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Die Ankunftsstadt als Motor von Migration und Urbanisierung

  • Autorenbild: Simon Kiwek
    Simon Kiwek
  • 16. Mai
  • 19 Min. Lesezeit

Von der Bastille zur Banlieu: Verweigert Europas Sozialstaat Migranten die Verwandlung in den Stadtbürger?

(Bildquelle: BalkansCat/shutterstock, 2026)
(Bildquelle: BalkansCat/shutterstock, 2026)

Während die internationale Migration große Aufmerksamkeit erfährt, findet die größte Wanderbewegung der Menschheit eher im Schatten statt. Zwei bis drei Milliarden Menschen waren historisch daran beteiligt – heute sind es Hunderte Millionen, vor allem im globalen Süden.

Doch auch der Westen kann sich diesen Bewegungen kaum entziehen. Je dichter sich die Menschen in beengten Straßen drängten, desto explosiver wurde die Mischung.

Dieser Text basiert zum Großteil auf Doug Saunders' Buch „Arrival City: How The Largest Migration in History Is Reshaping Our World“.[1]

Die Geburt der Stadt

Menschen zogen vom Land in die Stadt – das war schon lange Bestandteil des menschlichen Lebens. Bereits 3.000 vor Christus entstanden die ersten urbanen Siedlungen am Persischen Golf, von wo sich dieses Konzept nach Asien und Europa ausbreitete.

Diese Ansiedlung blieb jedoch meist temporär. Bei hoher Bevölkerungsdichte breiteten sich Pocken, Masern und Mumps aus und rafften die Menschen dahin, bevor sie sesshaft werden und Familien gründen konnten. Dazu kamen Plünderungen und Krieg. Die damaligen Städte glichen Schwämmen, die die ländliche Bevölkerung aufsaugten, aber nur für wenige Jahre hielten.

Die Zahl jener, die permanent blieben, stieg nur langsam – bis 1750 betrug die Wachstumsrate der Stadtbevölkerung lediglich 0,2 Prozent pro Jahr. In so gut wie jeder Stadt überstiegen die Todesraten die Geburtenzahlen, und nur der Zuzug vom Land hielt die Bevölkerungszahl stabil. London, die größte Stadt jener Zeit, brauchte rund 6.000 Zuwanderer pro Jahr, um seine Bevölkerung von 600.000 Menschen aufrechtzuerhalten.

Nach langen Jahrhunderten, mit wachsendem Handel und globaler Kommunikation, entwickelte die Menschheit gemeinsame Immunität gegen viele Krankheiten. Zusammen mit Sanitäranlagen, Medikamenten und einer besseren Ernährung – die kalorienreiche Kartoffel zog aus Amerika ein – begann die Bevölkerung zu wachsen. Gegen 1790 überstiegen in London erstmals die Taufen die Begräbnisse. Von Europa bis China wuchs die Bevölkerung explosionsartig.

Not gebiert den Stadtbürger

Lange waren Städte zum größten Teil auf Saisonarbeiter ausgelegt: Bauern und Landarbeiter, die im Winter als Kutscher oder Schornsteinfeger in die Städte kamen. So entwickelten sich gefestigte Beziehungen zwischen Stadt und Land.

Im 18. Jahrhundert war Frankreich das bevölkerungsreichste Land Europas und Paris die pulsierende Metropole schlechthin. Nach einer Hungersnot wuchs seine Bevölkerung innerhalb eines Jahres von 524.000 auf 700.000 Menschen. Doch auch dort fanden die Neuankömmlinge nicht genug Auskommen.

Der Bauboom in den Stadtvierteln, wo die Landbevölkerung auf der Suche nach Arbeit Fuß zu fassen versuchte – den faubourgs – war zu seinem Ende gekommen. Die Brotpreise lagen hoch: Pariser Arbeiter gaben 50 bis 60 Prozent ihres Einkommens für Brot aus – in London war es gerade einmal ein Drittel.

Am 14. Juli 1789 entlud sich der Zorn in den dichtgepackten Slums. Dort, wo Hinrichtungen stattfanden und migrantische Tagelöhner Arbeit suchten, stürmten sie plündernd und brandschatzend die Bastille – einer der denkwürdigsten Momente der Französischen Revolution.

400 der 635 dabei von der Polizei festgenommenen Kämpfer waren Zugezogene vom Land – sans-culottes, viele von ihnen arbeitslos. Als Folge schaffte Frankreich als erstes Land Europas den Feudalismus ab.

Doch die nachfolgende Herrschaft der Jakobiner tat alles, die Dorfbewohner auf dem Land zu halten, wo sie weiter verarmten. Während anderswo in Europa – etwa in Skandinavien oder Deutschland – die hochintensive Landwirtschaft Einzug hielt, lohnte sich in Frankreich die Weiterentwicklung für den einzelnen Bauern nicht. So konnte das Land Paris nicht mit genug Nahrung versorgen. Aufstände hielten Frankreich bis zur nächsten Revolution 1848 im Aufruhr.

Abbildung 1 Was als Hunger der Zugezogenen begann, endete im Blut der Revolution: der Sturm auf das Hôtel de Ville, 1794 – wenige Jahre nach dem Bastillesturm derselben sans-culottes. (Bildquelle: Pierre Gabriel Berthault, 1804)
Abbildung 1 Was als Hunger der Zugezogenen begann, endete im Blut der Revolution: der Sturm auf das Hôtel de Ville, 1794 – wenige Jahre nach dem Bastillesturm derselben sans-culottes. (Bildquelle: Pierre Gabriel Berthault, 1804)

Die Stadt verändert Europas Antlitz

Trotzdem blieben mehr als 90 Prozent der Europäer bis ins 19. Jahrhundert Landbewohner. Erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, als das Land knapp wurde und die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren konnte, setzte die große Migration ein – getrieben von denselben Kräften wie die Migration der Deutschen nach Amerika: einer verschwindenden Lebensgrundlage, übervölkerten Dörfern und Land, das die Menschen nicht mehr ernähren konnte. Millionen Entwurzelte strömten in Städte – auf beiden Seiten des Atlantiks.

Ländliche Armut wich urbaner Armut. Während der Kartoffelfäule 1845 bis 1849 verließ ein Viertel der Iren das Land und bevölkerte einen Großteil der Einwandererviertel von Manchester, Bradford, London, New York, Chicago und Toronto. Ihr Zustrom auf den Arbeitsmarkt drückte die Löhne unter das Existenzminimum.

Englands freie Märkte schafften es dennoch rasch, Herr der Lage zu werden – am Vorabend des Ersten Weltkrieges lagen die Löhne dort um ein Viertel höher als in Frankreich. Da der britischen Landbevölkerung dieser Preisschock beim Umzug in die Stadt weitgehend erspart blieb, blieben dort auch Unruhen und Revolten aus.

Frankreichs revolutionäre Stadt

1870 hatten Reblausbefall Frankreichs Weinberge zerstört. Viele Familien schickten daraufhin ihre Töchter in die Städte, damit diese Geld nach Hause überweisen und die Höfe unterstützen konnten.

Frauen fassten schneller Fuß – vor allem in den Dienstleistungsbranchen bürgerlicher Haushalte, die sich zu ihrem Eingangstor in die städtische Gesellschaft entwickelten. Alle – Frauen, Männer und Kinder – arbeiteten in Fabriken, Nähereien und Webereien für geringen Lohn – ein Muster, dass sich heute in Shenzhen, Dhaka oder Addis Abeba wiederholt.

In Paris drängten sich Hunderttausende im überlasteten Stadtzentrum – auf der Suche nach Einkommen, um Geld zur Familie nach Hause zu schicken, und nach einem Platz zum Schlafen. In dunklen Straßen, die die alteingesessenen Pariser mieden: Schmutz, Fäkalien, Ratten, Läuse, Krankheit, Verkommenheit, Prostitution und Mord.

Die etablierte Stadtklasse wohnte in den unteren Stockwerken – zumindest solange es keine Aufzüge gab –, die ärmlichen Neuankömmlinge vom Dorf in den oberen Etagen. Ein Babel der Sprachen hallte durch die Treppenhäuser – denn damals sprachen in Frankreich gerade einmal 40 Prozent der Bevölkerung Französisch. Viele der Zugezogenen entfremdeten sich in der Stadt von ihrer Herkunft – auch von der Sprache, die sie auf dem Dorf gesprochen hatten.

Londons Ankunftsstädte transformieren den Dorfbewohner

Auch in England saugten die Städte fast die gesamte Landbevölkerung auf. Entlang der Einfallsstraßen entstanden Elendsviertel: offene Feuerstellen, smogverhangene Himmel, dichte Besiedelung, Kinderarbeit. In diesen Straßen trieb Jack the Ripper 1888 sein Unwesen. Der Great Stink – als an einem besonders warmen Tag, an dem der Gestank ungefilterter menschlicher und industrieller Abwässer wie eine Glocke über der Stadt hing.

Doch die verzweifelten Armen dieser Viertel waren meist keine ländlichen Migranten. Statistiken zeigen, dass dort die höchste Zahl an geborenen Londonern lebte.

Zugewanderte zog es an die Ränder Londons – in Vorortgürtel, die zwischen 1840 und 1880 entstanden waren. Immobilienspekulanten hatten sie für eine wachsende Londoner Mittelschicht gebaut – doch diese blieb aus. Die Spekulanten hatten auf steigende Preise gesetzt; nun platzte die Blase.

Stattdessen siedelten sich Migranten dort an – Bauern, Handwerker, Landarbeiter, die Netzwerke und soziale Gemeinschaften aufbauten. Hier verdienten sie ein Vielfaches dessen, was ihnen auf dem Land möglich gewesen wäre. Zum Beispiel: die langen Häuserreihen rund um die Paddington Station – 1881 eines der wenigen Viertel mit einer Migrantenmehrheit, wo aufstrebende jüdische und griechische Communities Fuß fassten.

Ähnlich erging es den Iren in St. Giles und Whitechapel – bevor der Zuzug nach der Kartoffelfäule ihre Viertel in Elendsstätten verwandelte. Viele fanden jedoch schnell Halt und wurden zu einem fest integrierten Teil Londons.

Im Zuge der bis dahin größten Urbanisierungswelle des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wuchs London zur größten Stadt der Welt. 40 Prozent der Einwohner stammten von außerhalb – und die größte Gruppe waren Frauen: mit 1.312 auf 1.000 Männer deutlich in der Überzahl.

Elend oder soziale Mobilität?

Anders als Frankreichs revolutionäre Migrantenviertel bedeutete Englands Urbanisierung für Neuankömmlinge einen Sprung im Wohlstand – allerdings mit einem hohen Risiko: Kriminalität lauerte überall.

Das verleitete Publizisten jener Zeit dazu, die Einwandererghettos der Metropolen als Endstation für verlorene Seelen zu beschreiben und ihre Stadtteile als gescheiterte Gemeinden. Doch die meisten historischen Dokumente belegen etwas anderes: Trotz harter Existenzkämpfe waren die meisten Migranten keine passiven Opfer. Ihre Viertel funktionierten als kollektives Instrument – ein Hebel, mit dem sie gemeinsam ihren Lebensstandard verbesserten und der ländlichen Armut entkamen.

Die Löhne reichten nämlich oft aus – für die eigenen Ausgaben, für Rücküberweisungen in die Heimat und für eigene Ersparnisse. Schritt für Schritt arbeiteten sie sich nach oben: erst eigene Utensilien, dann ein eigenes Zimmer statt eines modrigen Betts im Arbeiterquartier, irgendwann eigene vier Wände.

Damit stieg soziale Mobilität in der Stadt in allen Dimensionen. Die Menschen nutzten die Chancen – etwa ein Viertel bis ein Drittel der Fach- und Führungskräfte stammte aus den unteren Klassen. Ab 1848 boten Städte damit mehr Aufstiegschancen als heute.

Das ging zweifellos Hand in Hand mit besserer Bildung, Beschränkungen der Kinderarbeit, besserer Hygiene, Wohnbaumaßnahmen und ersten Formen sozialer Absicherung. Zusammen verwandelten sie die Migrantenviertel in einen rasanten Motor für Fortschritt und Wachstum.

Die Ankunftsstadt verstehen

Einwandererviertel wandeln sich von einer Sackgasse in einen Notausgang. Doug Saunders [1] nennt diese Stadtteile in seinem Buch die „Ankunftsstadt". Sie funktionieren wie eine Membran: Ungelernte ländliche Neuankömmlinge strömen hinein – ohne soziales Kapital, ohne Kontakte, ohne Wissen über die Mechanismen der Stadt. Die Ankunftsstadt formt sie und entlässt sie als Angehörige einer urbanen Mittelschicht.

Die Ankunftsstadt am Rand der großen Städte ist ein Ort der Transformation – bevölkert vor allem von Migranten. Sie hält die Verbindung zum Heimatdorf aufrecht: Rücküberweisungen, Knowhow und Sozialkapital fließen in die ländliche Heimat zurück, während neue Migrationswellen durch ihr Netzwerk in die Stadt geleitet werden.

Zugleich verflicht sie sich immer enger mit der etablierten Metropolregion – öffnet den Zugang zu Arbeitsmärkten, Wohneigentum, Netzwerken für Kleinunternehmer und schließlich zur politischen und sozialen Teilhabe.

Von außen betrachtet wirkt sie wie eine Ansammlung von Müll, rohen Betonbauten, Wellblechhütten und Elend. Doch das täuscht. Dahinter verbirgt sich ein dichtes Ökosystem winziger Fabriken, Werkstätten und Dienstleistungsbetrieben. Trotz Enge und Schmutz ist sie für den Dorfbewohner weit attraktiver als Hunger und Monotonie des Heimatdorfes.

Ankunftsstädte als soziale Leiter

Ankunftsstädte schaffen eine soziale Leiter für Neuankömmlinge – eine Zwischenstation, die man durchlaufen muss, um weiterzukommen. Sie bieten vier wichtige Funktionen:

  • Günstiger Wohnraum – nicht selten informell oder selbstgezimmert

  • Erste Schritte in den Arbeitsmarkt – als Mikro-Unternehmen oder in informellen Jobs

  • Soziale Netzwerke, die die erweiterte Familie des Dorfes ersetzen und Neuankömmlinge mit Jobs, Krediten und Informationen versorgen

  • Ein Pfad zu Ersparnissen, die als Sprungbrett in die Stadt dienen

Wer bleibt, tut das aus freier Entscheidung und verwandelt die Nachbarschaft in eine gefestigte Gemeinschaft.

Funktioniert die Ankunftsstadt, wird sie zum Motor der Transformation – vom Dorfbewohner zum Stadtbürger. Sie erzeugt eine neue Mittelschicht, Steuereinnahmen, kulturelle und soziale Innovation sowie demografische Erneuerung.

Stockt der Motor, sind die Kosten des Scheiterns umso fataler: Revolutionen, Unruhen, Radikalisierung, organisierte Kriminalität und verlorene Generationen.

Die Pyramiden von Paris

 Ausgerechnet Europas Sozialstaaten begannen, Sand in dieses Getriebe zu streuen. Les Pyramides ist ein Produkt eines der größten Architekturwettbewerbe der 1960er Jahre – eine Stunde südlich von Paris, entstanden hier einige der utopischsten staatlich geplanten Wohnanlagen aller Zeiten.

Gedacht waren sie für die wachsende französische Mittelschicht, die zusammengepfercht im Pariser Stadtzentrum lebte. Grünflächen, Terrassengärten und die Pyramidenform sollten Privatsphäre wie im Einfamilienhaus schaffen.

Doch die tatsächliche Demographie entwickelte sich völlig gegensätzlich: Von Beginn an wurden die Vorstädte zum wichtigsten Aufnahmeort für Einwanderer aus dem ländlichen Marokko, Algerien, Mali, Senegal, Indien, Sri Lanka, der Türkei, China und vielen anderen Ländern. Sie alle hofften, sich von dort aus den Weg in die französische Stadtgesellschaft erarbeiten zu können.

In Les Pyramides Fuß zu fassen fiel schwer. Manches mag mit Rassismus zusammenhängen – vor allem aber ist es die physische Infrastruktur selbst, die wie eine Bannmeile fungiert: eine Banlieue im wörtlichen Sinne.

Keine Willkommensparty für die Neuen

Die Anlage bot kaum Flächen für kleine Läden, sie hatten keine Zentren, die als Märkte fungieren konnten – nichts, worauf Einwanderer hätten aufbauen können. Jeder Versuch, ein kleines Unternehmen zu gründen, scheiterte an der französischen Bürokratie: Lizenzen und Kredite waren kaum zu bekommen.

Auch die Hochhaus-Komplexe selbst taugten nicht als Transitionsraum. Die Bevölkerungsdichte war zu gering – am besten funktionieren dafür zwei- bis fünfstöckige Gebäude mit direktem Straßenzugang und Läden im Erdgeschoss, die das Viertel zusammenhalten.

Die Abschottung der Viertel verhinderte, dass Neuankömmlinge Anschluss an die Metropolregion und Integration in deren Arbeitsmärkte fanden. Scouts fehlten – erfahrene Vorankömmlinge, die den Weg bereits geebnet hatten und als Anker hätten dienen können.

Dazu ließ die Struktur des Sozialstaats kaum Raum, eigene Ersparnisse zu bilden – für Investitionen in sich selbst, in die Kinder oder in Eigentum. Der Sprung aus der subventionierten Wohnung in ein teureres Viertel blieb damit für die meisten unerreichbar.

Auch in den großen Betonblöcken der Sozialbauten existiert eine informelle Wirtschaft – das zu leugnen wäre übertrieben. Der Berliner Rapper Sido beschreibt in seiner Single „Mein Block" (2004) seinen 16-stöckigen Plattenbau im Märkischen Viertel als ein durchaus dynamisches wirtschaftliches Ökosystem: Prostitution, Pornographie, Fetischismus, Drogenhandel, Falschgeld. Die einzigen Geschäftsfelder, die genug Profit abwarfen. (Bildquelle: Screenshot aus Sido, „Mein Block", Aggro.TV Berlin, 2004)
Auch in den großen Betonblöcken der Sozialbauten existiert eine informelle Wirtschaft – das zu leugnen wäre übertrieben. Der Berliner Rapper Sido beschreibt in seiner Single „Mein Block" (2004) seinen 16-stöckigen Plattenbau im Märkischen Viertel als ein durchaus dynamisches wirtschaftliches Ökosystem: Prostitution, Pornographie, Fetischismus, Drogenhandel, Falschgeld. Die einzigen Geschäftsfelder, die genug Profit abwarfen. (Bildquelle: Screenshot aus Sido, „Mein Block", Aggro.TV Berlin, 2004)

Das Leben in der Transformation

Der Großteil der Bewohner von Les Pyramides arbeitet weit entfernt – nachts als Schichtarbeiter oder Reinigungskräfte. Mit schlechten öffentlichen Verkehrsmitteln pendeln sie weite Strecken in die Industrieviertel am anderen Ende von Paris. Ihre Kinder sehen sie selten. Statt als Gemeinschaft zusammenzuwachsen, zerfällt die Gesellschaft in Les Pyramides.

Ein Viertel der Eltern sind alleinerziehende Mütter. Wo im Heimatdorf eine erweiterte Familie geholfen hätte, wächst hier eine weitgehend elternlose Generation heran – dem Dorfleben entwachsen, von der Stadt ausgeschlossen.

Einstiegsjobs – die schließlich ein Leben lang das berufliche Vorankommen bestimmen – sind schlicht nicht verfügbar. Einen Lebenslauf einzuschicken reicht eben nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Stattdessen stehen Gruppen jugendlicher Männer ohne Beschäftigung in den längst verwahrlosten Pyramiden herum – Regenschäden, aufgerissener Asphalt. Sie warten, rauchen Haschisch, machen Dummheiten bis ihre Eltern spätnachts von der Arbeit zurückkommen.

Gefangen in der Zwischenphase

Den Einwanderern gelingt es zwar, ihrer ländlichen Subsistenzarmut zu entkommen und mit rudimentären Jobs ihre Heimatdörfer per Rücküberweisungen zu unterstützen – doch dann stockt das Getriebe. Ihre Kinder sitzen in der Falle: dem Dorf entwachsen, von der Stadt durch eine unsichtbare Bannmeile getrennt – ohne Vor und Zurück.

„Wir kommen aus einem kleinen Dorf namens Marena, mitten im Nirgendwo, und es fühlt sich so an, als könnten wir dieses Dorf auch hier in Frankreich nicht verlassen. Ich kann hier nicht genug verdienen, wie ein Franzose. Wir sind keine Afrikaner - aber auch keine Franzosen,“

So beschreibt es ein junger Malier gegenüber Saunders. Die ganze Familie verdiene in Frankreich nicht genug – weniger, als die Familie einst im Dorf erwirtschaftet hatte, bevor eine Dürre es unfruchtbar machte.

Seine Mutter hatte ihn und seine Geschwister in der Hoffnung dorthin gebracht, dort an ihre Identität anzuknüpfen. Doch sie stecken fest: der Ankunftsphase entwachsen, ohne Möglichkeit, in der französischen Gesellschaft anzukommen. Sowohl das Dorf im malischen Sahel als auch die Metropole Paris sind für die Kinder unerreichbare, surreale Punkte.

Nur wenige Tage nach diesem Gespräch beteiligte sich der junge Malier an den Unruhen von 2005.

Frankreichs revolutionäre Tradition

Die Wut bricht sich immer wieder kollektiv Bahn – Barrikaden brennen, fast jede Nacht liefern sich Jugendliche Scharmützel mit der Einsatzpolizei, Rauch zieht durch die Banlieues. Dabei sind viele von ihnen längst Franzosen – bei den Aufständen 2005 hielten viele den Polizisten ihren französischen Personalausweis entgegen: Ein Kampf Franzose gegen Franzose.

Sie sind in Frankreich geboren, dort aufgewachsen und sprechen Französisch. Es handelt sich nicht um Migranten-Ghettos – dazu sind diese Viertel zu durchmischt. Sie sind demografische Mosaike – mit einem gravierenden Mangel an gemeinschaftlicher Kohärenz und einigender Kultur.

Obwohl ein Großteil Muslime sind, geht kaum jemand regelmäßig in die Moschee – sie sind ähnlich säkular wie ihre weißen Altersgenossen. Auf dem Papier teilen sie sogar ähnliche zivilisatorische Werte: Integration, Teilhabe, Liberalismus. Ihre Wünsche und Forderungen sind fundamental sozialer Natur – nicht Diversität, sondern Gleichbehandlung beim Zugang zu Bildung, Wohnraum und Beschäftigung – als Staatsbürger.

In der Praxis verwehrt ihnen die Banlieue-Kultur genau das. Die Unterschiede zur französischen Mehrheitsgesellschaftversperren ihnen den Weg zu höherer Bildung und besseren Jobs. Selbst Afrikaner, die in Städten ihrer Heimatländer aufgewachsen sind, blicken auf die Nachkommen der Dorfbewohner herab – in Dakar oder Tunis wäre ein solch verfestigtes Zwischenstadium undenkbar. Wer es in die Stadt geschafft hatte, hatte es auch im Leben geschafft.

Zudem waren die Bewohner selbst oft die Leidtragenden der Randale – ihr bescheidenes Eigentum wurde zerstört. 2005 brannten dort rund 10.000 Autos. Für die Aufständischen galten sie als Symbole von Mobilität und Erfolg – ihre Zerstörung zerstörte auch das letzte Gemeinschaftsgefühl.

Abbildung 2: Vom Reißbrett direkt in die Sackgasse: Les Pyramides, eine Stunde südlich von Paris, war gebaut für Menschen, die schon angekommen waren – bewohnt von Migranten, die noch unterwegs sind. (Bildquelle: r/europe, Reddit, 2018)
Abbildung 2: Vom Reißbrett direkt in die Sackgasse: Les Pyramides, eine Stunde südlich von Paris, war gebaut für Menschen, die schon angekommen waren – bewohnt von Migranten, die noch unterwegs sind. (Bildquelle: r/europe, Reddit, 2018)

Ankommen in einer Reißbrett-Stadt

Viertel wie Les Pyramides sollten eigentlich frühere Fehler korrigieren – jene großen Betonriegel mit weiten, leeren Flächen dazwischen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Hunderttausende aus den Kolonien nach Frankreich – viele hatten für ihr Hegemonialland gekämpft. Da Frankreich sie in Männerunterkünfte pferchte und eine permanente Niederlassung verhindern wollte, bauten sie sich ihre eigenen Ankunftsstädte, die ihren Bedürfnissen besser genügten.

Diese sogenannten bidonvilles glichen jenen in heutigen Entwicklungsländern: Wellblechhütten und Bretter, zusammengehalten von rostigen Nägeln. Bis 1965 lebten rund 225.000 Menschen in solchen illegalen Siedlungen auf ungenutzten Flächen französischer Großstädte.

Ab 1956 errichtete der französische Staat bis zu 300.000 neue Wohnungen pro Jahr – um dem Geburtenhoch der Boomer-Generation gerecht zu werden und die Bewohner der bidonvilles unterzubringen. In Les Pyramides entstanden großzügige Apartments: ordentlich, kostengünstig, mit eigenem Badezimmer. Entworfen für eine innerstädtische Industriearbeiterschaft – die jedoch mit der Industrie fortzog.

Stattdessen kamen ländliche Migranten – Menschen, an deren Bedürfnisse beim Entwurf niemand gedacht hatte. Die Wohnungen waren nicht für eine Transitionsphase konzipiert, sondern für Menschen, die bleiben – ohne Raum zum Experimentieren, ohne Möglichkeit, organische Nachbarschaften aufzubauen, eingefroren in Isolation. Der Aufstieg in die nächste Lebensphase war damit von Anfang an verbaut.

Die Bannmeile verdrängt die Membran

Der französische Sozialstaat fror die lebhafte Transitionskultur der Ankunftsstadt ein – jenen Prozess, der Dorfbewohner Schritt für Schritt in Stadtbürger verwandelt – und blockierte ihre Integration in die lokale Wirtschaft.

Von oben herab bestimmt der Staat alles: wie man lebt, wie man Einkommen erwirtschaftet, welche Kontakte man pflegt. Wer eigene Wege geht, wird von den Behörden bestraft. Dabei ist genau diese Informalität – die Selbstorganisation, das produktive Chaos der funktionierenden Ankunftsstadt – die erste und wichtigste Anlaufstation für Migranten. Beamte pressen sie in bürokratische Formen – und erstickt damit die informellen Netzwerke, bevor sie entstehen können.

So zerstörte die Banlieue-Struktur die Membranfunktion der Ankunftsstadt – jene Durchlässigkeit, die den unternehmerisch getriebenen Aufstieg in die urbane Mittelschicht erst ermöglicht. Steuern, Bürokratie und Regulierung nehmen Migranten die Möglichkeit, Kleingewerbe zu betreiben.

Hohe Lohnnebenkosten machen es für Betriebe unattraktiv, ihnen formelle Jobs anzubieten – und wenn doch, sind die Löhne so niedrig, dass sie kaum einen Unterschied zur staatlichen Subvention machen. Die periphere Lage isoliert die Bewohner zusätzlich, während zugleich die Verbindungen in die Heimat abreißen.

Europas Wohlfahrtsstaat als Armutsfalle

Damit brachen die europäischen Wohlfahrtsstaaten die untersten Sprossen aus der Leiter heraus, die Migranten den Aufstieg ermöglicht hätten. Mit formalisiertem Sozialbau wurde die Ankunftsstadt zur Sackgasse – und über Generationen finden die dort Gefangenen bis heute keinen Weg heraus.

Die Muster wiederholten sich auch anderswo. In London verlor die Ankunftsstadt ihre Dynamik, als Philanthropen und der Staat Sozialwohnungen errichteten – gebaut an den Bedürfnissen der Neuankömmlinge vorbei und Grundstein der rigiden englischen Klassengesellschaft.

Ähnliches geschah in Rio de Janeiro: Als die Verwaltung informelle Slum-Bewohner in neue Hochhaus-Apartments umsiedelte, vermieteten diese kurzerhand ihre Wohnungen an Mittelklassefamilien weiter – und zogen zurück in ihre Favelas, die ihnen im Gegensatz zu den Plattenbauten ein funktionierendes wirtschaftliches Ökosystem boten.

Die Armut dort empfanden sie als Übergangszustand. In den Sozialwohnungen hingegen reproduzierte sie sich mit jeder Generation neu. Die Blocks verwandelten sich in Brennpunktviertel mit baulichem und sozialem Sanierungsbedarf, Kriminalität und Perspektivlosigkeit.

Abbildung 3: Die zahlreichen Satellitenschüsseln erzählen eine Geschichte: Die Bewohner – vor allem Marokkaner und Türken – halten über Fernsehen den Kontakt zur Heimat, während sie kaum Verbindungen zur niederländischen Gesellschaft aufbauen. In den Schulen dieser Viertel sehen viele Kinder mit Wurzeln im Maghreb oder der Türkei wenig Anlass, Niederländisch zu lernen. Viele, längst niederländische Staatsbürger, verlassen die Schule ohne Abschluss, das Niveau sinkt – Einheimische ziehen weg. Die Wohnblöcke werden zu urbanen Inseln – eine „Dish City“.Niederländer tun diese Zustände oft als importierte Dorfkulturen ab. Doch die dort entstandenen Subkulturen wirken selbst auf Neuankömmlinge aus Marokko abschreckend. Wer weder Teil einer städtischen noch einer dörflichen Kultur ist, schafft sich eine eigene – eine Hybridkultur von Menschen, die in einer Transformationsphase gefangen bleibt. In vielen Fällen führen diese Widersprüche in die Radikalisierung – etwa in Richtung des Islamismus. Andere schließen sich kriminellen Vereinigungen an und terrorisieren Nachbarschaft, Schulen und lokales Kleingewerbe. Die niederländischen Kommunen reagierten mit ehrgeizigen Umgestaltungsprojekten – und das betraf nicht nur Einwandererviertel: Auch viele vom Reißbrett geplante Stadtviertel für Einheimische wurden grundlegend umgebaut. Verdichtung, Strukturen für organisches Wachstum, Räume für soziales Leben, Sicherheit und Kleinunternehmertum. Solche baulichen Eingriffe entscheiden darüber, ob ein Viertel eine aufstrebende Mittelschicht hervorbringt, die sich selbst organisiert – oder einen zornigen Mob von Ausgegrenzten. (Bildquelle: R. de Brujin_Photopgraphy/shutterstock, 2018)
Abbildung 3: Die zahlreichen Satellitenschüsseln erzählen eine Geschichte: Die Bewohner – vor allem Marokkaner und Türken – halten über Fernsehen den Kontakt zur Heimat, während sie kaum Verbindungen zur niederländischen Gesellschaft aufbauen. In den Schulen dieser Viertel sehen viele Kinder mit Wurzeln im Maghreb oder der Türkei wenig Anlass, Niederländisch zu lernen. Viele, längst niederländische Staatsbürger, verlassen die Schule ohne Abschluss, das Niveau sinkt – Einheimische ziehen weg. Die Wohnblöcke werden zu urbanen Inseln – eine „Dish City“.Niederländer tun diese Zustände oft als importierte Dorfkulturen ab. Doch die dort entstandenen Subkulturen wirken selbst auf Neuankömmlinge aus Marokko abschreckend. Wer weder Teil einer städtischen noch einer dörflichen Kultur ist, schafft sich eine eigene – eine Hybridkultur von Menschen, die in einer Transformationsphase gefangen bleibt. In vielen Fällen führen diese Widersprüche in die Radikalisierung – etwa in Richtung des Islamismus. Andere schließen sich kriminellen Vereinigungen an und terrorisieren Nachbarschaft, Schulen und lokales Kleingewerbe. Die niederländischen Kommunen reagierten mit ehrgeizigen Umgestaltungsprojekten – und das betraf nicht nur Einwandererviertel: Auch viele vom Reißbrett geplante Stadtviertel für Einheimische wurden grundlegend umgebaut. Verdichtung, Strukturen für organisches Wachstum, Räume für soziales Leben, Sicherheit und Kleinunternehmertum. Solche baulichen Eingriffe entscheiden darüber, ob ein Viertel eine aufstrebende Mittelschicht hervorbringt, die sich selbst organisiert – oder einen zornigen Mob von Ausgegrenzten. (Bildquelle: R. de Brujin_Photopgraphy/shutterstock, 2018)

Die Geschichte zweier Städte

Die Einwanderer der Vororte von Ankara und Istanbul stammen aus denselben Dörfern wie jene von Berlin-Kreuzberg. Sie waren getrieben von derselben Motivation, denselben Wünschen – und doch formten die unterschiedlichen Ankunftsstädte nach mehreren Generationen zwei völlig verschiedene Gesellschaften.

Ein Türke, den es nach Berlin verschlug, traf auf völlig andere sozioökonomische Bedingungen als in Ankara oder Istanbul. Die Migrationserfahrung ließ ihre Lebenswege fundamental auseinanderlaufen: Türkische Frauen in türkischen Städten sind heute besser ausgebildet, haben häufiger einen Job und stehen in viel stärkerem Austausch mit ihrer Gesellschaft.

Deutschlands Nachbarschaften führten auf andere Pfade: Die Frauen blieben weit häufiger an den Haushalt gebunden. Manche türkischen Communities entwickelten sich zu grotesken Karikaturen des Lebens in den türkischen Heimatdörfern – Dorfbilder, die es in der Türkei selbst längst nicht mehr gab.

Das prägte die deutsche Öffentlichkeit gegen die türkische Kultur – und gegen die Annäherung der Türkei an die EU. Was dabei übersehen wird: Türkische Frauen, die heute nach Europa ziehen, sind selbst schockiert vom rückständigen Bild, das türkische Gemeinden in Deutschland bieten. Diese Communities hinken Istanbul um gut eine Generation hinterher.

Ein türkisches Leben in Deutschland

Die türkischen Einwanderer der 1960er Jahre sollten nach einer kurzen, unbestimmten Zeit wieder heimkehren. Dieses Arrangement schien zunächst beiderseits gewollt. Die türkischen Männer planten, nach vier bis sechs Jahren zurückzukehren und dort Eigentum zu erwerben. Entsprechend abgeschottet verlief ihr Alltag: Sie kamen auf getrennten Bahn-Terminals in München an.

Das Arbeiterleben begann in Baracken auf Fabrikgeländen – etwa der Automobilindustrie im Rheinland oder in dem von der Außenwelt abgeschnittenen Westberlin, wo man dem Arbeitskräftemangel begegnen wollte. Doch die Unternehmen merkten schnell: Sie mussten die Arbeiter monatelang einarbeiten und ihnen zumindest rudimentäres Deutsch beibringen. Isoliert von ihren Familien, waren die Männer zudem weniger produktiv.

Zugleich wurde den türkischen Männern klar, dass die Rückkehr gar nicht so einfach war – ihre Dörfer blieben auf ihre Rücküberweisungen angewiesen. Wie so oft bei Pionieren wurden sie als wirtschaftliche und soziale Wegbereiter für nachkommende Einwandererwellen aus ihren Heimatdörfern gebraucht. Auch entstanden erste Beziehungen in Deutschland.

Abbildung 4: Türkische Gastarbeiter warten in einem eigens für ihre Abfertigung errichteten Zelt auf dem Düsseldorfer Flughafen auf ihre Einreise (Bildquelle: Bundestag Webarchiv, 1970)
Abbildung 4: Türkische Gastarbeiter warten in einem eigens für ihre Abfertigung errichteten Zelt auf dem Düsseldorfer Flughafen auf ihre Einreise (Bildquelle: Bundestag Webarchiv, 1970)

Nur auf der Durchreise

Bald versuchten alle Beteiligten, das System zu umgehen und die Arbeiter regulär anzusiedeln. Die deutsche Politik tat alles, um die Türken davon abzuhalten – ohne echte Ankunft, während ihre Möglichkeiten in der Heimat immer mehr schwanden. 1974 versuchte Deutschland, die Einwanderung grundsätzlich zu beenden. Zu diesem Zeitpunkt lebten bereits 910.500 Türken im Land.

Die Hälfte blieb und bildete die ersten Ankunftsstädte. Die deutsche Gesellschaft unternahm nichts, sie beim Übergang in das städtische Leben zu begleiten. Allen war stillschweigend klar, dass die Türken bleiben würden – doch alle handelten so, als würde man ohnehin bald wieder voneinander Abschied nehmen. Das schuf Hürden, die oft unsichtbarer waren als Frankreichs physische Banlieue-Barrieren – aber genauso fatal.

Da sie von der deutschen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen waren, blieb ihnen Unternehmertum nach deutschem Recht lange verwehrt. Die deutsche Bürokratie erschwerte es ihnen, ihren Unternehmergeist über Döner- und Gemüseläden und Barbershops hinaus zu entfalten.

Das soziale Leben wird zuerst konservativ…

Die Türken legten ihrerseits ihre ländliche Mentalität nie ab – und investierten kaum, Deutsch zu lernen. Ohne Hoffnung auf Partnersuche in der neuen Heimat richteten viele türkische Männer ihre Heiratspläne bis heute auf die ländlichen Regionen der Türkei aus.

Die Frauen, die solche Ehen eingingen, stammten häufig aus den konservativsten Familien – ihre Mentalität war am wenigsten darauf vorbereitet, mit dem Landleben zu brechen. Über 30 Jahre der „Nicht-Immigration" kamen eine weitere Million Türken über die Familienzusammenführung nach Deutschland – hier brachten sie Kinder ohne Staatsbürgerschaft zur Welt. Der Teufelskreis drehte sich weiter. Zur Jahrtausendwende waren von den 2,6 Millionen in Deutschland lebenden Türken nur ein Drittel als Arbeiter gekommen; der Rest waren Ehepartner und Kinder.

Die türkischen Communities in Deutschland vertieften sich in ihre dörflichen Gewohnheiten – und legten so immer weiter vom Zentrum der Gesellschaft ab.

… und endet im Zerfall

Ein deutsches Arbeitsvisum verlieh selbst dem dörflichen Trinker einen hohen sozialen Status. Türkische Frauen kamen häufig über arrangierte Ehen aus ihren ärmlichen Dörfern nach Deutschland. In Berlin-Kreuzberg drängten sich besonders viele Türken: Die Wohnungen in der westdeutschen Enklave waren zwar heruntergekommen – aber billig, geräumig, und die Eigentümer vermieteten an Türken, was keineswegs selbstverständlich war.

Der Kiez beherbergt heute die größte türkische Population außerhalb der Türkei. Doch obwohl Kreuzberg das genaue Gegenteil einer französischen Banlieue war, taugte es ebenfalls nicht zur Transformation in städtisches Leben – dazu waren den Türken zu viele Beschränkungen auferlegt.

Der Status als vorübergehende Arbeitskräfte – als Gastarbeiter – erschwerte den Erwerb von Eigentum. Ein Stempel „Zuzugssperre" im Reisepass untersagte ihnen zudem die Ansiedlung in Gegenden mit starken türkischen Communities wie Kreuzberg. Anderswo konnten sie wegen Diskriminierung aber ebensowenig Fuß fassen.

So florierte in Gegenden wie Kreuzberg die Schattenwirtschaft. Der Gesetzgeber hatte es den Türken faktisch unmöglich gemacht, etwas aufzubauen – entsprechend sahen ihre Stadtteile wie Provisorien aus. Niemand investierte langfristig, wenn man ohnehin nur „zu Besuch" war. Dieser instabile Status nagte an den Menschen und zerrüttete ihre Strukturen.

Der tiefe Fall der türkischen Community

Die Scheidungsraten in Kreuzbergs türkischer Bevölkerung lagen bei rund 80 Prozent. 49 Prozent der Türkinnen in Deutschland berichteten von physischer oder sexualisierter Gewalt durch ihre Ehemänner. Ein Viertel erklärte, den Ehemann vor der Hochzeit nie gesehen zu haben; 17 Prozent berichteten von Zwangsheirat – eine Praxis, die in der Türkei im Verschwinden war und ausgerechnet in Deutschland wieder auflebte.

Alkoholismus und Gewaltkriminalität lagen höher als im Bundesdurchschnitt. 63 Prozent der Kinder türkischer Eltern sprachen bei Schuleintritt kaum Deutsch – die Arbeitslosigkeit erreichte in manchen Gegenden bis zu 50 Prozent.

Viele zogen sich in die Religion zurück: Fast ein Drittel besuchte regelmäßig die Moschee – mehr als in den Städten der Türkei selbst. Man spricht von einer Parallelgesellschaft, in der türkische Traditionen weitergelebt werden – von der Schlachtung von Schafen in der Badewanne bis zu Ehrenmorden.

Die Pfadabhängigkeit wirkt nach

Selbst gutgemeinte Reformen zur Erleichterung der Staatsbürgerschaft brachten wenig Linderung. Sie verlangten acht Jahre legaler Tätigkeit – nachdem man die Türken jahrzehntelang in die Schattenwirtschaft gedrängt hatte. Außerdem forderten sie die Aufgabe der türkischen Staatsbürgerschaft – und damit den Bruch mit Heimatnetzwerken und -institutionen. Erschwerend kommt hinzu: Türkisches Recht verbietet ausländischen Staatsbürgern, Land zu besitzen – sie wären damit faktisch enterbt worden.

2026 hatten von 2,9 Millionen Türken in Deutschland gerade einmal die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft – viele ohne deutschen Pass sind Kinder und Enkelkinder, die ihr Herkunftsland noch nie gesehen haben.

Ankunft in der Istanbuler Nacht

Wer aus demselben Dorf nach Istanbul oder Ankara zog, beschritt völlig andere Erfahrungen. Die türkischen Städte boten Pfade in die Freiheit – Wege, auf denen man aus eigener Kraft in die Mitte der Gesellschaft vorstoßen konnte.

In den 1970er Jahren trafen jede Nacht Busse an Istanbuls Terminals ein. Die Ankömmlinge hatten kein Geld in der Tasche – und handelten sofort: Sie zerstreuten sich in die umliegenden leeren Täler, gruben noch in der Nacht ein Fundament und zogen aus Steinen notdürftig Wände hoch, bevor der Morgen graute. Damit schufen sie vollendete Tatsachen, bevor die Behörden eingreifen konnten. So entstanden die türkischen Ankunftsstädte – die gecekondu (wörtlich: über Nacht errichtet).

In der sich rasant industrialisierenden Türkei fanden sie schnell Arbeit. Unter den Wirtschaftsliberalisierungen von Premierminister Turgut Özal erhielten die Bewohner der gecekondus Eigentumsrechte und Zugang zu Infrastruktur. Das entfesselte eine Welle an Unternehmertum und verwandelte die ehemaligen Schattenexistenzen in eine politische Kraft – die der heute umstrittene, aber unter Auslandstürken einflussreiche Präsident Recep Tayyip Erdoğan für sich zu nutzen wusste. Erdoğan selbst stammt aus einer solchen Migrantenfamilie und surfte 1994 auf dieser Welle ins Istanbuler Bürgermeisteramt.

Die Istanbuler Einwanderer bauten sich eine Existenz auf und verfügen heute über einen generationenlangen Vorsprung an urbanen Investitionen gegenüber den Deutschtürken. Die Stadt ermöglichte ihnen den Aufstieg in die urbane Mittelschicht – und genau das hatten sie von Anfang an im Blick.

Abbildung 5 Panorama-Blick auf Ankaras Gecekondu. Viele von ihnen beherbergen Zuwanderer aus dem Land. (Bildquelle: huseyinturk_photopraph, 2025)
Abbildung 5 Panorama-Blick auf Ankaras Gecekondu. Viele von ihnen beherbergen Zuwanderer aus dem Land. (Bildquelle: huseyinturk_photopraph, 2025)

Lektionen aus gescheiterter Einwanderung

Das deutsche Beispiel ist eine Warnung an alle Länder, die glauben, Lücken am Arbeitsmarkt mit temporären Arbeitskräfteprogrammen schließen zu können. Die Ergebnisse waren überall ähnlich: ob in Österreich, ob türkische oder ex-jugoslawische Gastarbeiter – noch 2025 reden viele davon, in die Heimat zurückzukehren, während sie sich dort nur notdürftig eingerichtet haben.

Selbst in anderen europäischen Ländern – etwa Schweden oder Großbritannien – verlief die Integration türkischer Communities besser, obwohl sie aus denselben anatolischen Dörfern stammten und denselben sozioökonomischen Hintergrund mitbrachten. Ihre Ankunftsbedingungen formten völlig andere Menschen aus ihnen.

  • Saunders destilliert fünf Eigenschaften einer funktionierenden Ankunftsstadt:

  • Sichere Eigentumsrechte für die Bewohner

  • Zugang zu Bildung – besonders für die zweite Generation

  • Legaler Status und ein klarer Pfad zur Staatsbürgerschaft

  • Physische Anbindung an das wirtschaftliche Zentrum der Stadt

  • Toleranz gegenüber der informellen Wirtschaft als Einstiegspunkt ins Unternehmertum

Ein schlechtes Zeugnis für Europa

Insgesamt schneiden die europäischen Migrationsgesellschaften schlechter ab als ihre amerikanischen oder australischen Pendants – trotz, oder gerade wegen, ihrer ausgebauten Sozialstaaten. Regulierungswut erstickten Unternehmertum, restriktive Gesetze und beschränkter Zugang zu Eigentum machten es unmöglich, ländliche Ankömmlinge in die Stadtgesellschaft zu integrieren.

Dahinter steckt auch ein grundlegendes Missverständnis über die Natur der Ankunftsstädte. Die Armutsquote in Einwanderervierteln bleibt trotz steigenden Wohlstands konstant hoch – weil diese Viertel ständig mittellose Neuankömmlinge aufnehmen, während sie gut ausgebildete Aufsteiger in wohlhabendere Viertel entlassen.

Außenstehende, die dennoch Politik für diese Viertel machen, missverstehen diese Mechanismen systematisch – und scheitern darum daran. Sie glauben, diese Orte bräuchten mehr Sozialarbeiter, mehr Integrationskurse und mehr Betreuungsangebote – dabei brauchen sie Instrumente zum Erwerb von Eigentum, Bildung, Raum für Unternehmertum und Anbindung an die größere Wirtschaft.

Abbildung 6: Langsamer als in anderen Weltregionen erfolgt die Urbanisierung in Afrika. Doch sie schreitet voran. Der Korrespondent des Economist Richard Dowden beschreibt in seinem Buch „Africa: Altered States, Ordinary Miracles" eine Fahrt von Nairobi in die Stammesregion der Samburu. Mit ihm reisen junge Männer des Stammes, die in der Hauptstadt arbeiten – ein Wachmann, zwei Studenten, ein Büroangestellter, ein Anwalt. Sie erzählen von ihren Hoffnungen in der Stadt. Kaum im Heimatdorf angekommen, legen sie Jeans und T-Shirts ab, richten ihr Haar und legen Armreifen und Halsketten an und warfen sich in ihre traditionellen Roben – hier am Land kleidet man sich schließlich anständig. (Bildquelle: Marina Kryuchina, 2022)
Abbildung 6: Langsamer als in anderen Weltregionen erfolgt die Urbanisierung in Afrika. Doch sie schreitet voran. Der Korrespondent des Economist Richard Dowden beschreibt in seinem Buch „Africa: Altered States, Ordinary Miracles" eine Fahrt von Nairobi in die Stammesregion der Samburu. Mit ihm reisen junge Männer des Stammes, die in der Hauptstadt arbeiten – ein Wachmann, zwei Studenten, ein Büroangestellter, ein Anwalt. Sie erzählen von ihren Hoffnungen in der Stadt. Kaum im Heimatdorf angekommen, legen sie Jeans und T-Shirts ab, richten ihr Haar und legen Armreifen und Halsketten an und warfen sich in ihre traditionellen Roben – hier am Land kleidet man sich schließlich anständig. (Bildquelle: Marina Kryuchina, 2022)

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[1] D. Saunders, Arrival City: How The Largest Migration in History Is Reshaping Our World, New York: Pantheon, 2010.

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