben verschwand.

Im US-Census von 2023 geben in zahlreichen amerikanischen Counties mehr Menschen deutsche Abstammung an als englische – besonders im Mittleren Westen und Norden. Heute bezeichnen sich rund 40 Millionen US-Bürger als Nachfahren deutscher Einwanderer – ein stilles Erbe von Jahrhunderten der Auswanderung, mit allen ihren Schattenseiten.
Im US-Census von 2023 geben in zahlreichen amerikanischen Counties mehr Menschen deutsche Abstammung an als englische – besonders im Mittleren Westen und Norden. Heute bezeichnen sich rund 40 Millionen US-Bürger als Nachfahren deutscher Einwanderer – ein stilles Erbe von Jahrhunderten der Auswanderung, mit allen ihren Schattenseiten.

Deutsche nun unerwünscht

Nach zwei Jahrhunderten Migrationsgeschichte drosselten die USA mit dem „Quota Act" von 1921 die Einwanderung drastisch – nur noch 70.000 Deutsche durften pro Jahr kommen.

Die rund 1,8 Millionen Deutschen im Russischen Reich – von Wolhynien in der Westukraine bis zu den Wolgakolonien – verloren nach der Bolschewistischen Revolution ihre koloniale Selbstverwaltung mit eigener Sprache, Schulen und Kirchengemeinden. Geistliche wurden deportiert oder erschossen. Ihre kulturelle und gesellschaftliche Infrastruktur zerstörte man systematisch. Viele fielen Stalins Säuberungen zum Opfer. Selbstständige Bauern – Kulaken – enteignete man, und Hungersnöte suchten die deutschen Siedlungen heim.

Deutschland ging zwar aus dem Ersten Weltkrieg als Weimarer Republik hervor – doch der neue Staat konnte seine Bevölkerung nicht versorgen. Die Weltwirtschaftskrise tat ihr Übriges: Die Industrie lag darnieder. Die Deutschen galten international als unerwünschte Gruppe – ihnen standen kaum noch Ziele offen: lediglich Brasilien, Argentinien und andere südamerikanische Länder.

Pangermanismus entfremdet die Deutschen von der Welts entfremdet die Deutschen von der Welt

70.000 trafen in den deutschsprachigen Siedlungen im Süden Brasiliens ein – diesmal aber mit einem anderen Gepäck: Sie brachten konservative und nationalistische Werte mit, die dem Progressivismus der Weimarer Republik diametral entgegenstanden.

Die Neuankömmlinge trugen pangermanisches Gedankengut nach Lateinamerika:

„Heimat ist dieser innere Raum. Es ist nicht dasselbe wie Vaterland. Wir pflegen unser Volkstum.“

Die Botschaft dahinter: Gott berufe nicht das einzelne Individuum, sondern Völker als Ganzes. Jeder Einzelne müsse den Traditionen seines Volkes treu bleiben – die größte Gefahr drohe von der Vermischung mit anderen Völkern. Auch Brasilien sei deutsche Heimat, wo deutsches Brauchtum zu bewahren sei. Man schottete sich ab und verweigerte die Integration.

Der Alldeutsche Verband nahm regen Anteil an den Auslandsdeutschen und propagierte den Pangermanismus. Die weltweit verstreuten Millionen Deutschen galten ihm als wichtige Stütze der deutschen Gesellschaft. Er schickte protestantische Missionare ins katholische Land, finanzierte Schulen, Schulbücher und deutschsprachige Literatur – auf der Rückseite jedes Druckerzeugnisses stand sein Motto:

„Vergiss nicht, dass du Deutscher bist.“

Wenig überraschend begrüßte ein großer Teil der Deutschen in Brasilien den Aufstieg Hitlers als Befreiungsakt. Brasiliens NSDAP wurde zur größten Landesgruppe außerhalb Deutschlands. Aus Angst vor Separatismus sah sich Brasilien gezwungen, sie zu verbieten – und selbst viele Deutschstämmige wandten sich ab. Der Nationalsozialismus zerstörte nun auch die kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und Brasilien.

Deutsche Einwanderung nach Brasilien: Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges standen Deutschen kaum noch Auswanderungsziele offen. Als die Hyperinflation der frühen 1920er Jahre und die Weltwirtschaftskrise ab 1929 die globalen Migrationsmöglichkeiten weiter einengten, blieb vielen Auswanderungswilligen fast nur noch Lateinamerika als Ziel. Rund 70.000 Deutsche ließen sich dort nieder und brachten pangermanische Netzwerke mit. (wikicommons/eigene Darstellung, 2026)
Deutsche Einwanderung nach Brasilien: Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges standen Deutschen kaum noch Auswanderungsziele offen. Als die Hyperinflation der frühen 1920er Jahre und die Weltwirtschaftskrise ab 1929 die globalen Migrationsmöglichkeiten weiter einengten, blieb vielen Auswanderungswilligen fast nur noch Lateinamerika als Ziel. Rund 70.000 Deutsche ließen sich dort nieder und brachten pangermanische Netzwerke mit. (wikicommons/eigene Darstellung, 2026)

Das Ende globaler deutscher Kultur

Überall entfremdeten sich die deutschen Gemeinden von der Mehrheitsbevölkerung ihrer Wahlheimat – von Russland bis Afrika, von Nord- bis Südamerika. Viele sprachen selbst nach Jahren in der neuen Heimat deren Sprache kaum oder gar nicht.

Nach deutschen Städten benannte Orte erhielten neue Namen. Deutschsprachige Institutionen löste man überall auf der Welt auf. Die Sprache verschwand, die Kultur wurde aufgegeben, deutsches Erbe tilgte man aus dem kollektiven Gedächtnis. Deutschlands Überseegebiete in Afrika teilten Frankreich, Belgien und Großbritannien unter sich auf.

Als Nazideutschland die Sowjetunion überfiel, deportierte Stalin rund 900.000 der dort lebenden Deutschen nach Sibirien, Kasachstan und in den Ural. Ihr Eigentum wurde eingezogen, die Staatsbürgerschaft aberkannt. Viele zog man zur Zwangsarbeit heran – die Zahl der Todesopfer ging in die Hunderttausenden. Erst nach Stalins Tod 1953 erfolgte eine Teilrehabilitation, doch die systematische Diskriminierung blieb bestehen.

Mit der Perestroika ab 1987 setzte eine Massenmigration nach Deutschland ein: rund 450.000 Russlanddeutsche siedelten in die alte Heimat über – jenes Land, das ihre Vorfahren vor 200 Jahren verlassen hatten. Sie wurden „Spätaussiedler" genannt. Bis Mitte der 2000er Jahre folgten weitere 1,8 Millionen.

Deutsche Brauerei in Neu Bayern, Ukraine. Bierbrauen wurde zum Markenzeichen deutscher Einwanderer von Asien über Osteuropa und Amerika. Noch heute braut man hier im Bezirk Neubayern in der ostukrainischen Großstadt Charkiw Bier. (Quelle: eigene, 2024)
Deutsche Brauerei in Neu Bayern, Ukraine. Bierbrauen wurde zum Markenzeichen deutscher Einwanderer von Asien über Osteuropa und Amerika. Noch heute braut man hier im Bezirk Neubayern in der ostukrainischen Großstadt Charkiw Bier. (Quelle: eigene, 2024)

Das Ende deutscher Siedler in Zentraleuropa

Im Zweiten Weltkrieg gingen deutsche Siedler in gemischten Siedlungsgebieten besonders brutal gegen andere Ethnien vor – wie etwa die Division „Prinz Eugen" der Waffen-SS gegen die serbische Zivilbevölkerung.

Mit den Beneš-Dekreten folgte die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Rumänien, Ungarn und Jugoslawien enteigneten und vertrieben die Donauschwaben. Aus Ostpreußen zogen lange Flüchtlingstrecks ins deutsche Kernland – auf der Flucht vor rachsüchtigen Sowjetsoldaten.

45.000 Flüchtlinge zog es nach Kriegsende nach Argentinien – Täter, Mitläufer und Opportunisten der NS-Diktatur gleichermaßen. Dort kreuzten sich ihre Wege mit jüdischen Überlebenden des Holocaust. In Brasilien grenzten ihre Kolonien gar direkt aneinander.

Siedlerkolonien schaffen inklusive Demokratien

Die erste große deutsche Auswanderungswelle rollte an, als der Dreißigjährige Krieg das Land zur Beute ausländischer Mächte gemacht hatte – Instabilität und Gewalt bestimmten das Land. Unter diesen Umständen war es leicht, Menschen von einem Paradies in der Neuen Welt zu überzeugen, das es so überhaupt nicht gab.

Die Eroberung Pennsylvanias zog sich über mehrere Jahrzehnte hin. Die Reisen waren von Elend geprägt – die Auswanderer wurden zu leichten Opfern von Betrug, Ausbeutung und Schuldknechtschaft. Doch die wirtschaftlichen Interessen der britischen Krone – Harz für die Flotte, gesicherte Grenzen – zwangen sie, ihr Regime schrittweise zu liberalisieren und den Siedlern mehr Rechte zuzugestehen.

In ihrer Heimat und in den Siedlungsgebieten im Osten war dies nicht der Fall. Man lockte die Deutschen mit Privilegien und Versprechen – und entzog sie ihnen, sobald sich die Machtverhältnisse verschoben. Die Deutschen konnten ihre Potenziale nicht entfalten wie ihre Landsleute in Amerika. Daheim betrachtete man sie ohnehin als Manövriermasse – als Söldner für fremde Kriege, vermietet wie Schlachtvieh.

Nicht, dass die Engländer nicht ähnliches versucht hätten. Doch die Amerikanern wehrten – mit Hilfe der Deutschen, die sich auf ihre Seite schlugen – die Begehrlichkeiten europäischer Herrscher ab. Die Deutschamerikaner hatten damit einen fundamentalen Anteil an der Entstehung der amerikanischen Demokratie.

Der Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär entfaltete seine Sogwirkung. Viele scheiterten – an Selbstüberschätzung oder schlicht an Pech. Aber viele verdankten Amerika den Aufstieg in die wohlhabende Mittelschicht – und weckten damit die Hoffnungen von Millionen in der Heimat.

Extraktive Institutionen saugen die Menschen weiter aus

Die daheimgebliebenen Landsleute hatten weniger Glück. Trotz wachsenden ökonomischen Drucks durch Industrialisierung und Bevölkerungswachstum wurden ihre Bedürfnisse unterdrückt – der Adel behandelte sie weiterhin als Verfügungsmasse.

Als ihr Aufbegehren für mehr Freiheiten niedergeschlagen wurde, entstand eine gewaltige Schlepperindustrie, die Millionen in die Neue Welt verschiffte. Mit dieser Welle an Wirtschaftsflüchtlingen kam erneut liberaler Geist in die USA – denn unter ihnen fanden sich zahlreiche politische Flüchtlinge. Die 48er schufen ein wehrhaftes Netzwerk freier Männer in Turnvereinen, schlugen sich im Bürgerkrieg auf die Seite des Nordens und brachten Arbeiterbewegung, Sozialreform und Ideen nach Amerika.

Für die Deutschen in Russland wurde die Lage nach mehreren Generationen so unerträglich, dass sie erneut Hab und Gut packten und weiterzogen – viele nach Südamerika, wo man oft nur Ersatz für die gerade abgeschaffte Sklaverei suchte. Nur die Ärmsten und Verzweifeltsten kamen – und waren empfänglich für pangermanische Ideen, die sie zugleich mit ihrer neuen Heimat entfremdeten.

Wo die Deutschen selbst zu Kolonisatoren wurden – in Afrika, gegenüber indigenen Völkern in Amerika –, wurden sie zu Unterdrückern. Die Menschen desselben Volkes, die andernorts für Freiheit kämpften, trieben Menschen andernort in die Sklaverei.

Das Ende der Deutschen

Mit dem Ersten Weltkrieg verwischte der deutsche Fußabdruck in den meisten Gastländern. Anglifizierung und Sowjetisierung – Zensur, Verbote, die systematische Zerschlagung deutschsprachiger Institutionen – tilgten die Auslandsdeutschen aus dem kollektiven Gedächtnis ihrer Länder. Vollends geschah dies, als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen und die Welt in einem Wahn ethnischer Reinheit mit Krieg überzogen. Drei Jahrhunderte Auswanderungsgeschichte – acht Millionen Deutsche in aller Welt – kamen zum Stopp.

Und dennoch: Viele Länder tragen heute ein tiefes deutsches Erbe in sich, ohne sich dessen bewusst zu sein. In den USA legten die Deutschen das industrielle Fundament für den Aufstieg zur Weltmacht – und erkämpften die sozialen Freiheiten und die kulturelle Offenheit, die das Land bis heute zum Magneten für Millionen Menschen macht. Heute blicken rund 50 Millionen Amerikaner auf deutsche Wurzeln zurück.

Im 21. Jahrhundert wandelte sich Deutschland selbst zu einer der größten Einwanderungsnationen der Welt. Dreißig Prozent der Bevölkerung wurden – oder haben einen Elternteil, der – ohne deutschen Pass geboren. Die Deutschen prägten dafür einen eigenen Begriff: Migrationshintergrund. [1] [4]

Deutsche Nachfahren werden Präsident: Millionen Deutsche flohen im 19. Jahrhundert vor Armut, Militärpflicht und Perspektivlosigkeit – darunter Friedrich Trump aus Kallstadt, der 1891 als junger Mann illegal aus der Pfalz ausreiste und in New York ankam. Mit Restaurants im Goldgräbermilieu des Klondike legte er den Grundstein eines Vermögens, das sein Sohn Fred zu einem Immobilienimperium ausbaute – und das dieser schließlich an seinen Sohn Donald weitergab. Als Showstar und politischer Provokateur errang der Nachkomme deutscher Einwanderer zweimal die US-Präsidentschaft – und wurde zu einem der prägendsten und umstrittensten Politiker des 21. Jahrhunderts. (Bildquelle: eigene, 2026)
Deutsche Nachfahren werden Präsident: Millionen Deutsche flohen im 19. Jahrhundert vor Armut, Militärpflicht und Perspektivlosigkeit – darunter Friedrich Trump aus Kallstadt, der 1891 als junger Mann illegal aus der Pfalz ausreiste und in New York ankam. Mit Restaurants im Goldgräbermilieu des Klondike legte er den Grundstein eines Vermögens, das sein Sohn Fred zu einem Immobilienimperium ausbaute – und das dieser schließlich an seinen Sohn Donald weitergab. Als Showstar und politischer Provokateur errang der Nachkomme deutscher Einwanderer zweimal die US-Präsidentschaft – und wurde zu einem der prägendsten und umstrittensten Politiker des 21. Jahrhunderts. (Bildquelle: eigene, 2026)

Weiterlesen


[1] S. Blaschka-Eick, In die Neue Welt! Deutsche Auswanderer in drei Jahrhunderten, Hamburg: Rowohlt Verlag, 2010.

[2] C. Dippel und S. Heblich, „Leadership and Social Movements: The Forty-Eighters in the Civil War,“ National Bureau of Economic Research Working Paper No. 24656, pp. 1-93, 2018.

[3] H. Bungert, „Deutsche "Forty-Eighters" in den USA,“ 10 02 2023. [Online]. Available: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/1848-49-2023/518141/deutsche-forty-eighters-in-den-usa/. [Zugriff am 12 04 2026].

[4] I. Glazier und W. Filby, „Germans to America: Lists of Passengers Arriving at US Ports 1850-1897,“ 2025. [Online]. Available: https://www.germanroots.com/gtoa.html. [Zugriff am 12 04 2026].



[1] Die Schweiz war neben San Marino eine der wenigen Republiken Europas in den 1840er Jahren. Doch sie geriet bald unter finanziellen und diplomatischen Druck – Frankreich und die deutschen Staaten verlangten die Ausweisung der Flüchtlinge. Das Schweizer Parlament leitete dies 1849 in die Wege. Nach Verhandlungen mit Frankreich geleiteten Schweizer Gesandte die Flüchtlinge zu den Atlantikhäfen, von wo sie in die USA aufbrechen konnten.

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